Archiv für März 2008

Keep on rocking

Gestern wurde im griechischen Parlament das Gesetz zur Rentenreform beschlossen. Danach müssen die griechischen BürgerInnen nun mindestens 37 Jahre in die Rentenkasse einbezahlt haben, um in den Ruhestand zu treten, was eine faktische Erhöhung des Renteneintrittsalters von 58 auf 60 Jahre bedeutet. Wie so oft in Griechenland blieben Proteste auf breiter Basis nicht aus. Bereits im letzten Jahr organisierten sich weite Teile der Studierenden, ProfessorInnen, SchülerInnen und LehrerInnen, um die Abschaffung der Lehrmittelfreiheit an den Unis, sowie des Asylrechts auf Unigelände, und die Einführung von Studiengebühren und einer Studienzeitsbeschränkung zu verhindern. Über 300 Unis wurden besetzt, ProfessorInnen und Studierende traten in den Streik, wöchentlich fanden Demos statt. Dass in Griechenland die politischen Kräfteverhältnisse in sozialen Kämpfen ein wenig anders aussehen als in Mitteleuropa wurde auch in den letzten Monaten deutlich. Drei Generalstreiks sollten der konservativen Regierung bislang verdeutlichen, dass der Preis für die nun erfolgte Durchsetzung des Rentenreformgesetzes hoch sein würde. Am Mittwoch war das ganze Land praktisch lahm gelegt. Im Anschluss an eine Demonstration in Athen kam es zu – in der Hauptstadt und Thessaloniki fast obligatorischen- Ausschreitungen als Autonome die Polizei mit Steinen und Molotovcocktails angriffen.

Der breite Widerstand gegen den Sozialabbau und die hohe Prozentzahl linksgerichteter bis linksradikaler Parteien bei der Parlamentswahl 2007 sollen allerdings nicht über reaktionäre Tendenzen der griechischen Linken hinwegtäuschen, die sich vor allem in nationalistischen, antiamerikanischen und antisemitischen Positionen ausdrücken und die in einem sehr lesenswerten Artikel der Phase2 aufgearbeitet werden. Dabei nicht aufgeführt: der Anschlag auf die US-Botschaft in Athen im Januar des vergangenen Jahres.

Bei aller Sympathie für die anhaltenden Proteste sollte man sich die Inhalte und Gruppen der Protestbewegung genau ansehen, um sich nicht in Solidaritätsbekundungen mit nationalistischen Kräften und verkürzter Kapitalismuskritik zu verstricken, auch wenn sich weite Teile der hießigen Linken mit Noglobe-Bauchlinks-Gehabe sicherlich in den griechischen Banken-smash-riots wohl fühlen dürften.
Communismus !!

Noble geht die Welt zu Grunde

Endlich es ist wieder soweit. Die zweite Staffel der Doku-Reality-Soap „Teenager außer Kontrolle“ ist angelaufen und wir dürfen uns auf jede Menge Drama, Tränen und Läuterung freuen, die Mischung, die bereits in der ersten Staffel für einen Quotenerfolg sorgte. Damals lies RTL sechs jugendliche „Problemkinder“ in die Wüste des US-Bundesstaates Utah verschleppen und von einem BetreuerInnen-Team unter Leitung der Familienpsychologin Annegret Noble Annegret Noble

Anstand, Regeln und Gehorsam beibringen. Dazu hatten die Jugendlichen in Phase 1 ihr Zelt in einem abgesteckten Steinkreis aufzubauen, innerhalb dessen sie weder sprechen, noch singen oder gar pfeifen durften. Alle Kommunikation, die ihnen gestattet wurde, war die schriftliche Selbstreflexion in ihrem Tagebuch. Der Steinkreis durfte nur nach ausdrücklicher Erlaubnis bzw. zur Teilnahme an Gruppenaufgaben und Gesprächskreisen verlassen werden. In Phase 2, für die sich die Teenager erst durch absoluten Gehorsam und Regelkonformität individuell qualifizieren mussten, wurde ihnen der Zutritt zu einem Dach über dem Kopf, einer Toilette und anderen kleinen Privilegien in der Turn about Ranch gewährt, bis sie ,durch die bodenständigen Tätigkeiten umgekrempelt, nach acht Wochen wieder nach Hause durften, um sich als funktionierende, verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft zu bewähren. Eindeutige Anzeichen, die eine solche Spezialtherapie nötig machen sind dem Konzept der Turn about Ranch nach:

Anzeichen für Probleme bei Jugendlichen:

Trotz
geringes Selbstwertgefühl
Verwirrtheit
manipulatives Verhalten
Lügen
Weglaufen
Experimentieren mit Alkohol und Drogen
unkontrollierbare Wutausbrüche
Traurigkeit oder Depression
schlechte schulische Leistungen
Impulsivität oder Verantwortungslosigkeit

Allein schon die Tatsache, dass hier Begriffe wie „Trotz“, „Verwirrtheit“, „Impulsivität“ oder „Lügen“ als quasi festgeschriebene, zusammenhangslose Charaktereigenschaften dargestellt werden, lässt ernsthafte Zweifel am pädagogischen Anspruch der Ranch aufkommen. Und durch den mehr als fragwürdigen Schlusssatz der Konzeptvorstellung:

Durch die ständige Korrektur der negativen und Förderung der positiven Verhaltensweisen in diesem hart arbeitenden, bodenständigen Umfeld der Ranch entsteht die junge Pflanze eines neuen, „umgewandelten“ Lebens.

