Krieg den Hütten, Friede den Unis


Wenn im letzten Kriege die Kritik der Militärgewalt der Ausgangspunkt für eine leidenschaftliche Kritik der Gewalt im allgemeinen geworden ist, welche wenigstens das eine lehrt, daß sie naiv nicht mehr ausgeübt, noch geduldet wird, so ist sie doch nicht nur als rechtssetzende Gegenstand der Kritik gewesen, sondern sie ist vernichtender vielleicht noch in einer anderen Funktion beurteilt worden. Eine Doppelheit in der Funktion der Gewalt ist nämlich für den Militarismus, der erst duch die allgemeine Wehrpflicht sich bilden konnte, charakteristisch. Militarismus ist der Zwang zur allgemeinen Anwendung von Gewalt als Mittel zu Zwecken des Staates. Dieser Zwang zur Gewaltanwendung ist neuerdings mit gleichem oder größerem Nachdruck beurteilt worden, als die Gewaltanwendung selbst. In ihm zeigt sich die Gewalt in einer ganz anderen Funktion als in ihrer einfachen Anwendung zu Naturzwecken. Er besteht in der Anwendung von Gewalt als Mittel zu Rechtszwecken. Denn die Unterordnung der Bürger unter die Gesetze – in gedachtem Falle unter das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht – ist ein Rechtszweck. Wird jene erste Funktion der Gewalt die rechtssetzende, so darf diese zweite die rechtserhaltende genannt werden. Weil nun die Wehrpflicht ein durch nichts unterschiedener Anwendungsfall der rechtserhaltenden Gewalt ist, darum ist ihre wirklich durchschlagende Kritik bei weitem nicht so leicht, wie die Deklamationen der Pazifisten und Aktivisten sie sich machen.Sie fällt vielmehr mit der Kritik der Rechtsgewalt, das heißt mit der Kritik der legalen oder exekutiven Gewalt zusammen und ist bei einem minderen Programm gar nicht zu leisten.
(Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt)

Das Utopische des Standpunkts, der eine Friedensära und die Rückbildung des Militarismus in der heutigen Gesellschaft erwartet, kommt deutlich darin zum Ausdruck, das er zur Projektemacherei Zuflucht nimmt.
(Rosa Luxemburg, Friedensutopien)

Seit gestern ist es offiziell. Der demokratisch mitbestimmende Teil (etwa 15%) der Studierenden an der Uni Frankfurt folgt mit 76,3 % dem guten Beispiel aus Bremen, Dortmund, Köln oder Tübingen und spricht sich per Abstimmung für eine sogenannte Zivilklausel in der Grundordnung der Goethe Universität aus. Die Forschung an der Hochschule soll nur zivilen Zwecken dienen, mit dem Rüstungsgeschäft und „militärischen Zwecken“ will man nichts zu tun haben. Bereits seit einem Jahr besteht eine überregionale Initiative, die sich gegen Militär- und Kriegsforschung an den Hochschulen einsetzt. In der Erklärung des Zusammenschlusses von Gewerkschaften, AStAs, überregionalen Protestbündissen und Friedensstiftungen „Hochschule für den Frieden – ja zur Zivilklausel“ heißt es:

Freiheit von Forschung und Lehre ist nicht beliebig. Diese Freiheit geht vom umfassenden Friedensauftrag des Grundgesetzes aus und setzt der militärischen Forschung an zivilen Hochschulen Schranken. Und, Hochschulen werden durch Zivilklauseln in keiner Weise in ihrer Forschung beschränkt. Keine Erfindung zum Wohle der Menschen erfordert Militärforschung.
Dem Grundgesetz, also der niedergeschriebenen Manifestation der Staatsgewalt und Regelwerk zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Normalvollzugs als gewaltsame Herrschaft von Menschen über Menschen, einen „umfassenden Friedensauftrag“ zu attestieren, zeugt von der grenzenlosen Naivität, in der sich Lernende und Lehrende nicht nur ihrem eigenen Staatsapparat, sondern dem Rechtsstaat als bürgerlichem Gemeinschaftsprojekt im Ganzen kollektiv andienen. Dass die Universitäten durch die Zivilklausel nicht in ihrer Forschungsarbeit beschränkt würden, lässt zudem aufhorchen. Immerhin könnte man meinen, dass die Beschränkung der Forschung doch das ganze Ziel der Initiative sei. Der zivilaktivistische Teil der Akademie aber fühlt sich dazu berufen selbst zu bestimmen, was überhaupt Forschung sein darf. Und so die lautet die klärende Universalformel:

> Forschung dient dem Wohle der Menschheit
> Kriegsforschung dient nicht dem Wohle der Menschheit
> Kriegsforschung ist keine Forschung
> Das Verbot militärischer Forschung ist kein Verbot, weil das Verbotene gar nicht existiert….oder so ähnlich.

Das Problem der Intiative, das sie mit solcherlei Konstruktionen und einem um so lauteren „WIR SIND EMPÖRT“ verdecken muss, deutet sich hier schon an: die unmögliche Trennung eines friedlichen Zivilen vom gewaltsam Kriegerischen. Und so heißt es auch in der Erklärung: „Keine Fachrichtung bleibt zivil.“ Das selbe Problem beschreibt auch Christoph Marischka in seinem Artikel „Wo beginnt der Krieg?“:

Ob die Forschung in Tübingen jedoch eher darauf abzielt, eigene Soldaten zu schützen, Kollateralschäden bei zukünftigen Angriffskriegen zu reduzieren oder dem Schutz von Zivilisten im Inland dienen soll, ist somit bislang unklar. Keinesfalls ist die Organophosphatforschung pauschal zu verurteilen, da sie auch wichtig für den Bevölkerungsschutz ist. Zu kritisieren ist jedoch in jedem Falle, dass diese Forschung intransparent und im Auftrag des Verteidigungsministeriums durchgeführt wird – womöglich sogar unter Geheimhaltung steht und damit die Forschungsergebnisse nicht öffentlich gemacht werden. Dasselbe gilt auch für die Strahlenforschung, die womöglich durchaus notwendig und nutzbringend ist, jedoch besser im Dienste eines zivilen Bevölkerungsschutzes aufgehoben wäre.
Was nun aber ist „ziviler Bevölkerungsschutz“? Und warum sollte es eine Rolle spielen, welche Intention zu einem nutzbringenden Forschungsresultat geführt hat? Möglicherweise fördert wehrpharmazeutische Forschung Ergebnisse zu Tage, die für die gesamte Medizin von Bedeutung sind, die in der Allgemeinpharmazie aber nie finanziert worden wären. Und andersherum: welche Ergebnisse sogenannter „ziviler“ Forschung wären denn nicht auch militärisch anwendbar? Die Glühbirne wird nicht böse, nur weil sie im Feldlazarett leuchtet. Die Trennung geht schlichtweg nicht auf. Trotzdem aber wird daran festgehalten: „Wir wenden uns gegen die Behauptung, friedliche zivile Forschung kann von militärischer nicht unterschieden werden“. Und auch für die Gewerkschaftsjugend, Hochschulgruppen, den Mittelbau, AStA und andere Gremien der Uni Frankfurt ist klar: die Entscheidung über friedlich oder nicht, soll das Zivile der Universität treffen. Mit keinem Wort aber wird erklärt, was das denn nun sei. Die Verlautbarungen lassen nur darauf schließen, dass auf jeden Fall „Demokratie“, „Transparenz“, „Gewaltlosigkeit“, „friedliche Generierung von Wissen“ dazugehören und scheinen einer Vorstellung eines interesselos Politischen anzuhängen. Dieses soll als Bollwerk stehen gegen… ja gegen was eigentlich? Gegen den Staat? Kaum, denn dieser ist nicht nur Herr über sein Heer, sondern ebenso die Arena, innerhalb deren sich die Zivilität nur bewegen kann, er ist selbst ihr Konstitutives. Sein Grundgesetz ist ebenso Geschäftsgrundlage der Bundeswehr und ihrer Forschungszentren, wie des Bundestags, des DGB, des DFB oder eben der Universität Frankfurt. Das Zivile kann nur die mal mehr mal weniger, eben bestenfalls relativ autonome und nur scheinbar rein politische Form des Verkehrs zwischen den Civites, den Staatsbürger_innen sein, die auf dem grundlegenden Gewaltverhältnis Staat beruht. Zudem ist es derselbe Staat, der -wenn auch meistens für irgendeinen nützlichen Frieden – militärische Kriege führt. Wie passt das zusammen? Gar nicht, wenn man wie die engagierten Studierenden der deutschen Friedensuniversitäten davon ausgeht, die Politik in Rechtsform gegen die Ökonomie oder einen luftschwebenden Militarismus in Stellung bringen zu können. Um hier nicht missverstanden zu werden: wenn im Büro rechts des Seminarraums präzisere Waffensysteme für Kampfhubschrauber entwickelt werden, so kann man dies natürlich schlimmer finden als wenn im Büro links daneben ein Rainer Forst über die Anerkennung der Anerkennung des Rechts zur Rechtfertigung im Raum der Gründe sinniert – auch wenn darüber erst einmal zu streiten wäre. Militärische Forschung aber per Paragraph verbieten zu wollen, sabotiert dieses Missfallen wenn es sich als abstrakter Pazifismus mit der Rechtsform panzern will. Dann nämlich wird nicht der Krieg, etwa durch die Überwindung seiner Notwendigkeit, bekämpft, sondern es wird so getan, als fiele durch das Verbot der Kriegsforschung auch nur eine Bombe weniger. Weil man insgeheim weiß, dass das keineswegs der Fall ist, so soll doch aber bitteschön zumindest die „Alma Mater“, die ihre Kinder auf einen unschuldigen, kritischen Platz am Gesellschaftstisch hoffen lässt, mit diesem schmutzigen Geschäft nichts zu tun haben.

