Archiv für Oktober 2008

Gut, dass mal jemand was unternimmt

Unsere früheren Feinde sind enge Freunde geworden.

So beginnt der Antragsentwurf aller Parteien des deutschen Bundestags zum Thema Antisemitismus, den Liza vorab veröffentlicht hat. Sofort ist klar, wer hier spricht: überraschend nahtlos scheint sich die parlamentarische Politik in der Linie der NS-TäterInnen wiederzufinden.
Es kommt noch besser, das Opfervolk kann die vom Antisemitismus Verfolgten bestens verstehen, schließlich

weiß niemand besser als die Deutschen, wie gefährlich und schädlich Antisemitismus ist: Die nationalsozialistische Judenvernichtung beraubte die Deutschen eines wesentlichen Teils ihrer Kultur und machte sie so zu den eigentlichen Leidtragenden. Diese Erfahrung schmerzt noch heute.

Wer jetzt glaubt, die Verhöhnung der Opfer der Shoa müsse nun ihren Höhepunkt erreicht haben, irrt:

Wir wissen aus eigener Erfahrung wie kein anderes Volk, was Unrecht ist, und stehen deshalb in der Pflicht, neues Unrecht zu verhindern. Krieg, Vertreibung und Besatzung können und dürfen keine Mittel der Politik sein. Die deutsche Außenpolitik unternimmt daher alles Erdenkliche, um die Sicherheit des jüdischen Staates zu garantieren – eine Sicherheit, die nicht zuletzt durch die fortdauernde israelische Besatzungspolitik gefährdet wird.

Die Sicherheit vor antisemitischen Angriffen kann also nur unter der Bevormundung der „eigentlich Leidtragenden“ garantiert werden, würde man nur auf sie hören. Statt dessen werden die Sicherheitsbemühungen der Bundesrepublik fortwährend von Israel untergraben, das sich tatsächlich einer eigenen Verteidigungspolitik erdreistet.
Wie sehr dem Opfervolk die Sicherheit Israels am Herzen liegt, wird im folgenden Abschnitt deutlich:

Wir halten es jedoch bei aller Notwendigkeit einer deutlichen Kritik an solchen antisemitischen Ausfällen für gefährlich, den Iran zu isolieren oder in eine fundamentalistische Ecke zu drängen. Gewalt ist erst recht keine Option. Wer die Entwicklung in der Islamischen Republik beeinflussen will, darf die traditionell gute wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit nicht gefährden. Diese Zusammenarbeit im Rahmen des kritischen Dialogs ist ein Wesenskern der deutschen Außenpolitik. Deshalb werden wir uns von niemandem in die Falle einseitiger Sanktionen locken oder uns gar zu militärischen Drohungen verleiten lassen. Das ist unzweifelhaft auch im Interesse Israels, selbst wenn man dies dort anders beurteilt.
[…]So sehr wir parteiübergreifend den Antisemitismus und die Leugnung des Holocausts durch die Machthaber im Iran kritisieren, so sehr waren und sind sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages darin einig, dass eine Einschränkung der diplomatischen Beziehungen zum Iran, das Unterbinden der Hermes-Exportförderung oder eine Aussetzung der bilateralen Wirtschaftsförderung durch die Deutsch-Iranische Industrie- und Handelskammer nicht in Frage kommt.

Die Deutschen wissen also wieder einmal besser, was im Interesse Israel steht. Nach all dem gequirlten Mist hat man fast den Eindruck, Israel sollte einen Staatsbeauftragten zur Bekämpfung von Antisemitismus einrichten, um auf die israelische Außenpolitik einzuwirken.
Aber….was ist denn das eigentlich – Antisemitismus? Naja, das beantwortet der Antrag nicht, aber die Parteien sind sich ganz sicher, was kein Antisemitismus sein kann:

Aus alledem folgt die innen- wie außenpolitische Notwendigkeit, die Stelle eines Bundesbeauftragten für die Bekämpfung des Antisemitismus einzurichten, der in einem ersten Schritt eine tragfähige Definition des Antisemitismus erarbeiten soll. Ausschlusskriterien müssen dabei jedoch sowohl die in der deutschen Bevölkerung dominierende Verurteilung der israelischen Politik als auch – insbesondere mit Rücksicht auf kulturell bedingte Eigenheiten – die teilweise plakative, jedoch nachvollziehbare Ablehnung des jüdischen Staates durch Zuwanderer aus islamischen Staaten sein.

