Archiv für Juni 2008

Germanys next Top-Transpi (4)

Klarer Fall.
Die vierte Nominierung konnte in Göttingen bestaunt werden:


(designed by redical [M])

Der Mythos vom Märchen

Die Fahnen wehen, „die deutsche Party“ feiert sich selbst und wartet mal wieder auf ihr „Sommermärchen“. Der Begriff vom Märchen ist sicher nicht willkürlich gewählt. Die zur Höchstform auflaufenden aufgeklärten PatriotInnen könnten ihr Treiben doch auch schlicht als „die Deutschlandstory“ oder „die deutsche Superparty“ bezeichnen. Aber nein, es muss ein Märchen sein:

Die organische Gesellschaftslehre, die den natürlichen Organismus zum Vorbild der gesellschaftlichen Gliederung erhebt, ist nicht minder mythologisch als der Nationalismus, der um eine höhere Einheit als die schicksalhafte der Nation nicht weiß.
Nicht in dem Zirkel des natürlichen Lebens bewegt sich die Vernunft. Ihr geht es um die Einsetzung der Wahrheit in der Welt. Vorgeträumt ist ihr Reich in den echten Märchen, die keine Wundergeschichten sind, sondern die wunderbare Ankunft der Gerechtigkeit meinen. Es hat seinen tiefen historischen Sinn, daß Tausenduneine Nacht den Weg gerade in das Frankreich der Aufklärung fand, daß die Vernunft des 18.Jahrhunderts die Vernunft der Märchen als ihresgleichen erkannte. In den Frühzeiten der Geschichte schon ist im Märchen die bloße Natur um des Sieges der Wahrheit willen aufgehoben. Die natürliche Macht geht an der Ohnmacht des Guten zugrunde, Treue triumphiert über magische Künste.
(Kracauer, Das Ornament der Masse)

Was soll der Begriff vom Sommer-Märchen also bedeuten? Dass endlich das Gute siegt, oder dreht es sich nur um einen unbestimmten Zauber? Vielleicht wird hier genau das zusammengebracht, was Kracauer als Wundergeschichten (die er dem Bereich des Mythos zuordnet) und die wunderbare Ankunft der Gerechtigkeit voneinander getrennt sieht? Denn einerseits geht es im „deutschen Sommermärchen“ definitiv um die Vorstellung einer Geschichte, die als eine eigentlich bloß erdachte daherkommt, da viel zu toll, viel zu unglaublich, um real zu sein, eine Wundergeschichte eben. Nun gab es ja aber bereits das „Wunder von Bern“ und seitdem ist viel passiert. Klar, auch damals hieß es: „Wir sind wieder wer“ usw., doch sprach damals die Generation der TäterInnen (die spätestens 2003 mittels der Verfilmung ihrer nationalen Wiederauferstehung in Bern 1954 längst mit der zweiten und dritten Generation versöhnt wurde), geprägt vom Nationalsozialismus, die das gewonnene WM-Finale als Wunder (und zwar nur als Wunder, als mythische Zaubergeschichte mitten hinein in die Nachkriegszeit) begreifen wollte.
Heute, aber wird das „Märchen“ strapaziert. Heute ist die Vergangenheit aufgearbeitet…. und wie. Deutschland ist weltoffen, modern, tolerant und führt sogar Kriege „wegen Auschwitz“. Da wäre es doch nur gerecht, endlich auch mal wieder an der Spitze Europas zu stehen. Nichts beweist diese Sehnsucht so sehr wie der chauvinistische Ton der deutschen Medien zur EM 08, der sich zu einem einzigen Minnegesang auf die Inkarnation des Guten und Gerechten, der deutschen Nationalmannschaft verdichtet, die immer wieder durch böse Attacken der ausländischen Presse und v.a. der Schiedsrichter am gerechten Aufstieg zum Titel gehindert werden soll:

Als der Vierte Offizielle die Situation beruhigen wollte, wurde er von den beiden angeschrien, heißt es in der Urteilsbegründung. Seltsam nur, dass es von dieser Begebenheit keine Fotos oder TV-Aufzeichnungen gibt und beide Trainer sie bestreiten.
So wurde Deutschland also wieder bei einem großen Turnier hart bestraft – wie schon bei der WM 2006, als Torsten Frings nach der Rangelei mit den Argentiniern für das Halbfinale gesperrt wurde. (tz)

Tom Bartels, der Kommentator des gestrigen Spiels Kroatien gegen Türkei kam angesichts wild gestikulierender Trainer an der Seitenlinie auch nicht umhin, immer wieder auf die himmelschreiende Ungerechtigkeit Löws Verbannung auf die Tribüne im Spiel gegen Portugal hinzuweisen. Wieder einmal wurde ausschließlich Deutschland bestraft.
Dabei ist

Jogi Löw natürlich auch ein guter, aufgeklärter und polyglotter Deutscher, Äonen entfernt von jenen teutonisch-stumpfen „Sauerkraut-Germans“, die immer noch durch englische Spielfilme geistern. (Spiegel)

Hier laufen Mythos und das angebliche Märchen der Deutschen zusammen:

- Märchen,
1.weil es nur gerecht (im Sinne einer konstruierten Rationalität) sei, wenn die deutsche
Mannschaft mit ihren „deutschen Tugenden“ Europa besiegt.
2.weil den Deutschen immer wieder von bösen Mächten Steine in den Weg gelegt würden, die sie mit Teamgeist und Stärke überwinden, weil die schließlich die Guten seien.