In der Forderung nach der Zivilklausel zeigt sich, dass Politik als Artikulation der Rechtssubjekte, wo sie sich nicht gleichzeitig gegen diesen wendet, affirmativ wird und zur Identifikation mit selbigem einlädt. Dieser Preis ist zur konkreten Verbesserung der Lebensbedingungen von konkreten Menschen auch oft genug zu zahlen. Wenn es aber nur darum gehen soll, an der Uni – selbst materialisierter Ausdruck des permanenten Krieges – die Pacefahne auch weiterhin mit gutem Gewissen schwenken zu können, ist das eine mehr als überflüssige Übung. Um dem grundlegenden Widerspruch, dass das zur autonomen Sphäre verabsolutierte Politische selbst Teil des Problems ist, nicht ins Auge sehen zu müssen, geschweige denn ihn reflektierend in der eigenen Praxis auszutragen, wird das, was im Staat und dessen Recht selbst begründet liegt, ins vermeintliche Außen projeziert: die Rüstungskonzerne infiltrieren mit ihrem schmutzigen Geld die dahin darbenen Universitäten:

Seit 20 Jahren leiden die öffentlichen Hochschulen unter einer politisch getriebenen Unterfinanzierung. Selbst nach Berechnungen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) beträgt der Fehlbetrag weit über 2 Mrd. Euro. Gleichzeitig vergeben Rüstungskonzerne Forschungsarbeiten und finanzieren Stiftungsprofessuren. Drittmittel-Geber der militärischen Forschung nutzen die Unterfinanzierung ziviler Hochschulen aus. Finanzielle Abhängigkeit von Drittmitteln gefährdet die Autonomie der Hochschulen und zerstört demokratische Entwicklung.
Warum die finanzielle Abhängigkeit von Drittmitteln die Autonomie der Hochschulen gefährdet, die finanzielle Abhängigkeit vom Staat aber gar nicht groß genug sein kann, ist nur mit dem grenzenlosen Staatsvertrauen der friedliebenden Akademiker_innen zu erklären. Er wird imaginiert als die neutrale öffentliche Hand, die sich schützend und wohlverteilend über die Stätten des Geistes legt. Und auch wenn sich einige ein weniger romantisches Bild über die Uni machen mögen, so bleibt zumindest die eigene Wissenschaft heilig, der durch die doch so viel nichtswürdigere Militärforschung das Wasser abgegraben wird.. Die einzelnen Disziplinen werden mit keinem Funken als zu überwindende begriffenen, eher schon sieht man sich als die nächste Koryphäe des eigenen spannenden Fachgebiets. Und um weiterhin glauben zu können, auf der richtigen Seite zu stehen, wird die Universität trotz täglicher Gegenbeweise und gegen die kulturpessimistischen Kommentare der Tageszeitungen, die auf die notwendige Transformation der Universitäten zu teilprivatisierten Ausbildungsbetrieben reagieren, mit eisernem Willen als Ort der „Demokratie“, der „Mitverwaltung“ und (fast schon synonym) der „Freiheit“ hoch gehalten:
Militärforschung an den Hochschulen beschränkt die Transparenz, Autonomie, und greift Demokratie und Freiheit an den Hochschulen an.
Deshalb ist klar:
WIR werden nicht tatenlos zusehen, wenn an UNSEREN HOCHSCHULEN (wieder) für den Krieg geforscht wird. WIR werden es nicht dulden, wenn an UNSEREN HOCHSCHULEN wieder militärische Geheimforschung betrieben werden soll. [Hvhb. lea]
Es zeigt sich: wie gut, d.h. in welch geringerem Maße pazifistisch die Motivation zur Unterstützung einer Zivilklausel auch sein mag, ihre erste Voraussetzung bleibt die Identifikation mit der Universität und ihrer akademischen Familie. Sie soll den jämmerlichen Lebensmittelpunkt der Studierenden vor dem Einfall der äußeren Bedrohung schützen. Die Avantgarde der „Verhandlungen, friedliche[r] Konfliktregelungen, Abrüstung und Rüstungskonversion […] gerechte[r] Weltwirtschaftsordnung“ will sich ihrer wissenschaftlichen Unschuld durch das Recht gesichert wissen. Ihr unausgesprochenes Motto lautet: Unsere Uni soll sauber bleiben. Zynisch wird der pazifistische Aufruf dann, wenn er sich – wie übrigens auch der AStA der Uni Frankfurt – die deutsche Geschichte auf seine Seite holt, um auch die letzten Zweifel auszutreiben:
Die Geschichte der deutschen Hochschulen verpflichtet: Sie stellten sich zum allergrößten Teil bereitwillig in den Dienst des Faschismus, sie untermauerten auf angeblich wissenschaftlicher Ebene deren menschenfeindliche Ideologie und beteiligten sich an der Ermöglichung eines desaströsen Expansionskrieges. Eine unabhängige und transparente Wissenschaft und ihre Orientierung an den sozialen und zivilen Interessen der Bevölkerung sind der Geschichte entgegen zu setzen.
Abgesehen davon, dass mit der Charakterisierung des deutschen Vernichtungskrieges als „desaströs“ weiter nichts gesagt ist, als dass er misslang, und dass sich die nationalsozialistische Forschung ihres sozialzivilen Interessenauftrags der Deutschen durchaus sicher sein konnte, so bleibt doch auf die Unverschämtheit hinzuweisen, mit der man aus der deutschen Geschichte v.a. den Pazifismus zu schlussfolgern weiß. Anstatt mit einer fixen Idee über das Zivile die nächste zu jagen, hätte ja auch einmal eine_r der Verfasser_innen auf die Frage stoßen können, wie die Alliierten denn ohne Kriegsforschung den hochgerüsteten Nazifaschismus hätten niederringen können. Aber mit oder „gegen“ die Geschichte, eine Forderung der Initiative kann als bereits erfüllt betrachtet werden
Wissenschaft, Forschung und Lehre müssen dem Frieden und der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichtet sein
So lange sich die natürlichen Lebensgrundlagen nur auf die falschen Formen der zweiten Natur beziehen können, so lange können Wissenschaft, Lehre und Forschung gar nichts anderes tun, als sich Staat und Kapital, ihren „natürlichen Lebensbedingungen“ gegenüber um größtmögliche Profitabilität zu bemühen und eben den wissenschaftlichen Output an Ideologie und Legitimationsstudien für den kapitalistischen Frieden produzieren, für den sie bezahlt werden. Eben so lange werden sie „verpflichtet sein“ und „dienen“ und ihrer „Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“ gerecht. Eine Zivilklausel an den Unis schadet deshalb zwar nicht. Aber der engagierte Eifer der Kampagne ist um so weniger zu erklären, als jede andere Dummheit, solange sie an irgendeiner Professur hängt, bestenfalls murrend geschluckt und schlimmstenfalls studiert wird. So lange noch auch nur ein Lehrstuhl der VWL, BWL, AVL, der Rechtswissenschaften, der Soziologie oder Politikwissenschaft existiert, so lange bleibt ein jedes Verbot der Kriegsforschung gutmeinender Unfug.

Polen bleibt Konsens

Der folgende Text bezieht sich auf die nationalistischen Märsche in Warschau im November letzten Jahres und erscheint jetzt etwas veraltet hier:

Zum zweiten mal innerhalb eines Monats hat Jarosław Kaczyński und seine Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter dem Motto der nationalen Unabhängigkeit mehrere Tausend Anhänger_innen nach Warschau mobilisiert. Bereits am 11. November, dem Nationalfeiertag der polnischen Unabhängigkeit von 1918, hatte neben dem obligatorischen Staatsakt und der historischen Militärparade durch die Warschauer Innenstadt der seit 5 Jahren von der PiS und der ONR (Allpolnische Jugend – eine teils offen faschistisch auftretenden Organisation) unterstützte „Marsch der Unabhängigkeit“ stattgefunden. Dieses Jahr hatte sich die Stimmung durch die Ankündigung einiger deutschen Antifa-Gruppen an den Gegenprotesten teilzunehmen, besonders aufgeheizt – man muss bedenken, dass es innerhalb der PiS und anderer rechtskonservativer Parteien in Polen nach wie vor Stimmen gibt, die einen erneuten Einmarsch deutscher oder russischer Truppen jederzeit für möglich halten. Eine Störung der Unabhängigkeitsfeier ausgerechnet durch deutsche Provokateur_innen, die übrigens nach einem kurzen Scharmützel schnell festgenommen und bis zu drei Tagen unter miserablen Bedingungen festgehalten wurden, konnte also nur als Affront aufgenommen werden. So distanzierten sich im Nachhinein sogar einige Gruppen des maßgeblich von (queer-)feministischen, anarchistischen und linksintellektuellen Gruppen getragenen antifaschistischen Bündnisses von den deutschen Autonomen.

Hatte es am 11. November noch heftige Straßenschlachten zwischen den Neofaschisten der ONR und der Polizei gegeben, blieb am 13. Dezember alles friedlich. Das könnte vor allem dem spezifischen Anlass der Demo am 30. Jahrestag des 1981 gegen die Proteste der Solidarność-Bewegung eingesetzten Kriegsrechts in Polen geschuldet sein. Der erneute Marsch der Unabhängigkeit wurde vor dem Hintergrund der Rede des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin organisiert. Dort hatte Sikorski im Bezug auf die sogenannte Euro-Krise angemerkt, dass er sich mehr vor deutscher Inaktivität als vor deutscher Macht fürchte. Für Kaczińsky, der in den letzten Jahren mit einem strikten anti-BRD und anti-EU-Kurs um Stimmen warb, waren solche Worte ein gefundenes Fressen. Dies um so mehr, als seine Partei nach einigen Flügelkämpfen, die letztlich mit einer personellen Abspaltung der nun neu gegründeten Partei Solidarisches Polen endeten, stark angeschlagen scheint. Schon Kaczińskys kurz vor der Wahl veröffentlichtes Buch „Das Polen unserer Träume“ und die darin enthaltenen Andeutungen, bei Angela Merkels Wahl zur Kanzlerin sei es nicht mit rechten Dingen zu gegangen, hatten die PiS nach Meinung der Analyst_innen der letzten Chancen einer ernsthaften Konkurrenz zu Donald Tusks liberalkonservativer Bürger-Plattform beraubt.

So trat Kaczińsky am Montag letzter Woche auch als einer auf, der mit einer erneuten Manifestation die verlorenen Schäfchen des rechtsnationalen Lagers wieder vereinen möchte. An äußeren Feinden mangelt es angesichts einer EU-freundlichen Regierung mit guten Beziehungen zur BRD und der neu entstandenen Ruch Palikota, einer liberalistischen Spaßpartei des ehemaligen Wodkamagnaten Palikot, die bei der Wahl im Oktober aus dem Stand etwa 10 % erreichte, nicht. Kaczińsky versprach den 5-10 000 Demonstrant_innen einen harten Kampf der PiS um die nationale Souveränität Polens, die von Tusk, Sikorski und der Regierung untergraben werde. Würde das von der Regierung „krank gemachte“ Polen endlich die schweren Lasten abschütteln, hätte es in seiner Entwicklung längst mit China gleichgezogen. Die Menge antwortete mit Sprechchören wie „Sikorski – Verräter der Nation“, „Tusk und Sikorski nach Berlin, Polen den Polen“. Bei einem Zwischenstopp mit Kranzniederlegung am Denkmal des nationalistischen und antisemitischen Dichters Roman Dmowski skandierte die Menge: „Eine richtige Familie besteht aus einem Jungen und einem Mädchen“. Natürlich waren auch wieder jede Menge verschwörungstheoretische Hinweise über die Wahrheit des Flugzeugabsturzes von Smolensk 2010 im Umlauf, ein Thema, dessen sich vor allem die neue PiS-Abspaltung jeden Sonntag vor dem Präsidentenpalast in der Warschauer Innenstadt annimmt. Für Aufsehen sorgte auch ein großes Transparent, das unter der Überschrift „Konzentration Lager Europa“ den Weg in die EU als blutige Straße durch ein von Deutschland- und EU-Fahnen begrenztes KZ-Tor mit der Inschrift „€ macht frei“ abbildete.

