Entern is nich

Ja, es ist müßig ein Randphänomen wie die Piratenpartei zu kommentieren. Jetzt aber, wo die Jungkreativen und Privatalternativen, die Hippsters, Nerds und sanftmütigen Heavy-Metal-Fans in ihrem ureigenen Biotop Berlin der Rebellion in Orange 8,9 % der Stimmen beschert haben, verbietet sich jede noch zu gut nachvollziehbare Ignoranz gegenüber der Piratenpartei. Dass sie v.a. bei der jungen Wählerschaft punktet, ist keine Überraschung. Schon bei der letzten Bundestagswahl hatte sie knapp 2% erreicht, aktuell liegt sie sogar bundesweit bei knapp 8% (Stand September 2011). Werden sie aktuell noch als inkompetente Chaostruppe belächelt, steht zu befürchten, dass sich Geschichte nach Marx einmal mehr auch noch als Farce wiederholen soll, immerhin verkündet die Piratenpartei nun bereits einen Mitgliederzuwachs von 50% seit der Berlinwahl.

Netz als Wesen

Mit frischem Charme und dem glaubhaften Bekenntnis zu Transparenz, zu „Bürgerbeteiligung“ und liberalen Grundwerten schaffen es die Piraten, jeder noch so unpolitisierten Person unter 35 zu vermitteln: Es geht um dich und nur um dich. Keine markigen Versprechungen finden sich auf den Wahlplakaten, stattdessen die Aufforderung, sich selbst zu informieren, überhaupt wählen zu gehen und das obameske Parteimotto: Klarmachen zum ändern! Das kommt an. Name und Logo der Partei sorgen dabei für einen gewissen Outlaw-Chique, der mittlerweile nicht mehr ausschließlich IT-Nerds anzusprechen scheint und ich gehe fast jede Wette ein, dass die Piratenpartei der einen oder dem anderen „Linksradikalen“, die_der wählen geht als das geringere Übel erscheint. Denn Die Linke ist je nach Bundesland entweder verrückt oder zumindest irgendwie uncool, Die Grünen sind längst zur netteren CDU geworden und auch Ströbele lockt in Kreuzberg niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Und so trifft es sich hervorragend, dass die nächste Partei schon bereit steht, um all die Bürgerwut, die ihrer eigenen Mobhaftigkeit dann doch nicht ganz trauen möchte, im Verein zu kanalisieren. Dass sich die linken Publikationen bislang verdächtig laut über die neuen Rebell_innen ausschweigen, spricht für deren Unsicherheit, wie man sich nun diesen Leuten gegenüber verhalten solle, von denen man zwar weiß, dass sie mit Revolution nichts am Hut haben, aber dennoch viele Forderungen verkünden, mit denen sich schon die ein oder andere Demo hat organisieren lassen.

Das Programm der Piratenpartei lässt sich in etwa so zusammenfassen: Mit der rapide fortschreitenden Entwicklung der Möglichkeiten für den Verkehr immaterieller Güter und Dienstleistungen im Internet werden nationalstaatliche Gesetzgebung und betriebsökonomische Regulierung zu anachronistischen Hemmschuhen der Volkswirtschaft (ergo eo privater Nutzung! ), die es aufzuheben gelte. Das Internet stelle einen neuen politischen Raum dar, der das Potential zur demokratischen Teilhabe aller an einer offenen Gesellschaft auf Grundlage der Werte des Grundgesetzes inne hat. Dieses Potential gelte es nun auszuschöpfen. In einer solchen Informationsgesellschaft muss allen Bürger_innen der Zugang zu den Netzstrukturen ermöglicht werden. Die mitunter unterstützenswertesten realpolitischen Forderungen lassen sich im Abschnitt zur Geschlechterpolitik finden: „Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden“. In den Themenfeldern Öffentliche Sicherheit, Familienpolitik und Bildung vertreten die Piraten eine größtmögliches Maß an individueller Selbstbestimmunggegenüber staatlichem Zugriff und besetzen damit altgediente Steckenpferde der radikalen Linken. Dennoch wollen sie sich jenseits von Back- und Steuerbord verortet sehen, um „den Blick für das Wesentliche“ zu behalten, dazu später mehr.