- Mythos,
1. weil die Identifikation mit der Nation die natürlich gewachsene Schicksalsgemeinschaft heraufbeschwört
2. weil die Weltverschwörung gegen die Deutschen hinter jeder Ecke zu lauern scheint.

Die deutschen ProtagonistInnen des „Sommermärchens“ sind also eben nicht die personifizierte Ohnmacht, die nach Kracauer im Sieg über die Natur den Mythos hinter sich und die Vernunft Einzug halten lässt, sondern im Gegenteil die Übermacht von Natur aus, die über die hinterlistigen Feinde mit Kampf und Stärke triumphieren muss. Das Sommermärchen entpuppt sich somit als Mythos durch und durch, der lediglich als Märchen gedacht und präsentiert wird.
Das Schlimmste an der fahnenschwenkenden Dummheit ist wohl die Hilflosigkeit, mit der man ihr gegenübersteht. Und so bleibt auch der Blogosphäre nichts anderes übrig, als sich mit wohltuender Polemik von Liza, hübschen aber für EpileptikerInnen gefährlichen Grafiken der Olifanis oder medialen Videos gegen Deutschland über die schweren Zeiten hinwegzuhelfen. Hoffentlich ist nächsten Mittwoch alles vorbei.

Bis dahin,
Deutschland in die Hacken treten!

Geht da noch was…

…oder was? Nachdem letzten Donnerstag Roland Koch seine Unterschrift für das Gesetz zur Abschaffung der Studiengebühren in Hessen aufgrund eines formalen Fehlers abgelehnt hat, demonstrierten in Frankfurt nach einer Vollversammlung am Dienstag ca.500 Studierende durch die Innenstadt. Blockadeversuche konnten dabei nicht umgesetzt werden. Gestern nun entschied der hessische Staatsgerichtshof mit einer Mehrheit von 6 zu 5, dass Studiengebühren nicht verfassungswidrig seien und machte durch den knappen Ausgang deutlich, dass es dabei letztlich um parteipolitische Taktierungen und Spielereien ging. Mit dem Verweis auf die Möglichkeit eines Studiums auf Darlehen soll die verfassungsgemäße Tatsache , dass Bildung „in allen öffentlichen Grund-, Mittel-, höheren-, und Hochschulen der Unterricht unentgeltlich ist“ umschifft werden und damit den kommenden Landesregierungen eine Wiedereinführung ermöglicht werden.
Nun sind die Studierenden sauer. Unter dem Motto „Frust oder Lust“ war gestern eine Demo zum Entscheid des Staatsgerichthofs angemeldet worden. Daran beteiligten zwischenzeitlich bis zu 1500 Studierende, die lautstark und immer wieder Stress-machend die Frankfurter Innenstadt belebten. Dabei kam es zu kleineren Auseinandersetzungen mit der gestressten Polizei (die sich gleichzeitig um das Public Viewing und den JP Morgan Lauf kümmern musste). Der radikale Ausdruck der Demo war gut und artikulierte sich bis zur Geisterstunde fort. In Marburg demonstrierten ca. 250 Studierende und bewarfen die CDU Zentrale mit Eiern. Heute demonstrieren 4000 SchülerInnen in Kassel. Die Ereignisse und v.a. die Stimmung der letzten Tage lassen auf mehr hoffen.

Auf einen heißen Sommer!
Auf französische Verhältnisse!

EM

Zum heutigen Start der Fußball Europameisterschaft nochmals die (immer wieder) wunderschönen Bilder vom Halbfinale 2006, die über die fahnentreue und -schwenkende Volksöffentlichkeit der nächsten Wochen hinweghelfen sollen:

Auf gute Spiele und auf dass es 2008 nicht so lange dauert. In diesem Sinne:
Grosso, Del Piero do it again!

Germanys next Top-Transpi (2 & 3)

Das Wochenende hat 2 neue Nominierungen hervorgebracht. Wird eine von ihnen den Titel ergattern können? The nominees are …..

2) Eher aufgrund des originellen Spruches:

beobachtet auf der Freiheit statt Angst Demo in Frankfurt

3) Auch aus ästhetischen Gründen:

beobachtet auf der Demo gegen das bayerische Versammlungsgesetz in München