Die marginalisierte polnische Linke hat zu all dem nicht besonders viel zu sagen. Schon am 11. November beschränkte sie sich darauf, dem grußeligen Treiben der Nationalist_innen und Neofaschist_innen ihre Vision einer demokratischen, offenen und bunten Gesellschaft und damit einen linksliberalen Patriotismus der dritten Republik entgegen zu setzen. So wehten dann auch auf der Blockade die polnischen Fahnen, so dass sich deren Teilnehmer_innen vom aufgeklärten politischen Establishment lediglich darin unterschieden, dass letzteres den Marsch als nationale Schande totschwieg, um sich im Nachhinein über die Ausschreitungen von „Hooligans“ zu muckieren. Das antifaschistische Bündnis war nach Dresdner Vorbild v.a. auf Breite angelegt. In einem auf Indymedia Deutschland veröffentlichten FAQ zum Novembermarsch wurden als Gründe für die Bündnisbeteiligung neben Homophobie, Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus groteskerweise auch die „offizielle Duldung der Besetzung palästinensischer Grenzgebiete“ angegeben. Damit wendet man sich gegen die seit 1990 durchgängig freundschaftlichen diplomatischen Beziehungen polnischer Regierungen zu Israel, die im Zuge der antisemitischen Kampagne in allen Teilen der Sowjetunion nach dem 6-Tage-Krieg von 1968 komplett abgebrochen worden waren. Gleichzeitig richte man sich aber gegen den „Anti-Amerikanismus“ und „Antizionismus“ der Rechten; in Anbetracht der Bündisteilnahme des Palästina-Solidaritätskommitees, das u.a. anderem auf die antisemitische Website electricintifada verlinkt, darf dies getrost als Lippenbekenntnis betrachtet werden.

Eine grundsätzliche Kritik an der Nation scheint nach gerade mal 22 Jahren Existenz eines Staates, für den die Nation historisch betrachtet immer ein Synonym für Befreiung gewesen ist, nicht möglich. Eine Ausnahme dürften dabei die anarchistisch gestimmten Autonomen bilden, die sich im November – wie sich zeigen sollte auch notwendigerweise – als eine Art Schutzmiliz der Blockade organisiert hatten. Deren Kritik des polnischen Nationalismus beschränkt sich dann aber auch auf die letzthin in Deutschland populär gewordene Nullerklärung, dass die Menschen eben für den Frust durch die sich drastisch verschlechternden Lebensbedingungen auf der Suche nach Stabilität und einfachen Antworten seien. Eine spezifischere Bestimmung des ängstlich nach außen schlagenden Konglomerats aus Katholizismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Fremdenhass und Volkstümelei im polnischen Nationalismus bleibt völlig aus. Und auch die anarchistische Szene, die sich v.a. in Torun, Poznan und Bialystok u.a. in kleinen Antifa-Gruppen organisiert, scheint die Unterscheidung zwischen einem gesunden Patriotismus und dem Nationalismus von rechts insgeheim zu teilen. So wurde im Aufruf gegen den Marsch im November explizit über die „patriotische Hülle“ des „braunen Marsches“ aufgeklärt, der Patriotismus der Otto-Normalbürger_in, die sich „naiv“ dem Marsch anschlösse, hingegen nicht kritisiert. Auch im eben erwähnten FAQ wurde den Blockadegästen aus dem Ausland nochmal erklärt, dass antinationale Gesten nicht erwünscht seien. Der Verweis auf historische Gründe mag hier plausibel sein, trotzdem dürfte Emanzipation ohne eine Kritik der Nation auf Dauer nicht zu machen sein. Konsequenterweise ist auch ein positiver Bezug auf Kommunismus unter polnischen Linken nicht gerne gesehen, da die „explizite Trennung zwischen real existierendem Kommunismus und der kommunistischen Ideologie“ so nicht geläufig sei. Abgesehen von der kürzlichen Neuauflage des 18. Brumaire von Marx, scheint eine Beschäftigung mit kommunistischer Theorie auch im linken Studimilieu nur über den Umweg des französischen Poststrukturalismus möglich. Und tatsächlich findet sich auf einigen polnischen Antifa-Websites auch ein Strichmännchen, dass nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch Hammer und Sichel in die Tonne schmeißt. Einen solchen Button würde sich wohl auch Jaroslaw Kaczyński anheften lassen.

Vergesellschaftungsspiele

Sogenannte Brettspiele werden mit Schlagworten wie „Strategie“, „Kreativität“, „Adventure“, „Rollenspiel“ beworben und alle sind sie ein „Spaß für die ganze Familie“. Seit den 70ern gibt es auch eigens erfundene Spiel-Stiftungen, die Testberichte verfassen und Preise verleihen, am wichtigsten der des Titels „Spiel des Jahres“. Jede Entwicklungsfirma kann sicher sein, sich mit diesem Prädikat beim nächsten Weihnachtsgeschäft eine goldene Nase zu verdienen, denn Gesellschaftsspiele sind in den Häusern des Klein- und Bildungsbürgertums durchaus beliebte Geschenke, wegen ihres oft hohen Preises v.a. von Eltern an ihre Kinder. Man hat das Gefühl, etwas (auch pädagogisch) Sinnvolles zu schenken, etwas Pfiffiges für die abendliche Auflockerung, ein Medium, das eine von gelöstem Lachen getragene Gemeinschaftsstimmung in kleiner oder größerer Runde stiftet, sie geradezu erzwingt. Und selbstverständlich ist das vieeel besser als Fernsehen oder Computerspiele. Das Gesellschaftsspiel soll auch dort Beziehungen erzeugen können, wo keine mehr sind, wo man sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat und die Sprachlosigkeit im heteronomen Handlungsrahmen durch den vollzogenen Verkehr von Dingen ersetzt wird. In dieser Eigenschaft sind sie Spiegel der Vergesellschaftung durch den Warentausch. Allerdings gibt es keinen Grund, sich dabei zu bescheiden, schließlich gibt es ganz verschiedene Gesellschaftsspiele. Es gibt solche, die Kreativität, Teamwork, Interaktion und Wissen erfordern; und es gibt solche, die auf strategisches Geschick, schnelle Kombinationsgabe, effiziente Verwaltung und gekonnten Einsatz der eigenen Ressourcen ausgelegt sind. Wenige der Spiele dieser Kategorie kommen ohne Geld oder eine andere Form der Währung aus, für die es etwas (Fähigkeiten, Schätze, weiteres Kapital) zu kaufen gilt, das möglichst gut angelegt, investiert oder eben aufbewahrt wird. Die Spiele der ersten Kategorie lassen mit dem meist abwechslungsreichen Spielablauf ein gewisses Maß an Spontanität zu. Auch das Scheitern der Kommunikation, eigene Insuffizienz und schlichter Blödsinn können hier spielerisch und spaßhaft erfahren werden. Das Gefühl des Zurückgesetzt-Seins in der (v.a. wiederholten) Niederlage ist allerdings grausamer als in denjenigen Spielen, die Strategie beim formalen Regelbefolg erfordern. Deren geschickteste Handhabung kann schließlich trainiert werden und ist theoretisch für alle erreichbar. In den Kreativspielen geht es aber letztlich um die Soft-Skills. Natürlich sind auch die erlernbar, allerdings nicht in ein paar Stunden. Sie sind eher als Resultat frühkindlicher Erziehung, dem jeweiligen Stand des Allgemeinwissens, Kombinationsgabe und eben dem kreativen Vermögen vorzustellen. Wie man ist, kann dann in einem spielerischen Wettstreit in die Waagschale geworfen werden. Die Niederlage spricht das Urteil: du kannst es eben nicht oder nicht gut genug, deine Fähigkeiten reichen nicht aus.

Anders die Spiele der zweiten Kategorie: Hier gilt der Ablauf der formalen Regeln, die sich oft in nichts von sogenannter Marktlogik unterscheiden, mit der Außnahme, dass man sich bspw. bei Dominion (Spiel des Jahres 2009) seine Stellung im Wettkampf um Grundbesitz mit gekauften Fähigkeiten verbessern kann. Wie schon gesagt, ist diese Art des Fähigkeitenerwerbs sicher demokratischer und egalitärer im Sinne abtrakter Gleichheit. Theoretisch kann immer jede gewinnen. Trotzdem macht dieser Vorteil solche Spiele nicht spannender, außer für diejenigen die eben ihren Spaß im Sich-Durchsetzen als Einzelne gegen die Konkurrent_innen haben. Anstatt aber, dass der Sieg das Spiel beendet, macht das Spielende oft erst den Sieg. Bspw. endet Dominion wenn zwei der vielen Kauf- oder Ländereienstapel leer sind. Dann wird gezählt, wer bis zu diesem Zeitpunkt am meisten Punkte gesammelt, wer am erfolgreichsten allein und unabhängig von allen anderen Spieler_innen getrennt für sich gewirtschaftet hat. Für ein Spiel, das sich wie die meisten erfolgreichen Spiele der letzten Jahre ein romantisiertes Mittelalter-Setting als Hintergrund für das nur zu moderne Battle der Kauf- und Handelsfähigkeiten wählt, ist das etwas enttäuschend. Tatsächlich geht es in diesem Spiel nicht um das Potential seiner Aufmachung, um ein Eintauchen in eine andere Welt („Irisches Flair genießen, ohne das heimische Wohnzimmer zu verlassen“, Leipziger Volkszeitung über Keltis). Eher deutet sich darin eine als lustvoll erfahrene Einübung der für die Selbsterhaltung notwendigen Denkformen an, die der spielerischen Konditionierung des nach gewissen Regeln sinnlos vor sich hin handelnden Einzelwesen gleichkommt. Und eben diesem wird am nicht selbst bestimmten, sondern durch äußere Umstände gesetzten Ende die Rechnung gemacht. In diesem Rollenkartenspiel bildet der Inhalt der mit den Kartenfiguren geschaffenen Welt nicht mal den glaubwürdigen Träger der formellen Eigenschaften und Fähigkeiten der Karten. Er dient eher als Hintergrund, letztlich als bedeutungslose Schablone, die man nett anzuschauen findet, solange man sich nicht mit ihrer ästhetischen Dimension beschäftigt. Phantastischer ist in dieser Hinsicht Magic, dass in pubertierenden Jungscliquen der Kleinstadtgymnasien zumindest zeitweise den Rang einer Ersatzreligion für sich beanspruchen konnte. Wenn es auch darin v.a. um die Fähigkeiten der Kartenwesen geht, so lässt es die ziemlich komplexe Spielwelt offensichtlich doch zu, auf den archaischen Reiz von Namen wie Verrottungshirte, Elfischer Raufbold, Sengendes Fleisch, Meuchelmeister oder Hammer von Bogardan anzuspringen und sein Deck thematisch und nach eigener Vorliebe für ein bestimmtes Prinzip der Phantasywelt aufzubauen.