Jetzt ist der Vogel endgültig abgeschossen. Nicht nur die alte AntisemitInnen-Leier der „Kritik an Israels Politik“, sondern auch die „nachvollziehbare Ablehnung des jüdischen Staates“ durch „kulturell bedingte Eigenheiten“ von Moslems werden vom Antisemismus frei gesprochen.
Bei so viel antisemitischem Mist ist das große Hick-Hack der Koalition um die Unterstützung des Antrags durch die Linkspartei schon fast peinlich. Trotzdem haben sich Union und SPD zu einem eigenen Entwurf druchgerungen, der die Linkspartei explizit ausschließen soll.

Gut, dass mal jemand was unternimmt.

Anschlussfähig

In Österreich ist der Jurist und FPÖ-Parlamentsabgeordnete Martin Graf zum dritten Nationalratsvorsitzenden gewählt worden. Dass die FPÖ seit Jahrzehnten im österreichischen Parlament vertreten ist und zwischen 1983 und 1986 sogar mit mehreren Ministern an der Regierung beteiligt war, ist mittlerweile zwar traurige aber akzepierte Normalität. Die Wahlergebnisse von 2008 bestätigen die Tragfähigkeit rechtsaußen bis rechtextremer Positionen in der österreichischen Wählerschaft. Trotzdem sorgt die Wahl Martin Grafs für einen neuerlichen Skandal.
Denn Graf ist nicht nur Mitglied der FPÖ, sondern auch der schlagenden Burschenschaft „Olympia“, die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes als rechtsextrem eingestuft wird und auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die „Olympia“ war auch die Heimat des Gründers der österreichischen NPD Burger und betrachtet man einen Auszug eines „Olympia“-Flugblatts bekommt man auch so eine Ahnung, warum:

Wir sind normal geblieben unterm Schutt der Zeit, an uns sind Umerziehung, Trauerarbeit und Betroffenheit, doch auch Konsum, soziale Dünkel und Moderne fast völlig spurlos vorbeigezogen.

Die Olympia, die mittlerweile ihre Homepage überarbeitet, steht in engem Kontakt zu deutschen Burschenschaften und Nazis und lud sich 2005 David Irving ein, um sich von der Holocaust-Lüge erzählen zu lassen.
Eine besondere Note der Wahl Grafs erklärt der „Standard“ in einem Kommentar:

Als Dritter Nationalratspräsident ist Graf auch im Komitee und Kuratorium des Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus – für jene, die den Holocaust überlebt haben, ist das eine Zumutung.

stellt sich aber mit dem Untertitel selbigen Kommentars

Die Wahl Grafs beschädigt den demokratischen Konsens und das Bild Österreichs

in die Reihen der demokratischen PatriotInnen gegen Nazis. Zudem wird dabei unterschlagen, dass Graf nicht der einzige Burschenschafter im neuen Nationalrat ist. Diesen Rang teilt er mit mindestens 11 weiteren Parlamentsabgeordneten. Allerdings ist er der Einzige der 1987 bei einem Vortrag des Rechtsextremisten Reinhold Oberlercher- mit Horst Mahler und Uwe Mehnen Mitglied im „deutschen Kolleg“- den Saalschutz mimte. Er ist auch der Einzige, der 2002 behauptete, die Burschenschaften seien von 1928-1945 verboten gewesen:

