Archiv für September 2009

Wahlqual

Einem unendlich langweiligen Wahlkampf folgte ein noch langweiligerer Wahlabend. Bevor hier aber gar nichts zur Wahl erscheint, einige Kuriositäten der vergangenen Tage und Wochen:

- Die MLPD setzte auf den unaufhaltsamen Fortschritt der Produktivkräfte in der Kommunikationstechnologie und warb auf ihren Plakaten für die MLPD-Hotline (0209/9519432)

- Eine andere Kommunikationstechnologie sorgte für nette Flashmob-Aktionen in Hamburg und in Wuppertal: Und alle so: yeah!“

- Ein Direktkandidat der CSU bewarb sich für den absurdesten Wahlwerbespot 2009: Whuuuuuhh!

- Die Republikaner bewarben sich für den schlechtesten Wahlwerbespot 2009: „Politik ist nicht lustig“

- Und Guido Westerwelle bewirbt sich als Außenminister: „Es ist Deutschland hier.“

Und weiterhin gilt: Partizipieren, partizipieren!! …..und natürlich: don‘t eat from the Candytree!

Zynisches Schauspiel

Die da reden von Vergessen,
die da reden von Verzeihen,
denen schlage man die Fressen
mit schweren Eisenhämmern ein.

schrie Bertold Brecht einmal gegen die deutsche Nachkriegsgesellschaft an.
Mittlerweile wird außerhalb offizieller Trauer- und Erinnerungsfeiern nicht einmal mehr über Vergessen und Verzeihen geredet. Vielmehr ist es so als hätte sich Vergessen selbst längst überholt und sich tief in die nachkriegsdeutsche Gesellschaft eingeschrieben, so dass es sich nicht einmal mehr als Begriff, Aufforderung oder Frage fassen ließe.

Vom 31. 08 bis 02. 09 fand auf dem ehemaligen Gelände der IG Farben, heute der neue Campus der Uni Frankfurt, eine Tagung der Gesellschaft deutscher Chemiker statt. Im Hörsaalzentrum wurden u.a. Messe-Stände von Bayer und BASF aufgestellt, die neben dem Unternehmen Chemie Höchst, als indirekte Nachfolgefirmen der IG Farben anzusehen sind. An der Tatsache, dass sich an dem Ort an dem die deutsche Kriegswirtschaft bis 1945 koordiniert und das betriebseigene Konzentrationslager Buna/Monowitz geplant und verwaltet wurde, 2009 die Nachfolgefirmen ausstellen dürfen, schien sich bei der Tagung niemand zu stören. Ebensowenig an der Tagung der GdCh selbst. Die GdCh verleiht bis heute den Carl Duisberg Preis, mit dem sie an den Aufsichtsratsvorsitzenden der IG-Farben von 1925 bis 1935 erinnern und die „enge Verbundenheit des Industriechemikers Carl Duisberg mit der chemischen Forschung und Lehre zum Ausdruck bringen“ möchte. Hinweise darauf, dass Duisberg als Vorsitzender des Reichsverband für deutsche Industrie sowohl den antisemitischen, nationalistischen alldeutschen Verband unterstützte, als auch Mitglied der Akademie für deutsches Recht und überzeugter Nationalsozialist war, fehlen auf der Web-Präsenz der GdCh.
Dass von der Universitätsleitung keine besondere Sensibilität zu erwarten ist, haben die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen mit der Initiative der Studierenden im IG-Farben Haus längst gezeigt. Die Erinnerungspolitik der GdCh lies sich hingegen an den eigens produzierten T-Shirts für die Tagungshelfer_innen recht deutlich ablesen: „Chemiker haben für alles eine Lösung“.