Grauzonenspiele a la Magic, die weder in die erste, noch in die zweite Kategorie passen, gibt es sicherlich viele. Und im Spielspaß mögen oft auch ganz individuelle Momente des Vergnügens stecken, die sich mit der Reduktion auf den Verstandesvollzug des homo oeconomicus nicht beschreiben lassen. Trotzdem muss er auch in den Entwicklungsfirmen immer vorausgesetzt werden, um größtmögliche Massentauglichkeit und schnelles Spielverständnis garantieren zu können, alles andere stellt potentiell ein Verlustrisiko auf dem rasant wachsenden Spielemarkt dar. Weitgehend unabhängig von Entwicklungsfirmen gibt es natürlich auch noch Kartenspiele. Ob sich die These, dass es sich hier immer um tendenziell proletarische Spiele handelt, halten lässt, will ich dabei offen lassen. Meiner Erfahrung nach wird aber bspw. Schafkopfen v.a. von am Sonntagvormittag weißbiertrunkenen BMW-Angestellten in bayerisch-düsteren Wirtshäusern zelebriert. Das mehrheitsfähigere Poker scheint sich u.a. durch die Internetplattformen weltweit in allen Milieus verankert zu haben. Beim Pokern passiert eine Vermittlung der Befolgung der formalen Abläufe mit subjektiven Fähigkeiten und charakterlicher Disposition. Beeinflusst wird der Ablauf nicht nur durch das persönliche Glück bei der Kartenausgabe, sondern auch durch die laute oder eben auch lautlose Interaktion mit dem Gegenüber, die bis hin zu durchtriebenen Psychospielchen um den Bluff und das rechtzeitige Aussteigen reicht. Diese subjektiven Momente unterscheiden es noch von der revolutionären Königsdisziplin: dem tatsächlichen Glücksspiel. Beim Roulette, BlackJack, v.a aber beim einarmigen Banditen überlässt sich die Figur des Spielers völlig dem Schicksal, stellt sich, so Benjamin, dem Mythos. Indem er sich die „Zeit vertreibt“, spritzt sie ihm „aus allen Poren“:

Das Ideal des chockförmigen Erlebnisses ist die Katastrophe. Das wird im Spiel sehr deutlich: durch immer größere Misen, die das Verlorene retten sollen, steuert der Spieler auf den absoluten Ruin zu.
Passagenwerk [O 14,4]
Das Glücksspiel gleicht in der permanenten Wiederholung denselben gleichen Handgriffe der Fabrikarbeit, macht die Spielenden zu Maschinen. Diese aber erleben den Zeitvertreib als leibhafte Erfahrung der homogenen und leeren Zeit, und steuern auf die Katastrophe zu als bewusstmachender Ausbruch aus dem Zeitverlauf. Demgegenüber wären die Brett- und Gesellschaftspiele der bürgerlichen Familie als Verklärung zu verstehen, als Ausblendung der Möglichkeit eines jeden Ruins. Im Spiel kann verloren werden ohne unter zu gehen. Auch das will gelernt sein, wer kennt nicht den Spruch vom „Verlieren können müssen“? Der Spielablauf nach äußeren Regeln wird mit Spaß aufgeladen, erstens, weil es der ohnehin immer geforderten Freude am sinnlosen Tun der Arbeitswelt entspricht, zweitens weil die Teilnahme hier ausnahmsweise selbst gewählt werden kann. Gesellschaftsspiele sind somit primär Trost; kein Produkt der Manipulation, sondern Ausdruck der Tatsache, dass es ihrer in den seltensten Fällen überhaupt noch bedarf.

Strafbedürfnis II

Vatels Albtraum
Mit der Feststellung, dass der Sternekoch Alfons Schuhbeck für McDonalds wirbt, hat Silke Burmester auf Spiegel online einen großen Coup gelandet. Endlich werden die deutschen Star- und Fernsehköch_innen enttarnt: die wollen ja nur Geld machen! Burmester kommt dieser Skandal einer persönlichen Befreiung gleich, denn schon seit langem hegt sie Groll gegen die Diktatur des guten Geschmacks. Den folgenden Absatz sollte man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

Ich habe die Jahre nicht gezählt, in denen Sie und ihre „Starkoch“-Kollegen die Bevölkerung mit ihrer Ersatzreligion der „Genussküche“ bereits beglücken, aber es sind auf jeden Fall zu viele. Sie haben es geschafft, aus dieser Butterbrot- und Rollmopsnation eine Art kulinarische Luftnummer zu formen, in der Menschen den Ton angeben, die ein Lamm vernünftig zubereiten können. Was früher die Zeugen Jehovas mit ihrem „Wachtturm“ waren, sind heute Schuhbeck, Lafer, Poletto & Co. Sie lauern an jeder Ecke, grinsen von jedem Plakat und winken auf jeden Fernsehkanal mit ihren Löffeln, Rinderbeinen und Geflügelscheren, auf dass man eintrete in ihr gelobtes Land mit Namen „Genuss.“
Da wird also der Rollmops- und Butterbrotfreundin schon seit Jahren das Leben zur Hölle gemacht, weil da statt des täglichen Stopfens doch tatsächlich kulinarischer Genuss zum Sinn des Kochens erklärt wird. Aber nein, nicht mit Silke Burmester. Gegen diese Verirrung muss angegangen werden. Zumal sie sich natürlich als Angegriffene empfindet, sich schließlich nur verteidigt gegen die Apostel der heuchlerischen Ersatzreligion:
Einfach mal schlecht kochen ist nicht mehr drin. Wer auf das Tamm-Tamm der Pinzettenköche nichts gibt, hat sich ins soziale Aus gestellt. Kein Wunder, wenn man bald keine Freunde mehr hat, nicht eingeladen wird und nicht mal mehr im Sommer beim Grillen die Zange halten darf.
Aha, Schuhbeck, Lafer und Poletto sind also schuld daran, dass Frau Burmester keine Freund_innen hat und sie auf niemandes Grill den Rollmops wenden darf. Aber ist das allein der Grund für ihre Verachtung gegenüber der Kochprominenz? Und überhaupt: warum findet sie jetzt erst Mut zur Sprache gegen die aufgeblasenen Breiverderber_innen aus der Röhre? Schließlich ist das Phänomen des spektakulären Genuss-Essens als Ausdruck besonderer Kultiviertheit, besonderen Bewusstsein oder eines besonderen Vital-, Öko- oder Reformhaus-Lifestyles durchaus nichts Neues. Aber wie soll man etwas kritisieren, wo doch alle mitmachen? Am Ende müsste man sich da offen gegen einen vorherrschenden Trend stellen. Und was würde dann der versnobte Freundeskreis sagen? Nein nein, da müssen dann schon eher schnell Beweise auf den Tisch, die die Verantwortlichen des Kochbrimboriums der Heuchelei und der dreisten Lüge überführen. Denn heucheln darf man nicht, das weiß Burmester ganz genau. Genau deshalb gibts dann auch kein Halten mehr, wenn man all den Schuhbecks, Polettos, Hermanns usw. den Schmerz der verpassten Grillparties ins Gesicht schreien kann; wenn man sich endlich dafür rächen kann, dass der Rollmopsgeschmack angesichts der überall präsentierten besseren Alternativen über die Jahre auch so langsam schal geworden ist. Wenn einem selbst nichts mehr so recht schmecken kann, dann solls auch niemandem sonst vergönnt sein. Deshalb richtet sich die Attacke dann auch gegen den Genuss selbst, dessen Möglichkeit der entrüsteten Autorin die Butter vom Brot zu nehmen droht.

Es ist nicht nur die Verheißung des Genusses, die Silke Burmester solche Angst macht, es ist vor allem der Weg dorthin. Voraussetzung für kulinarischen Genuss ist ja nichts anderes als die Fähigkeit zu einem individuellen Geschmacksurteil. Mit der Rede vom Wein als dem „Fetisch der Bedeutungslosen“ versichert sich Burmester aber, dass sie vom Geschmack als der Wahrnehmung spezifischer Differenz (Detlef Claussen) nichts wissen will. Eben diese scheint sie, die bisher mit deutscher Hausmannskost ganz bequem und ganz konform gefahren war, schlichtweg zu überfordern. Was von ihr mit ach so viel Entrüstung bekämpft wird, ist nicht etwa das Essen als die eingebildete Kultureinverleibung derer, die es sich leisten können, sondern dass sie dieser neuen Konformität der bemühten Hobbyküche nicht entsprechen kann. Und mit ihrer Wut auf die tatsächlich oberlehrerhaften Vorträge des Unsympathen Schuhbeck beweist Silke Burmester vor allem eines: dass sie sie glaubt und sich in ihrem deutschkulinarischen Minderwertigkeitskomplex (einfach nur schlecht kochen wollen und auch noch stolz drauf sein) nun endlich gegen die verinnerlichte und um so mehr gehasste Authorität der von ihr nie zu erreichenden kulinarischen Finesse austoben kann. Wer nicht begreifen kann, dass Döner, eine Pizza, ein Burger oder frisch gebackener Leberkäs aus der Metzgerei des Vertrauens ebenso viel Genuss bedeuten können wie ein 5-Gänge Menü der Haute Cuisine und trotzig auf dem für niedriger befundenen Rollmops und dem Butterbrot beharrt, indem diese kurzerhand zur GegenKultur erhoben werden, verdient letztlich nichts anderes als das missmutige Gelöffel aus der trüben aber wenigstens gewohnten Suppe. Schließlich muss man sich ja nicht jedes „Glaubensbekenntnis“ aufs Brot schmieren lassen.

Anders aber Silke Burmester. Und wo die von ihr heimlich bewunderte allzu abstrakte Küche endlich als Produkt von durch „Gier“, „Scheinheiligkeit“ und „Prinzipienlosigkeit“ verdorbenen Heuchler_innen entlarvt wurde, soll diese im Rahmen einer „Kochbereinigung“ dann auch ganz verschwinden. So wird Alfons Schuhbeck (der nebenbei bemerkt international betrachtet ohnehin ein Niemand ist) direkt angesprochen:

Es wird eine Kochbereinigung stattfinden. Die Schaumwelle, auf der Sie in unser Leben geritten kamen, wird Sie langsam wieder hinaustragen, dorthin, wo der Pfeffer wächst.
Natürlich kann Burmesters protestantische Hetzschrift nicht enden, ohne sich dann doch nochmal schuldbewusst gegen McDonalds ausgesprochen zu haben. Schließlich will sie nicht nur kulinarisch, sondern auch politisch immer auf der richtigen Seite stehen. Letztlich ist es aber egal, ob man Schuhbeck oder FastFood, also E- oder U- Speisen schlimmer findet, solange man weiß, was man jeder geschmacklichen Reflexion entzogen wissen möchte: das Gewohnte. Dabei wird dieses nicht einmal mit dem Geschmack der Kindheit oder anderem an Erfahrung Rührendem verteidigt. Das würde ja auch teuflisch nah an den doch so verhassten Genuss heran führen. Nein, man möchte sich lieber in der Gulaschkanone suhlen, möchte lieber aus dem Trog schlürfen, man will die Bockwurst und den Batzen aus dem Eimer mit Kartoffel-Mayonnaise-Pamps, der sich unverschämterweise auch noch Salat schimpft. Hängt die, die da von mehr sprechen wollen! Daran konnten bislang weder der noch so gut gemeinte FastFood-Imperialismus der USA noch die zähen Versuche der französischen Gourmets, den Deutschen das Kochen beizubringen etwas ändern. Es bleibt vergebne Liebesmüh, denn wo Deutschland ist, da ist die Tunke.

Strafbedürfnis I

Der Anstand der Aufständigen
Guttenberg hat seine Dissertation gefälscht und der Bundespräsident hat einen Freunderl-Kredit aufgenommen. Folge: wochenlanges Ausschlachten der moralischen Empörung und Kommentare über Kommentare, wer was nun am schlimmsten, weniger schlimm oder doch zumindest sehr bedenklich findet. Es ist einfach unheimlich en vogue, irgendwelche Verfehlungen von Polit- oder anderer Prominenz ans Tageslicht zu zerren und sich diebisch darüber zu freuen, mal wieder eine Sau gefunden zu haben, die jetzt mit ernster und besorgter Miene durch die Dorfgemeinschaft gejagt werden kann. Dabei ist schon irgendwie auffällig, dass sich das Thema um so mehr ausbeuten lässt, je weniger konkreter Schaden auszumachen ist. Haben die Okkupist_innen und andere Wutbürger_innen zumindest noch das – wenn auch falsche – Argument parat, dass es ja „um unser aller Steuergelder“ oder eben deutsches Staats- ergo Gemeinschaftseigentum ergo Volksvermögen ginge, rückt beim öffentlichen Moralzirkus der Anstand in den Vordergrund. Niemand, ich wiederhole, niemand hat einen konkreten Schaden von einer privaten Kreditvergabe an Wulff gehabt. Niemandes Doktorarbeit wird durch eine erschlichene entwertet. Und das wird auch gar nicht behauptet. Um so größer ist aber die Aufregung und um so eifriger wird um das richtige Strafmaß gerungen. Man will Rechtfertigung, Entschuldigungen und vor allem tief empfundene Reue. Es gilt, um jeden Preis die kollektive sittliche Gesundheit zu retten, v.a. wenn es sich wie in Wulffs Fall um einen politischen Repräsentanten handelt, der doch „Vorbild“ für alle sein soll. Wenn der Stern solcher „Vorbilder“ dann aber mangels Schuldeingeständnis oder Reuebekundung unweigerlich im Sinken begriffen ist, so muss sich das Opfer zumindest gelohnt haben. Und das hat es. Es dient dem geifernden Zusammenschluss aller Rechtschaffenen von der Linkspartei bis zur NPD gegen das Schwein, dass da gegen die Sitte verstoßen hat. Das an penetranter Blödheit nicht zu überbietende öffentliche Sandkastengequängel macht die „Verfehlung“ zum unfreiwilligen Martyrium der Politprominenz für die Staatsgemeinschaft. Wenn sich der zivile Mob erstmal zusammengerottet hat, ist niemand mehr sicher. Es sei daran erinnert, dass Wulffs Vergehen nicht einmal in einer Lüge bestand, sondern in einer wahrheitsgemäßen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Weil er nicht in vorauseilendem Gehorsam in aller Breite zu seiner privaten (!) Kreditaufnahme Stellung genommen hat, sei er nun untragbar. Vielleicht wäre es ihm ein Trost, wenn er sich über seine integrative Funktion im Klaren wäre.

Komm süßer Tod

Hast du den neuen Lars von Trier gesehen? Nein. Eigentlich aus Prinzip nicht. Eben genau wegen Leuten, die ein Gespräch so beginnen wollen. Naja, jetzt aber doch. Die Handlung von Melancholia ist schnell erzählt: 2 Schwestern. 2 Teile. 1 Planet namens Melancholia, der auf die Erde stoßen wird. Das ist seit den ersten Minuten des Films, die eine Art Traumsequenz Justines mit später wieder auftauchenden surrealen Bildern wiedergeben, klar.

1. Teil – Justine:
Justine, eine erfolgreiche Werbedesignerin, ist als verträumte, immer erschöpfte und teilnahmslose Braut auf ihrer eigenen Hochzeit gefangen, die von ihrer Schwester auf dem rießigen Anwesen ihrer Mannes John organisiert und von ihm finanziert wird. Hier trifft sie auf ihre kalte, herrische Mutter, die weder Hochzeit, noch Justine etwas abgewinnen kann und ihre erbetene Hilfe und Zuhören verweigert. Sie trifft auf ihren Vater, der sich recht bierselig v.a. um seine jüngeren Tischnachbarinnen kümmert und zu Justine ein oberflächliches, aber immerhin liebevolles Verhältnis zu pflegen scheint. Aber auch er flüchtet vor Justines Geprächsversuchen und verlässt heimlich das Anwesen. Die Flucht ist unterdessen ein permanentes Motiv Justines Handelns auf der Hochzeit. Immer wieder entzieht sie sich den Ritualen der Hochzeit, will entweder plötzlich schlafen, in der Wanne liegen oder verschwindet, um abgelegen auf dem Golfplatz zu urinieren, oder auf demselben mit dem von ihrem Chef angeheuerten Tim, der ihr einer Werbe-Idee wegen nachläuft, Sex zu haben, nachdem sie ihrem eigentlich sympathischen und liebevollen Ehemann vor dem Hochzeitsnachtritual entflohen ist. Mit einer Tirade gegen den machtsüchtigen Chef kündigt Justine schließlich ihren Job und lässt ihren enttäuschten Neumann entgegen dem anfangs noch zur Schau getragenen Liebesglück der beiden relativ gefühlskalt von dannen ziehen. Die Feier ist geplatzt, Justine hat es nicht geschafft, sich normal zu verhalten.

Teil 2 – Claire
Zu Beginn des zweiten Teils wird erstmals das volle Ausmaß Justines depressiven Zustands deutlich. Einige Zeit nach der Hochzeit kommt sie erneut auf das Schloß ihrer Schwester Claire und ihres Schwagers, kann weder allein gehen, noch allein essen, alles fällt ihr schwer. Der Geruch des von der Schwester extra geordertes Lieblingsessen Justines scheint diese zunächst aufzumuntern, bevor sie dann aber mit den Worten „Es schmeckt nach Asche“ in Tränen ausbricht. Claires Mann, der für Justines Anormalität und für den Rest der Familie eher Verachtung und spießbürgerliche Empörung empfindet, ist Hobby-Astronom und will mit seinen immer wieder vorgebrachten Beschwichtigungen, der Planet werde nach seriösen Berechnungen sicher an der Erde vorbeifliegen, Claires Angst vor dem Einschlag lindern. In Wirklichkeit bereitet er sich heimlich trotzdem auf den Ausnahmezustand vor. Als dieser eintritt, ist er dann aber der erste, der sich vergiftet und seine Familie im Stich lässt. Justine scheint auch in der Phase, als sich der Planet noch zu entfernen scheint, zu wissen, dass er einschlagen wird und gewinnt an dieser Erkenntnis eine gewisse Stabilität, mit der sie ihren Neffen weit eher beruhigen kann, als die immer panischer werdende Claire. Offen spricht Justine aus, dass die Erde schlecht ist und deren Ende nicht zu betrauern wäre. Zuletzt sitzen die drei in einer aus einigen Stöcken gebauten „magischen Hütte“ und warten, immer mühsamer atmend, auf den Einschlag, der dann das Ende des Films markiert.

Nun ist es nichts Neues, dass im Genre der Katastrophenfilme die nur zu bekannte Hilflosigkeit gegenüber bis ins Innere reichenden Zwangsverhältnissen mit Vergegenständlichung ver- und behandelt wird, in diesem Falle also mit einem großen bösen Planeten, der uns einfach alle platt macht. Die Dimension der Katastrophe, der Einschlag eines anderen Planeten, ist aber etwas anderes als eine Seuche, ein Angriff von Außerirdischen, Tornados, Spinnen, Todeswellen oder eine Rießenmoussaka. All das sind Phänomene, die einen Gedanken an die weitere Zukunft – und sei es eine ohne Menschen – noch zulassen. Dass auch die menschenfreie Erde sehnsuchtsvoll erwartet wird, lässt sich in den überaus kreativen Dokumentationen auf N24 oder auch solchen Internetseiten ablesen. Ein Planeteneinschlag aber übersteigt jeden Gedanken an ein Danach, zumindest für Nicht-Physiker_innen. Genau deshalb zielt die Inszenierung des Untergangs in „Melancholia“ nicht auf die Katastrophe (Umwendung), sondern auf das Ende überhaupt. Das kühle Planeten-Blau, das langsam in gleißendes Licht übergeht, die somit zelebrierte Schönheit der Tilgung ist die Phantasie einer regressiven Erwartung des Nichts. Um so schlimmer schien mir dass alles, als die bürgerlichen Konventionen des Hochzeitsfests im ersten Teil damit nicht nur als anachronistisch, sinnlos und erdrückend erscheinen, sondern in Bausch und Bogen als Auszulöschendes verneint werden. Justines Leid an der Hochzeit und dem ganzen konventionellen Theater wird so perfiderweise zur Legitimation der Vernichtung der ganzen Erde und der Menschheit. Stattdessen ist ihr Defätismus und ihre Depression doch vor allem Sinnbild dessen, dass es anders zugehen müsste auf dieser Erde, um wirklich schöne Feste feiern zu können. Ihr Problem ist ja nicht die völlige Unmöglichkeit von individuellem Glück selbst, sondern die Verlogenheit aller, die es von ihr immer wieder als Haltung einfordern, ohne dass es angesichts einer nur angedeuteten schrecklichen Familiengeschichte und dem leeren Hochzeitspomp auf einem alten Herrensitz Gründe dafür gäbe. Anstatt also Justines Depression als Aufschrei des kaputten Individuums gegen das schlechte Allgemeine stark zu machen, wird die Mahnung der unerfüllten Glückssuche an die Welt zum simplen: Justine hat recht, die Welt ist schlecht – und vernichtenswert.

Dass der böse schöne Planet, der – natürlich von außen – ganz existentiell in die familiäre und globale (Atmo-) Sphäre eingreift, sich zunächst wieder zu entfernen scheint und nochmal eine Ehrenrunde dreht, wird im Film als „Todestanz“ bezeichnet. Die so gewonnene Zeit wird damit zum bewussten Sein zum Tode, das als Tanz ästhetisiert wird. Die Spannung für die Zuschauer_innen, die jetzt dem je einzelnen Todestanz der Protagonist_innen folgen können, steckt jetzt vor allem in der Frage: Was würde ich tun? Die letzten Taten? Und schon ist man angelangt in der bloßen Existenz, in der es nur noch um die „wirklich wichtigen Dinge“ geht. Im Karussell der absoluten Ausweglosigkeit gefangen, ist jeder Gedanke daran, warum man sein individuellen Glück, das ja gerade jenseits des nur Existentiellen läge, nicht schon vorher vehementer eingefordert, geschweige denn verwirklicht hat, irrelevant geworden. Und Gott (oder eben Planet) sei Dank, muss sich nun auch niemand mehr darum kümmern, warum Justine ihr luxuriöse Hochzeitsfeier nicht genießen kann oder sich fragen, ob sie gar ganz ohne Hochzeit glücklicher wäre.

Hier zeigt sich dann auch die allseitige Unfähigkeit und ebenso die Weigerung, die „dünne und ephemere Hülle“, den Schein, dem wir nach Adorno (MM, Zweite Lese) „unser Leben verdanken“, die Differenz zwischen den objektiven Erfordernissen der Produktionsverhältnisse und dem „politischen Gerüst“ gegen dessen Auslöschung in das nur noch Notwendige hoch zu halten. Stattdessen wird in einer sich in ihrem Wahn um so schlauer, rationaler begreifenden Geste aller Schein verneint. So macht sich Justine bspw. über den Vorschlag ihrer Schwester, den letzten Abend im Gespräch mit einem Glas Wein auf der Terasse zu verbringen in boshafter Art und Weise lustig; die drei Verbliebenen treffen dann schließlich am Waldrand aufeinander, um in der bereits erwähnten magischen Hütte wortlos auf den Untergang zu warten. Auch der Anschein der menschlichen Beziehung darf nicht sein. Dessen Tilgung ins Nichts wird als verdient und unausweichbar dargestellt. Und hier liegt der Hund begraben. Denn nicht wie in anderen Weltuntergangsfilmen wird ein actionreicher und heroischer Kampf der Menschen ums Überleben inszeniert, sondern das Ende des Planeten in seinem ganzen von Monumentalmusik (ein geringerer als Wagner darf’s da natürlich nicht sein) unterlegten Bilderkitsch auch noch verherrlicht. Dabei läge eben im Zusammenschluss der Menschen gegen ihr Ende noch das Element der Hoffnung auf Schöneres und auf das, wofür Leben auch in schlechten Verhältnissen stehen könnte. Eine solche Verzweiflungstat wird bspw. in Roland Emmerichs Independence Day eingefangen, in dem die Gattung sich ihrer in der Abwehr der bevorstehenden Auslöschung als solche bewusst wird, eine globale Streitmacht gegen die Bedrohung aus dem All aufstellt und letztlich die Außerirdischen besiegt. Aber eben ein solches utopisches Moment, das dann natürlich um des „Weiter so“ willen wieder affirmativen Charakter gewinnt, scheint der konstatierten Rücknahme der „Science Fiction ins Autorenkino“ zu banal, zu oberflächlich, jedenfalls nicht eigentlich genug.

Und anstatt im Zusammenschluss der Individuen gegen ihr Ende der real erfahrenen Einsamkeit eben die – wenn auch durch Naturgewalt erzwungene -Alternative entgegen zu setzen, gilt in der neuen Untergangsvision nur noch die_der Einzelne. Über die Beziehungen der Protagonist_innen lässt sich dann auch in Melancholia letzlich nicht viel aussagen. Jede_r lebt allein und stirbt allein und gelangt erst in letzterem, dem Tod, zur wirklichen Erfahrung sein_ihrer selbst. Erst im vollen Bewusstsein als nur dem Tod geweihtes Lebendes sind die Einzelnen dann ganz bei sich: John, als das männliche Subjekt, dass sich dem Naturzusammenhang durch die letzte aktive Tat des Selbstmords entzieht; Claire, als die ohne John hilflose, verzweifelte und hysterische Frau; ihr Sohn, der weil Kind-seiend von der Situation und der Verzweiflung seiner Eltern angeblich nichts mitbekommt und Justine, als das depressive Medium, das sich abgeklärt in das Schicksal fügt, weil ihr gesellschaftliches Unglück von von Trier mit der Naturkatastrophe in eins gesetzt wird, sie also in dieser vorgeblich voll zu sich kommt. Diese Interpretation übernimmt auch Nina Scholz in der Jungle World und wiederholt damit rhetorisch die Gesellschaftsverneinung von von Trier in der Gleichsetzung von Gesellschaft und der Natur im Planeten Erde. Ironischer- aber konsequenterweise wird hier der Schein der zweiten Natur dann eben nicht weggewischt, sondern schlicht geglaubt und seine Tendenz zur Auflösung in der ersten nachvollzogen. Die Gesellschaft ist aber eben mehr als der Planet und schon gar kein „kranker“ Organismus, der – wenn grade mal kein zupackender Chefarzt in Aussicht steht – alles Gesunde krank macht, bevor er ganz zu Grunde geht. Sie ist lediglich zynisches, unfassbares und verrücktes Ergebnis und Voraussetzung für die Handlungen der Einzelnen und durch eben diese veränderbar. Nicht ihre Auslöschung bleibt zu erwarten, sondern ihre Umwälzung. Für deren Antizipation könnte Science Fiction ihrem Begriff nach einstehen, wenn man mal von Kassenschlagern wie Star Wars absieht. Die neue „Science Fiction des Autorenkinos“ aber verwirft das transzendierende, utopische Moment der Weltraumfahrten, Sternenkriege und Katastrophenbekämpfung und entscheidet sich mit ihren Ausradierungsphantasien stattdessen für die blanke Affirmation der Vereinzelung und Todesverfallenheit der zu keiner Ganzheit mehr sich fügen lassenden Einzelnen. Dabei kommt sie sich ebenso wie ihr nach Erlösung lechzendes Publikum unvermeidlich noch besonders tiefgehend vor:

In seiner bedingungslosen Darstellung dieser den Menschen eigenen Faszination des möglichen Endes – so banal es klingen mag – liegt die Größe dieses Films. „Melancholia“ ist ein Meisterwerk des Kinos.
(Sophie Albers – Stern)

Am Ende weiß man selbst nicht mehr, was an dieser Welt noch rettenswert sein soll. Und als Melancholia schließlich den ganzen Himmel einnimmt, spürt man wie Justine vor allem eines: Erlösung. Gewaltigeres kann ein Film nicht leisten.
(Hannah Pilarczyk – Der Spiegel)

Ratatatam. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: der Film stieß nicht nur in Deutschland auf Begeisterung. Beim europäischen Filmpreis wurde er achtmal nominiert und gewann drei Preise, u.a. den als bester Film. Tucholsky hat mal gesagt:
Ich bin kein Kommunist, aber man könnte einer werden, wenn man den geistigen Zustand der europäischen Bourgeoisie betrachtet.
Nicht dass es eines weiteren Indizes bedurft hätte… aber Melancholia ist eines.

Nicht nur sauber

Es hat ein bisschen was von Erziehung:
Lieber keine Sitzgelegenheiten, als beschmierte Sitzgelegenheiten.

Das hingegen is einfach nur bescheuert:
Lieber 200 Blumenkästen mit Frischhaltefolie einwickeln, als sie zu praktischen Rießenaschenbechern verkommen zu lassen

Vor aller „Bissigkeit“

Georg Kreisler ist gestorben. Und wie immer ist das Schlimmste, was ihm passieren kann, die Ein- bis Nulldimensionalität der kurzen Nachrufe in den Feuilletons. Die „Bissigkeit“, der „schwarze Humor“ des „tiefsinnigsten und facettenreichsten deutschsprachigen“ „Kabbaretisten“ „heimischer Satire-Kunst“ wird heruntergebetet, drei Worte zur Biographie und der nach copy&past-Prinzip herumgereichte Absatz dazu, dass es Kreisler mit Wien nicht so sehr hatte. Sogar „Gesellschaftskritiker“ darf er sein- jetzt wo er tot ist. Sein Platz wird ihm jetzt zugewiesen, als das, was ihn besonders machte, sein Publikumswert als jemand, dessen Konzerte zu besuchen ein besseres Gewissen verschafft, weil sich niemand selbst zum Angriff auf die unverstandene Gesellschaft in der Lage sieht und sich stattdessen im Vergnügen über geteilte Alltagsbeobachtung auf die Seite des prominenten Urteils schlägt. Dazu lädt so mancher Glamauk Kreislers natürlich auch ein. Dennoch ist Satire (auch die Kreislers) nichts, zu dem man sich positiv bekennen könnte und hat auch keine Seite. Sie ist weder eine Haltung, noch eine Empfindung, sondern vielmehr ein Verhalten, ein verzweifelter Ausbruch aus Passivität und dem Erdulden-müssen einer hilflosen Traurigkeit angesichts der Übermacht schlechter Zustände. Deshalb ist das Besondere an Kreisler nicht eine moralische Kritik an den dummen Menschen und schon gar nicht die als spektakuläres Moment ausgeschlachtete „Bissigkeit“, sondern die Artikulation von Erfahrung im emphatischen Sinne, deren Reflexion und das Urteil über das sie Verstellende:

Georg Kreisler: Das Beste
Das Beste ist, ich weiß nicht, ob ich tot bin
Das Leben scheint mir jedenfalls sehr lange her
Ich glaub‘, dass ich in irgendeinem Boot bin
Und wenn ich’s lenke, lachen alle sehr
Am Horizont sind traumhaft schöne Feste
Ich bin allein und habe kein Gewicht
Und wie gesagt, ich finde es das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht

Die Welt ist weit, viel weiter, als ich geh‘n kann
Der Himmel nah und außerdem besonders blau
Ich glaube kaum, dass irgendwas gescheh‘n kann –
Was schon geschah, war auch nicht sehr genau
Ich war ein Gast und hatte keine Gäste
Und was ich sprach, war niemals ein Gedicht
Drum, wie gesagt, ist es gewiss das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht

Es gibt ein Mädchen bei den grünen Bäumen
Die seh‘ ich jeden Tag an mir vorübergeh‘n
Wenn ich ihr folgte, müsst‘ ich mich verträumen
Und würde plötzlich vor mir selber steh‘n
Dann säh‘ ich mich mit arg befleckter Weste
Stünd voller Schuld vor‘m eigenen Gericht
Ich säh‘ den Schmutz in meinem eignen Neste
Den bösen Blick im eigenen Gesicht –
Das darf nicht sein und drum ist es das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht

Entern is nich

Ja, es ist müßig ein Randphänomen wie die Piratenpartei zu kommentieren. Jetzt aber, wo die Jungkreativen und Privatalternativen, die Hippsters, Nerds und sanftmütigen Heavy-Metal-Fans in ihrem ureigenen Biotop Berlin der Rebellion in Orange 8,9 % der Stimmen beschert haben, verbietet sich jede noch zu gut nachvollziehbare Ignoranz gegenüber der Piratenpartei. Dass sie v.a. bei der jungen Wählerschaft punktet, ist keine Überraschung. Schon bei der letzten Bundestagswahl hatte sie knapp 2% erreicht, aktuell liegt sie sogar bundesweit bei knapp 8% (Stand September 2011). Werden sie aktuell noch als inkompetente Chaostruppe belächelt, steht zu befürchten, dass sich Geschichte nach Marx einmal mehr auch noch als Farce wiederholen soll, immerhin verkündet die Piratenpartei nun bereits einen Mitgliederzuwachs von 50% seit der Berlinwahl.