Tatsächlich wurden 1938 die katholischen und einige liberale Korporationen verboten, die österreichischen Burschenschaften hingegen lösten sich feierlich selbst auf und gliederten sich zum Großteil als „Kameradschaften“ in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ein. Schon 1933 hatten sie in ihrem Verbandsorgan Burschenschaftliche Blätter die Machtergreifung der Nationalsozialisten begrüßt: „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschaft von 1817 jahraus, jahrein an uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden.“ Die Wiener Burschenschaft Bruna Sudetia sah noch 1971 den „Anschluss“ als Verwirklichung des „Traum[es] der Deutschen Burschenschaft vom großen Reiche aller Deutschen“.
Die Olympia, die schon 1933 das „Führerprinzip“ übernommen hatte, wurde nach der „Heimkehr ins Reich“ als Kameradschaft Johann Gottlieb Fichte in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund überführt. Zu diesem vermeintlichen „Verbot“ heißt es in der „Festschrift“ der Olympia mit dankenswerter Offenheit: „Bei der eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anlässlich der Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit getragen.“
Verboten wurden zahlreiche „deutsche“ Burschenschaften in Österreich tatsächlich mehrmals: 1896, nachdem sie sich mit den „Waidhofener Beschlüssen“ auch formal auf den „antisemitischen Standpunkt“ gestellt hatten, 1933/34, als sie als Auffangbecken der verbotenen NSDAP dienten, 1945, weil sie von den Alliierten als Brutstätte nationalsozialistischer Gesinnung erkannt wurden. Die Olympia sah sich aufgrund ihrer damaligen Verstrickungen in den Südtirolterror und Neonazismus zudem zwischen 1963 und 1974 mit einem Verbot konfrontiert.

Neben der ideologischen Ausrichtung verhindert das Lebensbundprinzip, das die Generationen aneinander bindet, eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zahlreicher „Alter Herren“. So hält die Grazer Burschenschaft Arminia das Andenken an Bundesbruder Ernst Kaltenbrunner – als einer der Haupttäter des NS-Vernichtungswerkes in Nürnberg hingerichtet – bis heute hoch. Der Euthanasiearzt und erste Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Irmfried Eberl, wird immer noch als „Alter Herr“ der Innsbrucker Germania geführt. Ein anderer Kriegsverbrecher, der zu lebenslanger Haft verurteilte Rudolf Heß, wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Hingegen wurde es 1955 in den Burschenschaftlichen Blättern abgelehnt, „‚Widerständler‘ aus unseren Reihen zu benennen und sie als Schild zu missbrauchen“. In der Grazer Aula verschloss man sich noch 1973 gegenüber den Versuchen, „einen nationalen Widerstand zu konstruieren“.

In einer Resolution von deutschnational-korporierten FPÖ-Politikern wird nicht nur die Legende vom Verbot wiederholt, sondern auch behauptet, die Burschenschaften würden in ihrer Allgemeinheit keine „extremistische[n] Standpunkte“ vertreten und befänden sich seit jeher und „in Zukunft in der Mitte unserer Gesellschaft“. Die österreichischen Polizeibehörden sehen das allerdings anders… “
(DOEW)

Der Standard liegt falsch, wenn er die Wahl Grafs als Schädigung des „demokratischen Konsens“ deutet. Vielmehr scheint sich mit dieser Wahl ein neuer demokratischer Konsens zu konstituieren: Graf erhielt fast 70 % der Stimmen.

Weitere Infos:
- zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich
- zur blauen Blume und sonstigen Deutschtümeleien der FPÖ
- zur „Olympia“

Deutsche Fiktionen

Nach jahrelanger Knoppscher Betätigung ist die Aufarbeitungsweltmeisterschaft nun scheinbar endlich gewonnen und es kann sich wieder Wichtigerem zugewandt werden. Und was könnte wichtiger sein, als der Weltmeister selbst, seine Geschichte, „seine Wurzeln“. Nicht mehr mythisch germanisch, sondern wahrhaft historisch will das ZDF mit seiner 10teiligen Dokureihe „Die Deutschen“ nun klären, „wie wir wurden, was wir sind“. Die „Geburtsstunde der Deutschen“ markiert in der ersten Sendung die Krönung König Ottos I. im Jahr 955.

Die vier Ur-Stämme auf deutschem Boden empfanden sich wohl erstmals im Jahre 955 als eine Schicksalsgemeinschaft: hervorgerufen durch einen aggressiven Feind von außen. Die Ungarn waren immer wieder zu räuberischen Streifzügen in das ostfränkische Reich Ottos I. eingedrungen. In der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg stellten sich Aufgebote der „deutschen“ Stämme den Angreifern entgegen und besiegten sie. Dieses Erlebnis einte, stärkte den Monarchen, schuf so etwas wie gemeinsame Identität.

Die Ankündigungstexte lassen Schlimmes vermuten. Die 45minütigen Episoden, die allesamt um einzelne Deutschmänner von Heinrich dem IV., über den flammenden Antisemiten und Frauenhasser Martin Luther und den „Volkshelden“ Wallenstein bis zum verbohrten Tatterkaiser und Imperialisten vom Dienst Wilhelm II. kreisen, werden mit Spielfilmszenen veranschaulicht, so dass die ZuschauerInnen mit möglichst viel Emotionen die „Geschichte ihrer Nation“ verfolgen können. Das ZDF nennt das Ganze dann:

Ein Jahrtausend deutscher Geschichte in szenischer Rekonstruktion

und erschafft damit endlich das ersehnte 1000jährige Reich. Selbst an die jungen Deutschen hat das ZDF gedacht und bietet eine multimediale Animation und Mitmachaktion für Schüler“ zur Serie.
In einer aller Beschreibung spottenden Konstruktion einer einzigen großen Geschichte, die sich – mit Ausnahme eines Mönchs und eines bürgerlichen „Nationalrevolutionärs“– von einem Monarchen zum anderen hangelt und in der Weimarer Republik stehen bleibt, wird die deutsche Nation als 1000jähriges Etappenwerk tragischer Gestalten, nationalen Pathos und Herrschaft erschaffen. Dabei wird die im Vorwort immer wieder scheinheilig anklingende Frage, „Wer sind die Deutschen“, „Was ist ihre Identität?“, gleich in der ersten Sendung beantwortet. Eine „Schicksalsgemeinschaft“ von „vier Ur-Stämmen“ auf „deutschem Boden“. Histotainment ole!

Überraschungseier

Altes Sprichwort: Wer gackert, muss auch ein Ei legen.
Dazu Passendes der letzten Tage:

1.
Erst Studiengebühren einführen und dann einen rießigen Wirbel um eine vorerst unter Verschluss gehaltene Studie veranstalten, die besagt, dass im Abijahrgang 2006 ca. 18 000 Studierende ihr Studium wegen der Gebühren nicht aufnehmen wollten. Als wäre das eine Überraschung oder ein großer Skandal und nicht mitunter Sinn und Zweck eben jener Gebühren gewesen.

2.
Erst Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließen und dann jedes Mal wenn Späne fallen, wo gehobelt wird, eine Diskussion darüber starten, ob in Afghanistan ein Kriegseinsatz stattfindet und die Soldaten nun „gefallen“ sind (als könne man es gar nicht erwarten, diese Vokabel wieder benutzen zu dürfen), oder nur bei Amtshilfen des humanitären Wiederaufbaus „verunglückt“, als wäre der Bundeswehreinsatz jemals keine Kriegsintervention gewesen, bloß weil sie innerhalb einer internationalen Arbeitsteilung stattfindet.