wird schnell deutlich, wohin die Reise geht. Die beschriebene „ständige Korrektur der negativen und Förderung der positiven Verhaltensweisen“, so ist sowohl in Staffel eins, als auch in Staffel 2 klar zu erkennen, stellt sich als ein absolut simples Folgesystem von Befehl, Befehlsverweigerung und Sanktion heraus. Das diese Sanktionen nicht nur auf verbaler und psychologischer Ebene stehen bleiben, wird in Staffel 2, in der die Jugendlichen von Annegret Noble zu tagelangen Märschen mit schwerem Gepäck in der Wüste Oregons Wandern und die Klappe halten

gezwungen werden an Stacy als abschreckendes Beispiel für ihre LeidensgenossInnen demonstriert. Nicht zuletzt dabei begreift man schnell, worum es eigentlich geht: der eigene Wille der gecasteten Jugendlichen soll systematisch gebrochen werden, sie sollen lernen, dass auf Ungehorsam Benachteiligungen, Psychoterror und blanke Gewalt folgt, auf Gehorsam aber Belohnung, Lob und „das Gefühl, etwas geschafft zu haben, obwohl man es gar nicht wollte“. Für die Vermittlung dieser Konsequenzen ist den BetreuerInnen wirklich nichts zu blöde und geringfügig, wie der Streit um den Hut von Dzaneta eindrucksvoll beweist. In der aktuellen Staffel scheint Anngret Noble auch vermehrt auf gruppenpychologische Foltertricks, wie Ausgrenzung einzelner Ungehorsamer und kollektive Betrafung zurückzugreifen. So muss die ganze Gruppe für die Weigerung Dzanetas weiter zu wandern, büsen, indem sie alle so lange in der Sonne stehen bleiben müssen, bis Dzaneta gehorcht. Interessant hierbei vor allem: anstatt, dass sich alle einfach verweigern, den Rucksack wegwerfen und sich setzen, wird die Wut auf die BetreuerInnen auf das ausgescherte Gruppenmitglied Dzaneta projiziert. Sie muss übrigens für ihren Ungehorsam eine Einzelwanderung zurück unternehmen und dann die Gruppe wieder einholen. Es erscheint geradezu ekelhaft zynisch, wenn sich die Stimme aus dem off über Dzanetas plötzliche Wandlung wundert, als sie unter starken Schmerzen (Blasen an den Füßen) die Einzeltortur durch eine schnellere Gangart zu beenden versucht. Doch eigentlich macht es ohnehin keinen Unterschied, ob alleine oder zusammen gewandert wir. Denn ebenso wie in der ersten Staffel lautet die oberste Maxime: HALT DEN MUND! Die Jugendlichen dürfen während der Wanderung kein Sterbenswörtchen untereinander wechseln, andernfalls wird die ganze Gruppe mit 10 Minuten- in – der – Sonne – Stehen bestraft. Die bisher gelaufenen Folgen gibt es übrigens hier zu sehen.
Wir danken RTL für diese weitere taktvolle und aufklärende Reality-Doku-Soap, die glücklicherweise nicht nach den möglichen Ursachen für extreme Verhaltensweisen oder nach sozialen Hintergründen der Jugendlichen sucht, sondern dem Fernsehpublikum bereits fertige Verbrechercharaktere („Dzaneta – Schlägerbraut“, „Pascal – Dealer“ …) präsentiert, die durch einige starke Hände, völlige Isolation und Psychoterror wieder zurecht gebogen werden, um als willenloses Rädchen der Gesellschaft endlich keinen Stress mehr zu machen. Einige Fragen bleiben aber offen: Vor allem die nach der Qualifikation der BetreuerInnen. Annegret Noble darf sich zwar offensichtlich Therapeutin nennen, wie es aber beim restlichen Team aussieht, ist nicht in Erfahrung zu bringen, abgesehen von Kris Schock, der sich in mehreren Foren explizit gegen eine Bezeichnung als Therapeut wehrt, auch seine Homepage gibt keinerlei Anhaltspunkte für irgeneine pädagogische Ausbildung, zur Anwendung des sog. „Therapeutengriffs“ scheint es aber noch zu reichen.
Letztlich sollte nicht verschwiegen werden, dass es in dem seit 20 Jahren bestehenden Programm bereits mehrere Todesfälle zu beklagen gab. Das traurige Kapitel „Teenager außer Kontrolle“ soll auf diesem blog nun mit einem Beitrag der Diplompädagogin Brigitte Juhls enden, der als Reaktion auf Betreuer Kris‘ Homepage zu lesen ist:

Was soll aus den jungen Leuten werden, Menschen die sich keiner Macht entgegenstellen? Widerspruchslose, funktionierende Mitglieder einer Gesellschaft die keinen Widerspruch duldet? Indem man Menschen, Kinder, Jugendliche entwürdigt, ihnen alle Rechte nimmt und sie u. U. auch mit körperlicher Gewalt zwingt Autoritäten anzuerkennen erzieht man keine selbstständig denkenden Menschen! “Menschen, die blind in Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material, löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus” (Adorno: Erziehung zur Mündigkeit).
Schon Immanuel Kant hat geschrieben: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen” (I. Kant: Was ist Aufklärung). In Ihrem Programm wird genau das Gegenteil praktiziert! Es wird nicht gefragt, warum die Jugendlichen so geworden sind, haben vielleicht auch die Eltern einen Teil dazu beigetragen, wie sind die gesellschaftlichen Verhältnisse usw. Anstatt die Jugendlichen zu stärken und durch Einsicht zu einem anderen Verhalten zu veranlassen, sie zu selbstbestimmten Handeln zu erziehen, werden sie zu unmündigen, alle Autoritäten anerkennenden Robotern erzogen! Das hatten wir in Deutschland bereits einmal und was daraus geworden ist, kann man in jedem Geschichtsbuch nachlesen!
Gruß
Diplom-Pädagogin
B. Juhls