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sollte trotz des permanenten Bezugs auf „unseren Rechtsstaat“, das Grundgesetz, der Selbstpositionierung in „der Mitte der Gesellschaft“ und wegen der Forderung des freien Verkehrs von immateriellen Waren zu Zwecken der Effizienz und volkswirtschaftlicher Prosperität klar sein, dass jede Einordnung der Piratenpartei zu einer Linken, die – parlamentarisch organisiert – für gewöhnlich die Staatsanrufung gegen das Kapital im Programm hat, verfehlt wäre. Denn der Staat wird scheinbar erst einmal zum Adressaten der Empörung. Dabei geht es dann v.a. um fehlende „Transparenz“ und um die Forderung der „informationellen Selbstbestimmung“. Dass das Motto „Meine Daten gehören mir“ vor allem bedeutet, dass man die Erfassung seiner selbst als Bündel quantitativer Angaben in technokratischen Kategorien solange zu affirmieren bereit ist, als man sich als solches selbst „hat“, d.h. über das eigene verdinglichte Datendesiderat als Privateigentum verfügen kann, übergehen die Piraten ebenso wie die entsprechenden Datenschutzgruppen der außerparlamentarischen Linken. Ob das noch „dem Individuum gerecht“ wird, ist den Piraten an dieser Stelle dann eher egal. Mit dem von ihnen willkürlich gegen staatliche Kontrolle gesetzten politischen Bezugsrahmen „Das Netz“ wird als Grundthese formuliert, dass das Internet grundsätzlich ein ökonomisch und politisch neutraler Raum sei, der entsprechend möglichst basisdemokratisch organisiert werden solle. Die Tatsache, dass auch „das Netz“ erst einmal nicht anderes darstellt als eine Produktivkraft, deren Entwicklung – dies sei bei allen subversiven Unentschiedenheiten der Grauzone Internet dann doch berücksichtigt – an eben kapitalistische Produktion und natürlich auch an den Staat gebunden bleibt, wird dabei ignoriert. Ähnlich wie in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen „Der Markt“, wird „Das Netz“ zum über den Dingen waltenden Subjekt gemacht:

Im Netz entscheiden sich die Geschicke der materiellen Welt. Das Netz belohnt diejenigen Gruppen, Organisationen und Individuen, die es offen und transparent mit zutreffenden Informationen füttern. Lügen, Propaganda und Vertuschungsversuche sind aus Sicht des Netzes primär Störquellen

Wir lernen also: das Netz ist ein ideeller Gesamtpolizeihund der mit „zutreffenden Informationen“ gleichgesetzten Wahrheit. Er bekommt also gerne Info-Leckerlis, wird die hinter der nächsten Ecke lauernde Verschwörung aber auch als Störquelle identifizieren und gegebenenfalls aus der Netzgemeinschaft entfernen. Ein Blick in die Foren der Piratenpartei zeigt, wer sich von solcherlei Aufdeckungsabsichten angezogen fühlt. Neben den Beiträgen zur Wahrheit über 9/11 und anderen mit dem Zeitgeist gehörig auf den Geist gehenden Zeitgeistigkeiten sei an dieser Stelle besonders auf die „AG-Männer“ hingewiesen, wo sich allerlei Väterbewegte und andere als-Männer-Diskriminierte ihrer Benachteiligung durch das mediale und institutionelle Frauenkartell versichern können; arme kleine Deutsche;

