Die Leute da abholen, wo sie stehen….

Am 25.01. fand der antikapitalistische Ratschlag der IL statt. Das Motto „Die K-Frage stellen“ lies einige Interpretationen zu: Sollte es um die Krise gehen? Oder doch um den Kapitalismus? Um Krieg oder Klima? Oder gar um den Kommunismus?
Tatsächlich sollten all diese Themen Bezugspunkte für die Leitfragen des Kongresses werden.

In der Plenumsdebatte formierte sich aus unterschiedlichsten Redebeiträgen folgender Konsens:
a) Die Krise wird in eine länger währende Rezession münden
b) Das Jahr 2009 wird ein Jahr sozialer Kämpfe
c) Die Linke ist organisatorisch schlecht aufgestellt
d) Die Linke muss sich in die sozialen Kämpfe einschalten und Alternativen anbieten

Nachdem einige Mitglieder der Linkspartei die Chance genutzt hatten, mit dem Vertreter der „emanzipatorischen Plattform“ auf dem Podium eine innerparteiliche Diskussion um die stetig zunehmende Marginalisierung außerparlamentarischer linksradikaler Positionen in der LINKEN zu führen, äußerten sich Mitglieder von Avanti bis DKP zur Krise und dazu, was die radikale Linke nun zu tun habe. Dabei tauchte immer wieder die absurde Forderung nach Vergesellschaftung des Finanzsektors auf. Im Anschluss daran wäre zu fragen, welchen Sinn ein Finanzsektor überhaupt noch macht, wenn er denn vergesellschaftet worden ist. Ganz soweit wollte ein Vertreter der LINKEN-SDS dann doch nicht mit und beschränkte sich auf die Forderung nach der Verstaatlichung aller Banken, also: weiter, immer weiter (um mit Olli Kahn zu sprechen)! Ununterbrochen wurde darauf hingewiesen, dass die radikale Linke sich in regionale Kämpfe miteinbringen müsse. Dazu müssten Forderungen erhoben werden, die die Leute „dort abholen, wo sie stehen“. Gerade jetzt, da der Kapitalismus nicht nur in eine ökonomische, sondern auch in eine Legitimitätskrise geraten sei, wäre die Zeit gekommen, die Massen (ein in der Debatte beliebter Begriff) mit eigenen Forderungen zu mobilisieren.
Aus diesem höchst subjektiven Eindruck der Plenumsdebatte (die Arbeitsgruppen und das Abschlussplenum wurde von der AutorIn nicht besucht) folgen nun einige Thesen zur Bewegungslinken:

1) Der Ansatz verschiedene Kämpfe zusammenzuführen, mündet in einem diffusen Begriff eines linken „Wir“
2) Dieses „Wir“ steht als Gegenblock abseits der restlichen Gesellschaft, hat es sich aber zum Ziel gesetzt, die Massen zu mobilisieren
3) Der Bezug auf die Masse ist stets positiv, ihr steht das Feindbild der herrschenden kapitalistischen Eliten gegenüber. Eine Distanzierung von personalisierter Kapitalismuskritik findet nicht statt.
4) Unter diesen Vorraussetzungen erscheint die Revolution nicht als historische Zäsur ins ganz Andere, sondern als die bloße Umkehrung der Produktionsverhältnisse bei gleichzeitiger Erprobung alternativer Lebensmodelle.
5) Fast alle irgendwie linken Bündisparter_innen sind für die Bewegungslinke attraktiv, solange sie Organisationsgrad und Mobilisierungspotential erhöhen (ein antikapitalistischer Grundsatz ist dabei nicht unbedingt nötig)
6) In der Suche nach revolutionären Subjekten werden weltweit Akteur_innen sozialer Auseinandersetzungen, zu denen meist ohnehin kein Kontakt besteht, kurzerhand zu Elementen einer globalen Widerstandsbewegung gemacht.
7) Solche Projektionen setzen sich im kleinen Maßstab fort. Die ständige Betonung der Einschaltung in regionale Kämpfe findet realiter nicht statt. Wenn doch, bleibt es bei einseitigen Solidaritätsbekundungen. Die auserkorenen revolutionären Subjekte haben überwiegend weder einen Bezug zu linken Positionen, noch Bock, sich inmitten von Existenzangst und Alltagsgestaltung mit selbigen auseinanderzusetzen, v.a. nicht, wenn sie dazu einem linken Wahrheitsanspruch hinterherlaufen sollen.
8) In Großdemonstrationen demonstriert sich die Bewegungslinke selbst, dass sie noch da ist. Mediale Aufmerksamkeit für linksradikale Positionen ist dabei ein willkommener, aber nicht zwingender Nebeneffekt.

Statt sich mit den Gründen des Scheiterns kommunistischer Forderungen im öffentlichen Diskurs zu unterhalten, wird lieber an der Oberfläche gekratzt und mit der neuen alten Sozialdemokratie der Linkspartei geliebäugelt. Statt konkrete Ansätze für eine Intervention zu entwickeln, die die Positionen der jeweiligen Akteur_innen innerhalb der bestehenden sozialen Verhältnisse mitzudenken vermag und sich erst dadurch lohnen könnte , werden halbrevolutionäre Rhethorik und interne Mobilisierungen zu Großdemos gegen „die da oben“ zum rettenden Strohhalm in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit.

Mittlerweile erschienen: Die Abschlusserklärung des antikapitalistischen Ratschlags


3 Antworten auf “Die Leute da abholen, wo sie stehen….”


  1. 1 -> revolution Trackback am 14. Februar 2009 um 17:51 Uhr
  2. 2 BewegungsmanagerInnen | meta.copyriot.com Pingback am 16. Februar 2009 um 2:41 Uhr
  3. 3 Violenza, Vendetta, Omerta, Francoforte « Lea Pingback am 06. Juni 2009 um 11:36 Uhr
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