3.
Erst die grundsätzliche Zustimmung zu einem Kompromiss zum Bundeswehreinsatz im Inneren geben und sich dann wundern, wenn der zukünftige § 35 folgendermaßen lauten soll:

Reichen zur Abwehr eines besonders schweren Unglücksfalles polizeiliche Mittel nicht aus, kann die Bundesregierung den Einsatz von Streitkräften mit militärischen Mitteln anordnen.

, als hätte man nicht bereits beim §129a erleben können, wie mit schwammigen Begriffen die Grundlage für deutsches Kriegsrecht im Inneren geschaffen worden ist.

All diese Aufregungen beschäftigen die „Zivilgesellschaft“ wohl maximal 2 Tage und 5 – 10 Zeitungsartikel lang, ehe die nächsten Einzelmeldungen als unangenehme aber vollendete Tatsachen daherkommen, über die man sich zwar empört, deren Gegenstand aber nie an sich in Frage gestellt, geschweige denn in Zusammenhängen gedacht wird.

Die Leiden der jungen Dorn

Im Waschsalon zu lesen ist eine relativ unspektakuläre Angelegenheit. Nichtsdestotrotz kann diese Angelegenheit zu ungeahnten Wutanfällen führen, die dann -aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, die auch in einem Waschsalon gelten- noch nicht einmal artikuliert werden können. Deswegen werden diese dann auf einem Blog ins Netz gestellt, auch, wenn man sich danach nicht beruhigt hat. Angenommen, man hätte in einem Waschsalon gesessen und den aktuellen Spiegel, den ein freundlicher Mensch nach seinem Waschgang hat liegen lassen, zur Hand genommen, so hätte man sich über einen Artikel freuen dürfen, der es endlich mal auf den Punkt bringt: Deutschland, keine Denker
Die Überschrift schafft es, zumindest vages Interesse zu wecken und zack…. schon findet man sich wieder in dummdreisten Geschwafel darüber, dass es in Deutschland keine „öffentlichen Intellektuellen“ unter 70 mehr gebe und damit die Demokratie gefährdeter sei, als je zuvor. Die Gespräche, die die Autorin und Moderatorin von „Literatur im Foyer“ Thea Dorn im Laufe der Jahre mit ihren jüngeren Gästen geführt habe, seien zwar ganz nett gewesen aber Anregung zum Denken oder gar Rührung konnte sie nur im Gespräch mit geistigen Düsenfliegern im Seniorenalter erleben. Hier folgt eine kleine Aufzählung der wichtigen „öffentlichen Intellektuellen“, genannt werden neben Dahrendorf und Enzensberger u.a.:

- der linkskatholischen Robert Spaemann , der islamistischen Selbstmordattentaten als Beweis des festen Gottesglaubens zumindest ein bisschen was abgewinnen kann, Gesetzestreue aus dem Wissen um den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen fordert und auch mal gerne seine Unterschrift für die junge Freiheit hergibt, da diese natürlich auch das Recht auf einen Stand auf der Leipziger Buchmesse haben müsse
- der Hitler-Biograph und FAZ-Feuilletonist Joachim Fest, der der Shoa in seinem Hauptwerk drei Seiten einräumte und im Historikerstreit Ernst Nolte in der FAZ eine Plattform für dessen geschichtsrevisionistische Thesen bot
- Martin Walser, über den sich jedes weitere Wort erübrigt

Nun stellt sich die Autorin die Frage, warum es unter jüngeren Intellektuellen keine „Persönlichkeiten“ mehr gebe, warum keine Ausstrahlung , was fehlt? Ganz klar, so der Publizist Raddatz (*1931):

Die Nachgeborenen hätten in ihrem Leben keinen „existenziellen Riss“ erfahren, sie hätten „keine brennenden Menschen“ gesehen.