„Ich habe vergessen, ein Ticket zu ziehen!“
Die im Internet tatsächlich vorhanden Möglichkeiten sekundenschneller internationaler Kommunikation bei relativer Freiheit von Identitätszwängen, das Potential der Organisierung von Netzwerken für Theoriebildung, Informationsarchive und nicht zuletzt Vergnügungen aller Art stoßen aber eben nicht nur an die Grenzen staatlicher Regulierungssucht und politischen Unwillens, sondern grundlegender an materielle. In einer Gesellschaft, in der sich alle bei Strafe des Ausschlusses um ihre Selbsterhaltung kümmern müssen, sich dazu der täglichen Zurichtung durch Schule, Lohnarbeit und die potentiell feindseligen Anderen aussetzen müssen, sind die Anforderungen um die angeblich unbegrenzten Weiten des Netzes kollektiv zu nutzen nicht annähernd zu erfüllen. Die kulturellen und politischen Potentiale des Internets verwechseln die Piraten mit dem Reich der Freiheit von der Notwendigkeit. Das Netz soll zwar als ebenso real wie die materielle Welt außerhalb der Datenbahnen gelten, in seiner politisch ökonomischen Form gleichzeitig aber als von materiellen Beschränkungen, also der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft los gelöste Sphäre begriffen werden, als offene Spielwiese für die nicht zufällig so benannten „Netzbürger“. Diese Spielwiese wäre aber ebensowenig wie die oben erwähnten Potentiale des Internets per se abzufeiern. Ihre Progressivität erweist sich vielmehr erst je konkret an ihrer Nutzung, die – nebenbei bemerkt ganz gleichheitsdemokratisch – einer oppositionellen Bloggerin im Iran ebenso zu gute kommt wie Pierre Vogels Paradisern oder den immer noch vor sich hin delirierenden Okkupist_innen weltweit.

Wie auch in der Sicherheitspolitik kämpfen die Piraten im Netz gegen einen von ihnen angenommen politischen Willen der Beschränkung, dessen Motivation sie nicht jenseits von persönlicher Borniertheit oder altersbedingtem Unverständnis für die Belange einer technologisierten jungen Generation zu begründen vermögen. Deshalb fordern sie:

Verwaltung und Politik müssen endlich auch in der Hinsicht ihrer Transparenz gegenüber dem Bürger ihren Dienstleistungscharakter anerkennen und sich grundlegend darauf ausrichten, einen Informationszugang für die Bürger effizient, komfortabel und mit niedrigen Kosten zu ermöglichen.

Der Wunsch danach, besser regiert zu werden, die Klage über den fehlenden Dienstleistungscharakter „der Verwaltung“ und „der Politik“ vergisst, dass das, woran denn da der Dienst geleistet werden soll, „der Netzbürger“, diese schon ganz gut selbst besorgt. Was neben den Resten empörter Wutbürgerei noch mitklingt, hat mit einem Leiden an oder einer Opposition gegen die als übermächtige Objektivität erfahrenen, allerdings ohnehin im Schwinden begriffenen Verwaltungsapparate nichts mehr zu tun. Vielmehr lässt der Jargon erkennen, dass sich die Subjekte der Selbstverwaltung diesen im inneren Prinzip so sehr angenähert haben, dass sie ihnen Tipps und Ratschläge erteilen wollen. Nicht einmal ihre eigene gruselige Forderung nach der Basisdemokratie nehmen die Piraten ernst – dies würde ja eigenes Engagement als Staatsrädchen voraussetzen. Nein, von den irgendwo außerhalb und über den „Netzbürgern“ schwebenden zentralen Institutionen „Verwaltung und Politik“ soll ihnen Dienst geleistet werden. Ähnlich wirr geht es weiter:

Die Abkehr vom „Prinzip der Geheimhaltung“, der Verwaltungs- und Politikvorstellung eines überkommenen Staatsbegriffs, und die Betonung des „Prinzips der Öffentlichkeit“, das einen mündigen Bürger in den Mittelpunkt staatlichen Handelns und Gestaltens stellt, schafft nach der festen Überzeugung der Piratenpartei die unabdingbaren Voraussetzungen für eine moderne Wissensgesellschaft in einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung.

Man weiß nicht, welchen Staatsbegriff die Piratenpartei selbst vorschlägt, mit dem überkommenen meinen sie vermutlich den des Nationalstaats. Hier wäre ihnen sogar mal Recht zu geben, wenn sie darin nicht dessen Ende überhaupt erkennen wollten . Wie sehr der Staat als Hüter des Privateigentums, als – wahr und falsch zugleich – Währungs- und Akkumulationsgarant der kapitalistischen Ökonomie gerade in der Krise gebraucht und medial als letzte Rettungsinstanz herbeigerufen wird, müsste nach den vergangenen Jahren eigentlich auch den letzten „Netzbürgern“ klar geworden sein. Diese phantasieren sich hingegen ein Stückchen Staat für jede_n herbei und fast scheint es, als hätte sich die Netzgemeinschaft mit dem immer wieder als nahezu mystisches Subjekt angesprochenen „Netz“ diesen eigenen Vater Staat erschaffen; als versuchten sie nun, die einzige Makrostruktur, die sie noch durchschauen, die einzige, in der sie noch einen Rest der Interdependenz zu erkennen glauben, als Modell auf den bürgerlichen Staat zu übertragen, den Staat also zum analogen „Netz“ zu machen.

„Jeder Mensch, jede Arbeit, jeder konstruktive Gedanke ist wichtig bei uns.“

Bei einem kurzen Gedankenspiel wird klar, dass eine so organisierte „freiheitliche und demokratische Ordnung“ unter gegebenen Bedingungen nur auf abermalige Verhöhnung aller hinauslaufen kann, die nicht dem selbstfixierten Bild des „mündigen Bürgers“, also des IT-Produktmanagers, der angehenden Kommunikationsdesignerin, der digitalen Boheme entsprechen. Welche Dienstleistung soll das „staatliche Handeln und Gestalten“ denn den Abgehängten erbringen, den potentiell Überflüssigen, die statt mit einer Tasse Kaffe vor dem Laptop morgens mit dem ersten Korn am Kiosk sitzen? Was passiert mit denen, die keinen Zugang zum Internet besitzen oder wenn doch keine Ahnung haben, was sie außer Online-Auktionshäusern und Pornos dort denn sonst noch finden sollten? Niemand wird von Transparenz und liberaler Drogenpolitik schlauer, reicher oder freier vom Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitkraft. Zugegeben, darum geht es den Piraten auch nicht. Engagement für ein würdiges Leben hört bei ihnen mit der Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen (wogegen natürlich erstmal nichts einzuwenden wäre) auf. Dieses leiten sie, im Programm so benannt, von ihrer „humanistischen“ Grundeinstellung ab und bestätigen damit Foucaults so einseitiges wie treffendes Urteil über den Humanismus. Denn dass die Piraten das „würdige Leben“ nicht um seiner selbst, sondern um der „Teilhabe“ am Gesamtelend willen einfordern, wird im nächsten Zitat aus dem Programm deutlich:

Die tradierten Wege, die Produzenten von Wissen und Kultur in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt. Der Versuch, sie 1:1 in die Welt der Computer zu übertragen, benötigt einen Überwachungsstaat und müsste elementare Freiheiten jeden Bürgers beschneiden. Werden hingegen die Möglichkeiten der ständigen Verfügbarkeit und beliebigen Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt, erhöht dies die Produktivität von Arbeitern der Informationsgesellschaft. Die größere Wiederverwertbarkeit steigert gleichzeitig die Effizienz des Schaffungsprozesses. Den Anschluss an diese Novellierung des Innovationsprozesses darf Deutschland nicht verpassen. Um auch in Zukunft zur Weltspitze zu gehören, werden wir auf vier verschiedenen Themenfeldern agieren.

Dass die Entlohung der „Produzenten von Wissen und Kultur“ (???!) nicht von der Anzahl der Kopien ihrer Arbeitsprodukte abhängt, sondern – und das auch nur dort, wo das Modell des Stundenlohns ausgelaufen ist- davon, welchen Einsatz diese Produkte in die umgreifenden Prozesse der tatsächlich immer verzweifelter wirkenden Mehrwertproduktion finden, wollen die Piraten auf ihrer staatsbürgerlichen Schaluppe nicht einmal vom Achterdeck erkennen. Die Identifikation mit dem Produktionsprozess und das auch noch in ihrer schlimmsten Form, der nationalstaatlichen, lässt sie die Produktivität (für wen, warum, von was?) schlechthin und die Effizienz (für wen, warum, von was?) anpreisen, um die Weltspitzenposition nicht zu verlieren. Die mit den Kommunkationsprozessen des Internets angeblich gegebene Sprengkraft soll eben gerade nicht zur Sprengung des ökonomisch-materiellen Rahmens genutzt werden, stattdessen sollen dessen Kategorien behutsam ins „Netz“ hinübergerettet werden bzw. andersrum. Ökonomisch geht es den Piraten letztlich um den permanenten Akkord als Selbstzweck. Was mit der „Wiederverwertbarkeit“ von Wissen gemeint ist, bleibt darüber hinaus unklar. Immerhin zeichnet sich eine in-Wert-Setzung von Wissen eher durch dessen Exklusivität und damit bspw. einem Vorsprung im konstanten Kapital aus. Bei aller Widersprüchlichkeit bietet der zitierte Absatz dann aber doch auch Erkenntnis. Denn dankenswerterweise beweist die Piratenpartei mit der ganzheitlichen Rede vom „Schaffungsprozess“, dass auch die virtuelle Arbeit gegen das raffende Kapital in Anschlag gebracht werden kann. Das Klammern an der Produktivität als Existenzberechtigung macht Bauer und Scholle tendenziell überflüssig. Dass deren Bild aber auch bei den vollendst entwurzelten Büropiraten immer noch gegen das Weltkapital in Anschlag zu bringen sind zeigt der Landesverband Brandenburg mit seiner einzigen wirtschaftspolitischen Forderung:

Wir sind für die Stärkung der regionalen und kommunalen Wirtschaft, insbesondere der kleinen und mittleren Unternehmen. Wir sind für die Förderung regionaler Arbeitsmärkte. Die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten gibt den Bürgern mehr Freiheit, wieder unabhängiger ihr Leben zu gestalten

Unglaublich, wie viel Freiheit und Unabhängigkeit da vor uns läge, würden die großen Konzerne endlich ihre Finger von den „Regionen“ lassen.

„Vor allem die Einstimmigkeit, in der wir geredet haben, hat mir sehr gefallen.“
Was sich hier und an anderen Stellen des Programms herauslesen lässt ist die vollkommene Verkennung der eigenen gesellschaftlichen Position, wie es Dietmar Dath kürzlich in der FAZ gut auf den Punkt gebracht hat:

Wenn also jemand, sagt Engels, gegen Microsoft oder Bertelsmann bloggt, die Piratenpartei wählt oder ihr beitritt, weil Information frei sein soll oder das digitale Zeitalter neue Formen von Arbeit erlaubt oder aus sonst einem abstrakten Grund, und dabei nicht sehen oder artikulieren kann, welche Art eigener Praxis – als überausgebildetes, gegenüber den eigenen Eltern jämmerlich unterversichertes, ohne Tarifdruckmittel auf dem Zeitvertrags-Markt unverstandenen Gezeitenkräften ausgeliefertes Würstchen – diese schönen Ideale so plausibel macht, dann liegt Ideologie vor. Das gilt selbst und gerade dann, wenn diese Ideologie sich „kritisch“ vorkommt.

Tragisch ist, dass den Piraten nicht nur die Reflektion ihrer Ideale auf ihre gesellschaftliche Position misslingt, vielmehr treiben sie ihre realpolitischen Zielsetzungen als neue Lohnabhängige immer tiefer in eine enthemmte, anarchische und wilde Produktion, die tendenziell, je wilder sie wird, immer weniger auch nur die einfache Reproduktion eben dieser Lohnabhängigen wird gewährleisten können. Es handelt sich bei der Piratenpartei also letztlich um ein repräsentativ-parlamentarisches Kamikaze-Kommande, dass sich fröhlich-rebellisch, jung-kreativ und so beschwingt wie unbewusst in das selbst affirmierte ökonomische Schicksal manövriert.
In ihrer Selbstbezeichnung als sozialliberale Partei steckt ihr ganzes Dilemma. Denn dass sich der liberale Anspruch der Freiheit und Gleichheit nur marktvermittelt – und das Internet sowie der Zugang dazu ist und kann dies ebenso wie andere neue Technologien nur sein – eine Berechtigung erwerben kann, sich damit aber umso mehr an Staat und Kapital binden muss und Herrschaft über die Einzelnen und Exklusion der Wenigen verewigt, das meint die Demokratie der Piratenpartei. Wo es der FDP zu zugestehen ist, dass sie ihren Liberalismus letztlich konsequent als den des Marktes (samt sozialdarwinistischer Legitimationsversuche) proklamiert, dort wird die völlige Widersprüchlichkeit des Programms der Piratenpartei offensichtlich, das versucht, den Liberalismus der Ausbeutungsgesellschaft in – die Phrase sei mir hier verziehen – soziale Gerechtigkeit zu wenden. Und was käme da gerufener als ein rasant an Relevanz gewinnendes Medium Internet, das – als virtueller Raum, in dem alle tun und lassen dürfen sollen, was sie wollen – all die gesellschaftlichen Widersprüche zu verdecken vermag, solange nur gründlich genug auf dessen Transparenz-, Basisdemokratie- und Produktivitätspotential herumgeritten wird. Es dient als Heilsversprechen, das sich um so leichter auf den Lippen tragen lässt, als dessen soziale Einlösung den Protagonist_innen der Piraten – meist in der mittleren IT-Ebene der freien Wirtschaft unterwegs – im guten Vertrauen auf die eigenen Skills herzlich wurscht sein kann. Der staatliche Eingriff, in dessen medialem Echo jeder noch so popelige Piraten-Landesverband eine PM herausgeben zu müssen glaubt, dient als Sündenbock, als Buhmann für die nur mehr privatistisch vorstellbare Freiheit, hinter dem eigentlich nur eine Verschwörung des mehr Krake als Mensch sein dürfenden Wolfgang Schäuble oder anderer alten Nichtversteher_innen unter DenenDaOben stecken kann – den Generationismus haben die dynamischen Jungspunde der Piraten mit allen konformistischen Rebell_innen gemein. Die Unverschämtheit ihrer Scheinrevolte gegen den Staat liegt eben darin, dass sich die Piraten ihrer parlamentarischen Realpolitik gemäß doch eben nur auf diesen und dessen Rechtsform beziehen, letztlich also die formelle Staatlichkeit selbst zum Inhalt erklären und gegen die bösen, alten Politiker_innen an dessen Spitze verteidigen wollen, denn „Wir sind eine Grundrechtpartei.“, der Rest ist Sozialdemokratie. Das Internet haben sie sich als Projektionsfläche für ihre liberalstaatlichen Überzeugungen auserkoren. Im Bewusstsein, damit virtuell den besseren Staat parat zu haben, muss dieser gegen Angriffe von außen verteidigt werden. Die so verteidigte Freiheit ist nun aber die der bloßen Meinung und läuft auf das freie Flottieren jedes Ressentiments hinaus. Als Beispiel für den Meinungspool der Piratenpartei, wie auch für die Beliebigkeit, welchem Meta-Rahmen man sich als Teil unterwerfen will, hier nur der kurze Verweis auf das Protokoll der Programm-AG „Außenpolitik“, das ein Thema für sich wäre. Mit der Freiheit der_s Einzelnen haben sie nur so lange etwas zu tun, so lange diese Einzelnen eben das bürgerlich-verblendete Abziehbild des unmöglichen liberalen Staates verinnerlicht haben und sich als Teil des produzierenden Kollektivs erweisen. Vor diesem Hintergrund scheint die Ablehnung des Rechts-Links-Schemas durch die Piraten fast schon wie Selbsterkenntnis, zumindest konsequent.

Quellen:

http://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/f/f8/Netzpolitische_Thesen_PP_Rede.pdf
http://web.piratenpartei.de/papiere/2010/10thesen
http://web.piratenpartei.de/navigation/politik/ueberwachung/vorratsdatenspeicherung
http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm#Neue_Wege_erkennen
http://www.piratenbrandenburg.de/landesprogramm/

http://wiki.piratenpartei.de/Parteiprogramm
http://berlin.piratenpartei.de/2011/11/11/kolumne-wenn-manner-und-frauen/


4 Antworten auf “Entern is nich”


  1. Gravatar Icon 1 lea 23. November 2011 um 17:16 Uhr

    Auch wenn Kullmann in ihrem gestern veröffentlichten Essay http://www.perlentaucher.de/artikel/7249.html den Flexi-Begriff des „neuen Bürgertums“ allzu ernst nimmt und der Piratenpartei am Ende nur vorwerfen will, dass sie der Occupy-Bewegung nicht solidarisch genug beisteht, werden darin doch wichtige Punkte getroffen:

    Eben jener Trotz grundschülerhaften Stils kennzeichnet das piratistische Wutbürgertum. Er findet seinen Resonanz­raum in einem nicht unbedeutenden Teil der Neuen Mitte – in jener sagenumwobenen Masse, die zwar via Flatrate jederzeit an Aberbillionen Gigabytes von Wis­sen angeschlossen ist, aber mit ihrer eigenen Begriffs­stutzigkeit ringt. Es ist eine Masse, die sich als Zufallshorde funkelnder Voll-Individualisten begreift – und die man in ihrer Massenhaftigkeit vielleicht nicht un­terschätzen sollte. […] Man muss die Piraten entzaubern beziehungsweise entdämonisieren, um sie zu verstehen. Und das geht ziemlich einfach. Weder sind sie Rebellen noch Blen­der. Weder sind sie wild, noch lügen sie.[…] Es geht ihnen vorrangig um Verfahrensweisen, Techniken, Distributionsvarianten, ganz im Stile einer übereifrigen Abteilungsleitung – nicht um Ideen, sondern lediglich um Transportwege für Ideen.[…] Es ist, in Geist und Seele, dieselbe Klientel, die einst, in den 1980er Jahren, als die Automobilindustrie boomte, Kraftfahrzeugerlebnishäuser gegründet, zehn Jahre später Werbeagenturen und Marktforschungs­büros und weitere zehn Jahre später die ersten Coffee-­to-go-Theken eröffnet hat, exakt die Schicht, die einen untrüglichen Riecher für Chancen hat und darauf aus ist, ihre Schäfchen alsbald ins Trockene zu bringen – was ein durch und durch legitimes Ziel in der freien Marktwirtschaft ist. Man muss sie dafür bestimmt nicht hassen.

    Muss man nicht, kann man aber.

  2. Gravatar Icon 2 v 28. November 2011 um 10:49 Uhr

    „Tragisch ist, dass den Piraten nicht nur die Reflektion ihrer Ideale auf ihre gesellschaftliche Position misslingt“

    haben die das überhaupt jemals versucht?

  3. Gravatar Icon 3 lea 28. November 2011 um 23:44 Uhr

    hmmm stimmt, nicht das ich wüsste. Aber auch etwas gar nicht erst zu versuchen ist der erste (naja und letzte) Schritt zum Misslingen

  1. 1 InsolvenzverwaltungInsolvenzverfahren Pingback am 19. März 2012 um 1:20 Uhr
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