Archiv für Mai 2009

Violenza, Vendetta, Omerta, Francoforte

Was ist „linke Szene“? Und vor allem: wer? Und wer will da rein, wer will nicht, wer muss draußen bleiben? „Linke Szene“ ist da wo man sich kennt, da, wo sich immer die gleichen Leute treffen, auf Veranstaltungen, Konzerten, Parties, Demos und Kneipenabenden und da, wo man irgendwie links ist, was gegen die bestehenden Verhältnisse hat, was anderes will. Der Zusammenhang der einzelnen Positionen scheint dabei oft ebenso diffus wie deren Divergieren. Fluchtpunkt bleibt die Aktion, Praxis der Praxis und persönliche Beziehungen. Sich offenbarende Strukturen der politischen Arbeit, des persönlichen Umgangs und der theoretischen Reflexion erscheinen hier oftmals als unhinterfragtes Spannungsfeld, das die, die sich zur Szene zählen wollen, erstmal hinzunehmen haben, nie aber als Resultat kollektiver Praktiken, die Anhaltspunkt dafür bieten, wohin es denn eigentlich ginge wenn mal was ginge. Hier steht die Barrikade, die die Revolutionären zum Selbstschutz errichtet haben, um sich nicht den Ast abzusägen, auf dem zu sitzen es in Erwartung der Massen lohnend erscheint. Hin und wieder gibt es dann „Vorfälle“, danach ein Papier, vielleicht zwei und gut is.Die fehlende Reflexion der immer gleichen Aktionsformen, des black bloc, der mob-action, der Kleingruppengang und der ausgeblendete Zusammenhang politischer Praxis mit dem je eigenen Lebensstil und dem Umgangs miteinander tragen ebenso wie die Reaktionen der zum verbalen Gegenkrieg Rüstenden zum Alles-wie-immer im Szeneland bei. Ausblendung statt Reflexion, Verachtung statt Thematisierung, Abgrenzung statt Diskussion bestimmen das „Szenegemauschel“. Eine Intervention, die sich solcherlei Reflexen entziehen möchte steht immer in Gefahr, lediglich auf eine neue befriedete corporate identity hinzuarbeiten, Differenzen zu verschleiern und abermals an der Form hängenzubleiben. Die Benennung konkreter Zusammenhänge (z.B. Konzept Autonome Antifa) ist notwendig, verengt aber allzuleicht die zu führende Debatte, deren Gegenstand das diffus wabernde Gebilde „Linke Szene“ und deren Akzeptanz verschiedener Ausprägungen männlichen Macker-Gestus (so da wären Gewalt als Inhalt und Inhalt als Gewalt) sein müsste. Flaschenpost an die Restvernunft muss Empfänger_innen suchen und so es diesen noch nicht gibt, einen Rahmen für Kritik schaffen, die tiefer geht als jedes Distanzierungsschreiben.

Zur allgemeinen Beruhigung

Zitat des pakistanischen Staatspräsidenten Asif Ali Zardari, der den Taliban zunächst die Kontrolle über das Swat-Tal überlassen hatte:

Es ist ja nicht so, als ob ein kleiner Taliban kommen und den Knopf der Atombombe drücken könnte……..es gibt gar keinen Knopf.

Aufstand der Angestellten

In Frankreich haben die Gefängniswärter_innen die Schnauze voll. Sie protestieren, demonstrieren und bekommen es sogar mit handfester Repression durch die Polizei zu tun. Die Gefängnisse sind komplett überfüllt, ein „normales Arbeiten“– sprich stressfreies Verwalten der Abläufe im Knast und regelmäßige Kontrolle der Selbstkontrolle der Gefangenen – sind nicht mehr möglich. Alternativen? Lösungsvorschläge?
Fußfessel! Quadratisch, praktisch, direkter Zugriff auf den Körper und vor allem vergleichsweise günstig:

Bereits seit 2000 wird die Funküberwachung in der hessischen Bewährungshilfe eingesetzt, seit zwei Jahren können Richter im ganzen Bundesland Straftäter dazu verurteilen. Oft sind das jugendliche Mehrfachtäter, sogenannte „Wackelkandidaten“, denen die Behörden kaum zutrauen, dass sie künftig straffrei zu bleiben. […] In Hessen erstellen Richter und Bewährungshelfer einen Wochenplan, in dem festgelegt wird, wann der Verurteilte in seiner Wohnung sein muss. Stimmt dieser zu – und das ist die Regel, denn die Alternative heißt Gefängnis! –, wird ihm noch im Gerichtsgebäude ein Plastikband angelegt. In diesem Band ist eine Funkzelle, die ständig Kontakt zu einem Empfangsgerät in seiner Wohnung hält. Entfernt sich der Proband zu weit von dem Gerät, bricht die Funkverbindung ab. Die Reichweite lässt sich genau festlegen. Verlässt die überwachte Person die Wohnung, registriert ein Zentralrechner in der Hessischen Zentrale für Datenverarbeitung ([extern] HZD) in Hünfeld diesen Verstoß. Daraufhin erhält ein Bewährungshelfer in Frankfurt eine SMS, die ihm mitteilt, welcher Proband gerade gegen seinen Hausarrest verstößt. Dort ist eine Rufbereitschaft rund die Uhr besetzt……

Im Kochtopf lauert schon…

…die Reaktion. Wider der Regression im Kochen:

Anmerkung zur Physiologie der Kochkunst
Die Basis oder condition sine qua non jeden Wohlgeschmacks ist das Herausschmecken einer oder mehrerer bestimmter Substanzen aus der Mischung. Die echte Mischung muß nun so komponiert sein, daß von der einen oder auch den mehreren Substanzen, die überhaupt distinkt geschmeckt werden sollen, gleichsam nur die Geschmacksgipfel über die Schwelle des Totalgeschmacks hervorragen. Dieses auf die feinste Spitze des Geschmacks beschränkte Herausschmecken suchte die französische Kochkunst durch ihr „Supreme“ zu erreichen. Die deutschen Gerichte der Gegenwart aber sind so bereitet, daß der Totalgeschmack nicht schwebend über den Geschmacksgipfeln der singularen Substanzen sich hält (wobei dann „mächtiges Überraschen“ beim Wiederfinden“ eines bekannten Geschmacks in diesem Elysium stattfindet), sondern so, daß der Totalgeschmack unterhalb der Basis der singularen Geschmackspyramiden liegt, im Brei, im Mus, in der Tunke.
(Walter Benjamin, GS IV, 922)

Einzelnen Zutaten gerecht zu werden ist beim Kochen oftmals nicht einfach, nichtsdestoweniger aber die Vorraussetzung der Versöhnung von Geschmackserfahrung und Kochvernunft, die über das Bestehende hinausweisen könnte.

Randnotiz aus Mayence

Vor einiger Zeit fand in Frankfurt eine Veranstaltung mit dem Titel „Wie deutsch ist der DGB?“ statt. Als hätte sich die Antwort nicht schon hundertemale bestätigt, konnte man sich beim Bratwurst-Grillen gegen Nazis im Hinterhof des DGB-Hauses in Moguntiacum am 1. Mai nochmals versichern, wie groß das D im DGB geschrieben wird. Nach der Nachricht, dass die Nazis am heutigen Tag wohl nicht mehr laufen würden setzte, als der Jubel der Anwesenden abgeebbt war, die Jugendband auf der Bühne mit einer von Glockenspiel eingeleiteten Jazzversion der deutschen Nationalhymne ein.

Die Mucker, die sich in pathetisch-sadistischen Briefen an die Sendegesellschaften über das Verjazzen heiliger Güter beklagen, und die schäumende Jugend, die an solchen Exhibitionen ihre Freude hat, sind eines Sinnes. Es bedarf nur der geeigneten politischen Situation, um sie zur Einheitsfront zusammenzuschweißen: jene verüben platonische Reinigungsaktionen, diese starten ihre Volks- und Jugendmusik. Verbrennen werden sie dasselbe. (Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens)