Archiv für Oktober 2009

10.0

Vom 26.10 bis zum 08.11 findet im IvI die 10. Frankfurter Gegen_Uni statt, bei der es diesmal um die Entwicklung eines unabhängigen Forschungsprogramms gehen wird. Ausgegangen wird dabei von Fragestellungen, wie diesen:

*Was heißt »gesellschaftliche Praxis«?
* Was sind die derzeitigen Bedingungen, Kritik zu entwickeln? – insbesondere unter Berücksichtigung der Entwicklung der Universitäten und Sozialtheorien.
* Was wird überhaupt unter Kritik verstanden?

Der(Un)Sinn eines solchen Vorhabens und die (Un)Möglichkeiten einer Praxis als Kritik werden bei der Eröffnungsveranstaltung (Montag, 26.10./20 Uhr) zur Diskussion gestellt. Den Programm-Folder im PDF-Format gibts hier.

Fundstücke II

„Man müsste nochmal Kind sein.“

Die Welt ist ein Zeichenzauber

„…Ganz klein am Horizont kann man Dinge sehen
Dinge die wir nicht verstehen
Das Geschehen lässt uns auseinander gehen
Hinein in einen Wald aus Zeichen
Die Weichen sind gestellt
In einer Welt
Deren Umriss uns gefaellt…“ (Tocotronic)

Fundstücke I

Das Baden hat eine jahrtausende alte Geschichte. In Ägypten wurde gebadet, wie man nicht nur aus der kulturalistisch-rassistischen und dennoch als Kindheitserinnerung liebgewonnenen Kleopatra-Bade-Szene aus Asterix weiß. Auch in den minoischen Palastanlagen auf Kreta finden sich Wasserleitungssysteme und private Baderäume, die schon ca. 2500 v.Chr. zum relaxten Versinken im warmen Badewasser Anlass gaben. Trotz platonischer und spartanischer Kritik (Warmduscher und so) gab es um 400 v. Chr. in vielen griechischen Städten öffentliche Bäder, die sich später durch die Siedlungen auf dem italienischen Festland in Rom und dann im gesamten römischen Imperium verbreiteten. Nach einer dreckigen und ungewaschenen Phase des europäischen Mittelalters wurden die Bäder bei den Kreuzzügen wiederentdeckt und auch in Europa entstanden wieder Badestuben. Die neuzeitliche Entwicklung war von öffentlichen Seebädern, Kurbädern und allerlei anderem therapeutischem Baden geprägt, die der mit der Aufklärung wiederentdeckten Hygiene Rechnung zu tragen versuchten. Ging es bis dahin noch um Luxus, Hygiene und Gesundheit, so gewannen die Bäder mit der Industrialisierung auch als Beitrag zur Reproduktion der Arbeitskraft an Bedeutung und so eröffnete 1842 die erste öffentliche Wasch- und Badeanstalt für Arbeiter_innen in Liverpool. Etwa 12 Jahre später wurde die Idee in Deutschland aufgenommen und führte in mehreren Städten zur Eröffnung der völkischen Varianten des Arbeiter_innen-Bades, der Volksbäder. Noch vor 1900 wurden viele deutsche Volks-, See- und Kurbäder zu antisemitischen Experimentierfeldern. Hier wurde schon früh mit dem Bestreben geworben, das Wasser „judenrein“ zu halten:

„An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier. Wir halten rein den Ehrenschild Germania für und für! Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand genießen, der muß hinaus, der muß hinaus!“ (Borkumlied um 1897)

Im Nationalsozialismus war das Baden und Schwimmen fester Bestandteil des Kraft durch Freude Programms.
Dass das Baden in Deutschland bis heute wenig von seiner volksgemeinschaftlichen Konnotation abgelegt hat, dokumentiert die Broschüre „Winterbaden 2009″ der Bäder-Betriebe-Frankfurt, kurz BBF. Deren Geschäftsführer Otto Junk wendet sich in einem verzweifelt wirkenden Aufruf (man beachte das Photo) an die Öffentlichkeit (oder vielleicht auch nur an die Finanzstelle des städtischen Ressorts für öffentliche Infrastruktur), um einmal in Erinnerung zu rufen, wie wichtig das Baden eigentlich ist:

Zur Allgemeinbildung gehört es unbestritten, schwimmen zu können, und in den hessischen Schulen ist der Schwimmsport aus gutem Grund im Lehrplan des Schulunterrichtes fest verankert. Der BäderBetriebe Frankfurt GmbH (BBF) kommt als öffentlichem Badbetreiber zuvorderst die Pflicht zu, für ein angemessenes Schwimmstättenangebot in Frankfurt Sorge zu tragen. Mit unseren Bädern sind wir nicht zuletzt Anbieter so genannter meritorischer Güter. Wir halten also Angebote vor, die neben dem privaten Nutzen auch gesellschaftliche Nutzwerte aufzuweisen haben.

So weit, so fragwürdig. Nun wird erklärt, worin den nun der gesellschaftliche Nutzwert des Badens, und auf den scheint es Otto Junk ja anzukommen, bestünde:

Beispiel: Wer schwimmt, hält sich körperlich fit und dürfte leistungsfähiger und produktiver sein. Die Gemeinschaft erhält den Nutzen, dass geringere Kosten bei der Kranken- und gegebenenfalls bei Renten- und Arbeitslosenversicherung anfallen. Bäderbetriebe sind und bleiben somit ganz besonders geartete Wirtschaftsbetriebe, die auf dem schmalen Grat zwischen wirtschaftlicher Optimierung einerseits und der Erfüllung von Daseinsvorsorgeaufgaben andererseits ihren ganz spezifischen „Königsweg“ finden müssen. Jeder einzelne unserer werten Gäste hilft uns mit seinem persönlichen Beitrag, diesen Grat ein Stück breiter zu gestalten. Hierfür ist unseren Kunden zu danken.

Ist es nicht schön zu wissen, dass es jemanden gibt, der sich um die „Erfüllung von Daseinsvorsorgeaufgaben“ kümmert und dem die Gesundheit des Volkskörpers ein Anliegen ist? Danke an Jotto Junk, der aus aktuellem Anlass vor allem eines in Erinnerung ruft: Never trust the krauts!