Netz als Wesen

Mit frischem Charme und dem glaubhaften Bekenntnis zu Transparenz, zu „Bürgerbeteiligung“ und liberalen Grundwerten schaffen es die Piraten, jeder noch so unpolitisierten Person unter 35 zu vermitteln: Es geht um dich und nur um dich. Keine markigen Versprechungen finden sich auf den Wahlplakaten, stattdessen die Aufforderung, sich selbst zu informieren, überhaupt wählen zu gehen und das obameske Parteimotto: Klarmachen zum ändern! Das kommt an. Name und Logo der Partei sorgen dabei für einen gewissen Outlaw-Chique, der mittlerweile nicht mehr ausschließlich IT-Nerds anzusprechen scheint und ich gehe fast jede Wette ein, dass die Piratenpartei der einen oder dem anderen „Linksradikalen“, die_der wählen geht als das geringere Übel erscheint. Denn Die Linke ist je nach Bundesland entweder verrückt oder zumindest irgendwie uncool, Die Grünen sind längst zur netteren CDU geworden und auch Ströbele lockt in Kreuzberg niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Und so trifft es sich hervorragend, dass die nächste Partei schon bereit steht, um all die Bürgerwut, die ihrer eigenen Mobhaftigkeit dann doch nicht ganz trauen möchte, im Verein zu kanalisieren. Dass sich die linken Publikationen bislang verdächtig laut über die neuen Rebell_innen ausschweigen, spricht für deren Unsicherheit, wie man sich nun diesen Leuten gegenüber verhalten solle, von denen man zwar weiß, dass sie mit Revolution nichts am Hut haben, aber dennoch viele Forderungen verkünden, mit denen sich schon die ein oder andere Demo hat organisieren lassen.

Das Programm der Piratenpartei lässt sich in etwa so zusammenfassen: Mit der rapide fortschreitenden Entwicklung der Möglichkeiten für den Verkehr immaterieller Güter und Dienstleistungen im Internet werden nationalstaatliche Gesetzgebung und betriebsökonomische Regulierung zu anachronistischen Hemmschuhen der Volkswirtschaft (ergo eo privater Nutzung! ), die es aufzuheben gelte. Das Internet stelle einen neuen politischen Raum dar, der das Potential zur demokratischen Teilhabe aller an einer offenen Gesellschaft auf Grundlage der Werte des Grundgesetzes inne hat. Dieses Potential gelte es nun auszuschöpfen. In einer solchen Informationsgesellschaft muss allen Bürger_innen der Zugang zu den Netzstrukturen ermöglicht werden. Die mitunter unterstützenswertesten realpolitischen Forderungen lassen sich im Abschnitt zur Geschlechterpolitik finden: „Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden“. In den Themenfeldern Öffentliche Sicherheit, Familienpolitik und Bildung vertreten die Piraten eine größtmögliches Maß an individueller Selbstbestimmunggegenüber staatlichem Zugriff und besetzen damit altgediente Steckenpferde der radikalen Linken. Dennoch wollen sie sich jenseits von Back- und Steuerbord verortet sehen, um „den Blick für das Wesentliche“ zu behalten, dazu später mehr.

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sollte trotz des permanenten Bezugs auf „unseren Rechtsstaat“, das Grundgesetz, der Selbstpositionierung in „der Mitte der Gesellschaft“ und wegen der Forderung des freien Verkehrs von immateriellen Waren zu Zwecken der Effizienz und volkswirtschaftlicher Prosperität klar sein, dass jede Einordnung der Piratenpartei zu einer Linken, die – parlamentarisch organisiert – für gewöhnlich die Staatsanrufung gegen das Kapital im Programm hat, verfehlt wäre. Denn der Staat wird scheinbar erst einmal zum Adressaten der Empörung. Dabei geht es dann v.a. um fehlende „Transparenz“ und um die Forderung der „informationellen Selbstbestimmung“. Dass das Motto „Meine Daten gehören mir“ vor allem bedeutet, dass man die Erfassung seiner selbst als Bündel quantitativer Angaben in technokratischen Kategorien solange zu affirmieren bereit ist, als man sich als solches selbst „hat“, d.h. über das eigene verdinglichte Datendesiderat als Privateigentum verfügen kann, übergehen die Piraten ebenso wie die entsprechenden Datenschutzgruppen der außerparlamentarischen Linken. Ob das noch „dem Individuum gerecht“ wird, ist den Piraten an dieser Stelle dann eher egal. Mit dem von ihnen willkürlich gegen staatliche Kontrolle gesetzten politischen Bezugsrahmen „Das Netz“ wird als Grundthese formuliert, dass das Internet grundsätzlich ein ökonomisch und politisch neutraler Raum sei, der entsprechend möglichst basisdemokratisch organisiert werden solle. Die Tatsache, dass auch „das Netz“ erst einmal nicht anderes darstellt als eine Produktivkraft, deren Entwicklung – dies sei bei allen subversiven Unentschiedenheiten der Grauzone Internet dann doch berücksichtigt – an eben kapitalistische Produktion und natürlich auch an den Staat gebunden bleibt, wird dabei ignoriert. Ähnlich wie in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen „Der Markt“, wird „Das Netz“ zum über den Dingen waltenden Subjekt gemacht:

Im Netz entscheiden sich die Geschicke der materiellen Welt. Das Netz belohnt diejenigen Gruppen, Organisationen und Individuen, die es offen und transparent mit zutreffenden Informationen füttern. Lügen, Propaganda und Vertuschungsversuche sind aus Sicht des Netzes primär Störquellen
Wir lernen also: das Netz ist ein ideeller Gesamtpolizeihund der mit „zutreffenden Informationen“ gleichgesetzten Wahrheit. Er bekommt also gerne Info-Leckerlis, wird die hinter der nächsten Ecke lauernde Verschwörung aber auch als Störquelle identifizieren und gegebenenfalls aus der Netzgemeinschaft entfernen. Ein Blick in die Foren der Piratenpartei zeigt, wer sich von solcherlei Aufdeckungsabsichten angezogen fühlt. Neben den Beiträgen zur Wahrheit über 9/11 und anderen mit dem Zeitgeist gehörig auf den Geist gehenden Zeitgeistigkeiten sei an dieser Stelle besonders auf die „AG-Männer“ hingewiesen, wo sich allerlei Väterbewegte und andere als-Männer-Diskriminierte ihrer Benachteiligung durch das mediale und institutionelle Frauenkartell versichern können; arme kleine Deutsche;

„Ich habe vergessen, ein Ticket zu ziehen!“
Die im Internet tatsächlich vorhanden Möglichkeiten sekundenschneller internationaler Kommunikation bei relativer Freiheit von Identitätszwängen, das Potential der Organisierung von Netzwerken für Theoriebildung, Informationsarchive und nicht zuletzt Vergnügungen aller Art stoßen aber eben nicht nur an die Grenzen staatlicher Regulierungssucht und politischen Unwillens, sondern grundlegender an materielle. In einer Gesellschaft, in der sich alle bei Strafe des Ausschlusses um ihre Selbsterhaltung kümmern müssen, sich dazu der täglichen Zurichtung durch Schule, Lohnarbeit und die potentiell feindseligen Anderen aussetzen müssen, sind die Anforderungen um die angeblich unbegrenzten Weiten des Netzes kollektiv zu nutzen nicht annähernd zu erfüllen. Die kulturellen und politischen Potentiale des Internets verwechseln die Piraten mit dem Reich der Freiheit von der Notwendigkeit. Das Netz soll zwar als ebenso real wie die materielle Welt außerhalb der Datenbahnen gelten, in seiner politisch ökonomischen Form gleichzeitig aber als von materiellen Beschränkungen, also der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft los gelöste Sphäre begriffen werden, als offene Spielwiese für die nicht zufällig so benannten „Netzbürger“. Diese Spielwiese wäre aber ebensowenig wie die oben erwähnten Potentiale des Internets per se abzufeiern. Ihre Progressivität erweist sich vielmehr erst je konkret an ihrer Nutzung, die – nebenbei bemerkt ganz gleichheitsdemokratisch – einer oppositionellen Bloggerin im Iran ebenso zu gute kommt wie Pierre Vogels Paradisern oder den immer noch vor sich hin delirierenden Okkupist_innen weltweit.

Wie auch in der Sicherheitspolitik kämpfen die Piraten im Netz gegen einen von ihnen angenommen politischen Willen der Beschränkung, dessen Motivation sie nicht jenseits von persönlicher Borniertheit oder altersbedingtem Unverständnis für die Belange einer technologisierten jungen Generation zu begründen vermögen. Deshalb fordern sie:

Verwaltung und Politik müssen endlich auch in der Hinsicht ihrer Transparenz gegenüber dem Bürger ihren Dienstleistungscharakter anerkennen und sich grundlegend darauf ausrichten, einen Informationszugang für die Bürger effizient, komfortabel und mit niedrigen Kosten zu ermöglichen.

Der Wunsch danach, besser regiert zu werden, die Klage über den fehlenden Dienstleistungscharakter „der Verwaltung“ und „der Politik“ vergisst, dass das, woran denn da der Dienst geleistet werden soll, „der Netzbürger“, diese schon ganz gut selbst besorgt. Was neben den Resten empörter Wutbürgerei noch mitklingt, hat mit einem Leiden an oder einer Opposition gegen die als übermächtige Objektivität erfahrenen, allerdings ohnehin im Schwinden begriffenen Verwaltungsapparate nichts mehr zu tun. Vielmehr lässt der Jargon erkennen, dass sich die Subjekte der Selbstverwaltung diesen im inneren Prinzip so sehr angenähert haben, dass sie ihnen Tipps und Ratschläge erteilen wollen. Nicht einmal ihre eigene gruselige Forderung nach der Basisdemokratie nehmen die Piraten ernst – dies würde ja eigenes Engagement als Staatsrädchen voraussetzen. Nein, von den irgendwo außerhalb und über den „Netzbürgern“ schwebenden zentralen Institutionen „Verwaltung und Politik“ soll ihnen Dienst geleistet werden. Ähnlich wirr geht es weiter:
Die Abkehr vom „Prinzip der Geheimhaltung“, der Verwaltungs- und Politikvorstellung eines überkommenen Staatsbegriffs, und die Betonung des „Prinzips der Öffentlichkeit“, das einen mündigen Bürger in den Mittelpunkt staatlichen Handelns und Gestaltens stellt, schafft nach der festen Überzeugung der Piratenpartei die unabdingbaren Voraussetzungen für eine moderne Wissensgesellschaft in einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung.
Man weiß nicht, welchen Staatsbegriff die Piratenpartei selbst vorschlägt, mit dem überkommenen meinen sie vermutlich den des Nationalstaats. Hier wäre ihnen sogar mal Recht zu geben, wenn sie darin nicht dessen Ende überhaupt erkennen wollten . Wie sehr der Staat als Hüter des Privateigentums, als – wahr und falsch zugleich – Währungs- und Akkumulationsgarant der kapitalistischen Ökonomie gerade in der Krise gebraucht und medial als letzte Rettungsinstanz herbeigerufen wird, müsste nach den vergangenen Jahren eigentlich auch den letzten „Netzbürgern“ klar geworden sein. Diese phantasieren sich hingegen ein Stückchen Staat für jede_n herbei und fast scheint es, als hätte sich die Netzgemeinschaft mit dem immer wieder als nahezu mystisches Subjekt angesprochenen „Netz“ diesen eigenen Vater Staat erschaffen; als versuchten sie nun, die einzige Makrostruktur, die sie noch durchschauen, die einzige, in der sie noch einen Rest der Interdependenz zu erkennen glauben, als Modell auf den bürgerlichen Staat zu übertragen, den Staat also zum analogen „Netz“ zu machen.

„Jeder Mensch, jede Arbeit, jeder konstruktive Gedanke ist wichtig bei uns.“

Bei einem kurzen Gedankenspiel wird klar, dass eine so organisierte „freiheitliche und demokratische Ordnung“ unter gegebenen Bedingungen nur auf abermalige Verhöhnung aller hinauslaufen kann, die nicht dem selbstfixierten Bild des „mündigen Bürgers“, also des IT-Produktmanagers, der angehenden Kommunikationsdesignerin, der digitalen Boheme entsprechen. Welche Dienstleistung soll das „staatliche Handeln und Gestalten“ denn den Abgehängten erbringen, den potentiell Überflüssigen, die statt mit einer Tasse Kaffe vor dem Laptop morgens mit dem ersten Korn am Kiosk sitzen? Was passiert mit denen, die keinen Zugang zum Internet besitzen oder wenn doch keine Ahnung haben, was sie außer Online-Auktionshäusern und Pornos dort denn sonst noch finden sollten? Niemand wird von Transparenz und liberaler Drogenpolitik schlauer, reicher oder freier vom Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitkraft. Zugegeben, darum geht es den Piraten auch nicht. Engagement für ein würdiges Leben hört bei ihnen mit der Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen (wogegen natürlich erstmal nichts einzuwenden wäre) auf. Dieses leiten sie, im Programm so benannt, von ihrer „humanistischen“ Grundeinstellung ab und bestätigen damit Foucaults so einseitiges wie treffendes Urteil über den Humanismus. Denn dass die Piraten das „würdige Leben“ nicht um seiner selbst, sondern um der „Teilhabe“ am Gesamtelend willen einfordern, wird im nächsten Zitat aus dem Programm deutlich:
Die tradierten Wege, die Produzenten von Wissen und Kultur in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt. Der Versuch, sie 1:1 in die Welt der Computer zu übertragen, benötigt einen Überwachungsstaat und müsste elementare Freiheiten jeden Bürgers beschneiden. Werden hingegen die Möglichkeiten der ständigen Verfügbarkeit und beliebigen Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt, erhöht dies die Produktivität von Arbeitern der Informationsgesellschaft. Die größere Wiederverwertbarkeit steigert gleichzeitig die Effizienz des Schaffungsprozesses. Den Anschluss an diese Novellierung des Innovationsprozesses darf Deutschland nicht verpassen. Um auch in Zukunft zur Weltspitze zu gehören, werden wir auf vier verschiedenen Themenfeldern agieren.
Dass die Entlohung der „Produzenten von Wissen und Kultur“ (???!) nicht von der Anzahl der Kopien ihrer Arbeitsprodukte abhängt, sondern – und das auch nur dort, wo das Modell des Stundenlohns ausgelaufen ist- davon, welchen Einsatz diese Produkte in die umgreifenden Prozesse der tatsächlich immer verzweifelter wirkenden Mehrwertproduktion finden, wollen die Piraten auf ihrer staatsbürgerlichen Schaluppe nicht einmal vom Achterdeck erkennen. Die Identifikation mit dem Produktionsprozess und das auch noch in ihrer schlimmsten Form, der nationalstaatlichen, lässt sie die Produktivität (für wen, warum, von was?) schlechthin und die Effizienz (für wen, warum, von was?) anpreisen, um die Weltspitzenposition nicht zu verlieren. Die mit den Kommunkationsprozessen des Internets angeblich gegebene Sprengkraft soll eben gerade nicht zur Sprengung des ökonomisch-materiellen Rahmens genutzt werden, stattdessen sollen dessen Kategorien behutsam ins „Netz“ hinübergerettet werden bzw. andersrum. Ökonomisch geht es den Piraten letztlich um den permanenten Akkord als Selbstzweck. Was mit der „Wiederverwertbarkeit“ von Wissen gemeint ist, bleibt darüber hinaus unklar. Immerhin zeichnet sich eine in-Wert-Setzung von Wissen eher durch dessen Exklusivität und damit bspw. einem Vorsprung im konstanten Kapital aus. Bei aller Widersprüchlichkeit bietet der zitierte Absatz dann aber doch auch Erkenntnis. Denn dankenswerterweise beweist die Piratenpartei mit der ganzheitlichen Rede vom „Schaffungsprozess“, dass auch die virtuelle Arbeit gegen das raffende Kapital in Anschlag gebracht werden kann. Das Klammern an der Produktivität als Existenzberechtigung macht Bauer und Scholle tendenziell überflüssig. Dass deren Bild aber auch bei den vollendst entwurzelten Büropiraten immer noch gegen das Weltkapital in Anschlag zu bringen sind zeigt der Landesverband Brandenburg mit seiner einzigen wirtschaftspolitischen Forderung:
Wir sind für die Stärkung der regionalen und kommunalen Wirtschaft, insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen. Wir sind für die Förderung regionaler Arbeitsmärkte. Die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten gibt den Bürgern mehr Freiheit, wieder unabhängiger ihr Leben zu gestalten
Unglaublich, wie viel Freiheit und Unabhängigkeit da vor uns läge, würden die großen Konzerne endlich ihre Finger von den „Regionen“ lassen.

„Vor allem die Einstimmigkeit, in der wir geredet haben, hat mir sehr gefallen.“
Was sich hier und an anderen Stellen des Programms herauslesen lässt ist die vollkommene Verkennung der eigenen gesellschaftlichen Position, wie es Dietmar Dath kürzlich in der FAZ gut auf den Punkt gebracht hat:

Wenn also jemand, sagt Engels, gegen Microsoft oder Bertelsmann bloggt, die Piratenpartei wählt oder ihr beitritt, weil Information frei sein soll oder das digitale Zeitalter neue Formen von Arbeit erlaubt oder aus sonst einem abstrakten Grund, und dabei nicht sehen oder artikulieren kann, welche Art eigener Praxis – als überausgebildetes, gegenüber den eigenen Eltern jämmerlich unterversichertes, ohne Tarifdruckmittel auf dem Zeitvertrags-Markt unverstandenen Gezeitenkräften ausgeliefertes Würstchen – diese schönen Ideale so plausibel macht, dann liegt Ideologie vor. Das gilt selbst und gerade dann, wenn diese Ideologie sich „kritisch“ vorkommt.
Tragisch ist, dass den Piraten nicht nur die Reflektion ihrer Ideale auf ihre gesellschaftliche Position misslingt, vielmehr treiben sie ihre realpolitischen Zielsetzungen als neue Lohnabhängige immer tiefer in eine enthemmte, anarchische und wilde Produktion, die tendenziell, je wilder sie wird, immer weniger auch nur die einfache Reproduktion eben dieser Lohnabhängigen wird gewährleisten können. Es handelt sich bei der Piratenpartei also letztlich um ein repräsentativ-parlamentarisches Kamikaze-Kommande, dass sich fröhlich-rebellisch, jung-kreativ und so beschwingt wie unbewusst in das selbst affirmierte ökonomische Schicksal manövriert.
In ihrer Selbstbezeichnung als sozialliberale Partei steckt ihr ganzes Dilemma. Denn dass sich der liberale Anspruch der Freiheit und Gleichheit nur marktvermittelt – und das Internet sowie der Zugang dazu ist und kann dies ebenso wie andere neue Technologien nur sein – eine Berechtigung erwerben kann, sich damit aber umso mehr an Staat und Kapital binden muss und Herrschaft über die Einzelnen und Exklusion der Wenigen verewigt, das meint die Demokratie der Piratenpartei. Wo es der FDP zu zugestehen ist, dass sie ihren Liberalismus letztlich konsequent als den des Marktes (samt sozialdarwinistischer Legitimationsversuche) proklamiert, dort wird die völlige Widersprüchlichkeit des Programms der Piratenpartei offensichtlich, das versucht, den Liberalismus der Ausbeutungsgesellschaft in – die Phrase sei mir hier verziehen – soziale Gerechtigkeit zu wenden. Und was käme da gerufener als ein rasant an Relevanz gewinnendes Medium Internet, das – als virtueller Raum, in dem alle tun und lassen dürfen sollen, was sie wollen – all die gesellschaftlichen Widersprüche zu verdecken vermag, solange nur gründlich genug auf dessen Transparenz-, Basisdemokratie- und Produktivitätspotential herumgeritten wird. Es dient als Heilsversprechen, das sich um so leichter auf den Lippen tragen lässt, als dessen soziale Einlösung den Protagonist_innen der Piraten – meist in der mittleren IT-Ebene der freien Wirtschaft unterwegs – im guten Vertrauen auf die eigenen Skills herzlich wurscht sein kann. Der staatliche Eingriff, in dessen medialem Echo jeder noch so popelige Piraten-Landesverband eine PM herausgeben zu müssen glaubt, dient als Sündenbock, als Buhmann für die nur mehr privatistisch vorstellbare Freiheit, hinter dem eigentlich nur eine Verschwörung des mehr Krake als Mensch sein dürfenden Wolfgang Schäuble oder anderer alten Nichtversteher_innen unter DenenDaOben stecken kann – den Generationismus haben die dynamischen Jungspunde der Piraten mit allen konformistischen Rebell_innen gemein. Die Unverschämtheit ihrer Scheinrevolte gegen den Staat liegt eben darin, dass sich die Piraten ihrer parlamentarischen Realpolitik gemäß doch eben nur auf diesen und dessen Rechtsform beziehen, letztlich also die formelle Staatlichkeit selbst zum Inhalt erklären und gegen die bösen, alten Politiker_innen an dessen Spitze verteidigen wollen, denn „Wir sind eine Grundrechtpartei.“, der Rest ist Sozialdemokratie. Das Internet haben sie sich als Projektionsfläche für ihre liberalstaatlichen Überzeugungen auserkoren. Im Bewusstsein, damit virtuell den besseren Staat parat zu haben, muss dieser gegen Angriffe von außen verteidigt werden. Die so verteidigte Freiheit ist nun aber die der bloßen Meinung und läuft auf das freie Flottieren jedes Ressentiments hinaus. Als Beispiel für den Meinungspool der Piratenpartei, wie auch für die Beliebigkeit, welchem Meta-Rahmen man sich als Teil unterwerfen will, hier nur der kurze Verweis auf das Protokoll der Programm-AG „Außenpolitik“, das ein Thema für sich wäre. Mit der Freiheit der_s Einzelnen haben sie nur so lange etwas zu tun, so lange diese Einzelnen eben das bürgerlich-verblendete Abziehbild des unmöglichen liberalen Staates verinnerlicht haben und sich als Teil des produzierenden Kollektivs erweisen. Vor diesem Hintergrund scheint die Ablehnung des Rechts-Links-Schemas durch die Piraten fast schon wie Selbsterkenntnis, zumindest konsequent.

Quellen:

http://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/f/f8/Netzpolitische_Thesen_PP_Rede.pdf
http://web.piratenpartei.de/papiere/2010/10thesen
http://web.piratenpartei.de/navigation/politik/ueberwachung/vorratsdatenspeicherung
http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm#Neue_Wege_erkennen
http://www.piratenbrandenburg.de/landesprogramm/

http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm
http://berlin.piratenpartei.de/2011/11/11/kolumne-wenn-manner-und-frauen/

Werbung

Hat zwar schon angefangen, hier aber trotzdem nochmal Werbung zur Halbzeit: GegenUni im Institut für vergleichende Irrelevanz.



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