Ach so ist das. Die Jüngeren hatten ohne die leibhaftige Erfahrung des Nationalsozialismus einfach nie eine Chance auf Persönlichkeitsbildung. Doch diesen Gedanken verwirft die Autorin mit dem Verweis auf Mann und Nietzsche und nähert sich dem wahren Grund:

Das Defizit der Jüngeren ist nicht, dass die Welt, in der sie aufgewachsen sind und jetzt leben, so harmlos wäre, dass nichts erschütterndes mehr geschieht. Das Problem ist, dass sie sich von nichts mehr erschüttern lassen.

Jetzt wird der Habermas’sche Vorwurf der jugendlichen Immunisierung gegen Erfahrung aufgegriffen und spezifiziert:

Nur, dass die Immunisierung heute keiner maoistische-trotzkistisch-leninistischen Verblendung entspringt, sondern einer Lyotard-Baudrillard-Derridaschen. Die Postmoderne hat in der Geisteshaltung der jüngeren Intellektuellen größere Verwüstungen angerichtet als der Orkan „Kyrill“ im Hochsauerland. Denn wie soll ich auf Ereignisse emphatisch reagieren, wenn ich mir von Dekonstruktivisten habe einflüstern lassen, dass alles nur „Bild“, „Oberfläche“, „Text“ sei? Wie soll ich mit Verve eine Position verteidigen, wenn ich mir von den Poststrukturalisten habe weismachen lassen, dass es nicht um die Wahrheit gehe, sondern lediglich darum, die „Sprecherposition“ einzunehmen?

Die postmoderne Verblendung hat also die Haltung und Selbstwahrnehmung der Jungen zerstört, die Persönlichkeiten in einem Brei substanzloser Bezeichnungen zermalmt. Die Kritikwürdigkeit postmoderner Theorie soll hier nicht kategorisch geleugnet werden, aber man fragt sich schon, ob es gewagte Unterstellung oder schlichte Dummheit ist, den „Mangel öffentlicher Intellektueller“ unter 70 mit postmodernen Theorieströmungen erklären zu wollen. Als führten solcherlei Ansätze, die die metaphysischen Vorraussetzungen vorgängiger Theorien in Frage stellen und nach Möglichkeiten neuer politischer Verortungen suchen, zum Ende der Theorie und politischer Stellungnahme selbst:

Und so können die biographisch Ratlosen im Diskurs allenfalls die Rolle der mal besser, mal schlechter gelaunten, aber letztlich immer unbeteiligten Beobachter einnehmen. Wer selbst nicht so recht glaubt, was er sagt, weil am Schluss ja doch alles relativ ist, wird nie markant Stellung beziehen. „Die Alten“ haben im Laufe der Jahrzehnte -teils krasse Positionswechsel vollzogen. Aber bei ihnen erscheint dieser Wechsel als Ausdruck lebendigen Wandels, nicht als Ausdruck einer Verunsicherung ohne Gravitationspunkt.

Einen weiteren Grund sieht Thea Dorn in einem Strukturwandel der Öffentlichkeit und meint damit die basisdemokratische Möglichkeit vieler zur Meinungsäußerung in Internet und TV, welche anzuerkennen „intellektuellem Defätismus“ gleichkomme. Intellekt müsse als Profession zu verstehen sein, die nach einem adäquaten Maß an Reputation in der eigenen Zunft dann auch in die Öffentlichkeit treten müsse. In diesem Zusammenhang wird über die mangelnde Präsenz von Rainer Forst in den Medien geklagt, ehe der Artikel mit einem beherzten Aufruf, die Ballettschuhe auszuziehen und „in den Ring“ zu steigen sein Ende findet.
Durch den gesamten Artikel zieht sich als Unterton die Antwort auf die Frage, die er stellen möchte: die Altehrwürdigkeit, speziell die deutsche. Die Verzückung über die „leidenschaftlichen Ichs“ der „öffentlichen Intellektuellen“ ist eine tief patriarchale, die jedeN ModeratorIn überkommt, wenn Hans Joachim Vogel, Helmut Schmidt oder ein anderer der elder statesmen -möglichst in einer Dunstwolke aus Zigarrenrauch- mit mal strafendem, mal prophetischem Blick den mahnenden Zeigefinger hebt, um mit christlich-gesellschaftstheoretischen Allgemeinplätzen respektvolles Nicken und Applaus abzusahnen. Der Satz zum Ende des Artikels:

Der kritische Geist darf den öffentlichen Raum nicht kampflos den Krachmachern und Schaumschlägern überlassen

zeugt von grenzenloser Naivität, denn die „Intellektuellen“, von denen in der medialen Öffentlichkeit Notiz genommen wird, packen kritisches Potential (sofern vorhanden) allein schon deshalb in die Schublade, weil sie sich auf die habituellen Erwartungen der Rundfunkanstalten und ihrer KonsumentInnen konzentrieren müssen, die ihnen diesen Platz überhaupt erst sichern. Es geht um Stil und Image, ohne viel Streitbares, „Intellektuelle Äußerungen“, als kritisches Denken verstanden, wären schon ihr Todesstoß. Gesellschaftskritik, die der Artikel zu Unrecht ausschließlich im universitären Bereich ansiedelt, hat heute eher selbst in ihrem eigenen Elfenbeinturm mit Exzellenz, Effizienz und Reputation zu kämpfen, als dort Zeit und Raum zur Entfaltung zu finden.
So zu tun, als sei mediale Öffentlichkeit ein allgemein zugänglicher Raum, ein Faktor der Demokratie oder gar eine systemäußere Sphäre der Einflussnahme, in der Gesellschafts-theorie und -kritik bloß ihren Platz einnehmen müsste, zeugt entweder von Unkenntnis über den kulturindustriellen Medienbetrieb oder von Wunschdenken.
Letztlich vertritt Thea Dorn einen elitären Intellekt-Begriff, der sich im Grunde genommen in affirmativen Geschwafel mit ganz viel Gehabe erschöpft, radikale Kritik erscheint ihr unvernünftig:

Es zeugt von wohltuender Bescheidenheit und Vernunft, dass der Intellektuelle im frühen 21. Jahrhundert sich nicht mehr anmaßt, das Rad der Geschichte in eine komplett andere Richtung herumreißen zu wollen. Aber den Anspruch aufzugeben, Sand im Getriebe zu sein, das gleicht einer vorauseilenden Kapitulation.

Worum es ihr geht, ist eine kleine Prise mehr besonnene Gesellschaftkritik in der Medienkultur, dabei sieht sie nicht, dass die Kritik der „Jüngeren“ vorrangig gegen und deswegen nicht in der „medialen Öffentlichkeit“ stattfindet. Zudem wird Gesellschaftstheorie im medialen Diskurs und der Gesellschaft selbst ja nicht umsonst immer weiter marginalisiert. Schließlich ist keine noch so schlaue Analyse mehr wert als ihr Mehrwert. Im „öffentlichen Medien“ findet sich kritisches Potential vor allem im popkulturellen Bereich und vielleicht in News&Stories, aber sicher nicht im philosphischen Quartett, oder im zwei Augen-Gepräch zwischen Beckmann und Helmut Karasek. Aber für diese Einsicht unterliegt die distinktionssichere Thea Dorn wahrscheinlich zu sehr der Spaemann-Fest-Walserschen Verblendung.

Spatial (de-)constructions

Das IvI ruft zur 8. Gegenuni:

27.10. – 9.11. 2008 Theorie-Einführungen, Workshops, Abendveranstaltungen, Film, Party uvm. im Institut für vergleichende Irrelevanz

Aneignung? Enteignung!

Renault muss sterben!

Was zu viel ist, ist zu viel.

Germanys next Top-Transpi (5)

Da war doch wieder mal was Schönes dabei. Hier Nominierung Nr. 5 aus Hamburg:

If i can‘t dance,….

it’s probably the cops.