Vor aller „Bissigkeit“

Georg Kreisler ist gestorben. Und wie immer ist das Schlimmste, was ihm passieren kann, die Ein- bis Nulldimensionalität der kurzen Nachrufe in den Feuilletons. Die „Bissigkeit“, der „schwarze Humor“ des „tiefsinnigsten und facettenreichsten deutschsprachigen“ „Kabbaretisten“ „heimischer Satire-Kunst“ wird heruntergebetet, drei Worte zur Biographie und der nach copy&past-Prinzip herumgereichte Absatz dazu, dass es Kreisler mit Wien nicht so sehr hatte. Sogar „Gesellschaftskritiker“ darf er sein- jetzt wo er tot ist. Sein Platz wird ihm jetzt zugewiesen, als das, was ihn besonders machte, sein Publikumswert als jemand, dessen Konzerte zu besuchen ein besseres Gewissen verschafft, weil sich niemand selbst zum Angriff auf die unverstandene Gesellschaft in der Lage sieht und sich stattdessen im Vergnügen über geteilte Alltagsbeobachtung auf die Seite des prominenten Urteils schlägt. Dazu lädt so mancher Glamauk Kreislers natürlich auch ein. Dennoch ist Satire (auch die Kreislers) nichts, zu dem man sich positiv bekennen könnte und hat auch keine Seite. Sie ist weder eine Haltung, noch eine Empfindung, sondern vielmehr ein Verhalten, ein verzweifelter Ausbruch aus Passivität und dem Erdulden-müssen einer hilflosen Traurigkeit angesichts der Übermacht schlechter Zustände. Deshalb ist das Besondere an Kreisler nicht eine moralische Kritik an den dummen Menschen und schon gar nicht die als spektakuläres Moment ausgeschlachtete „Bissigkeit“, sondern die Artikulation von Erfahrung im emphatischen Sinne, deren Reflexion und das Urteil über das sie Verstellende:

Georg Kreisler: Das Beste
Das Beste ist, ich weiß nicht, ob ich tot bin
Das Leben scheint mir jedenfalls sehr lange her
Ich glaub‘, dass ich in irgendeinem Boot bin
Und wenn ich’s lenke, lachen alle sehr
Am Horizont sind traumhaft schöne Feste
Ich bin allein und habe kein Gewicht
Und wie gesagt, ich finde es das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht

Die Welt ist weit, viel weiter, als ich geh‘n kann
Der Himmel nah und außerdem besonders blau
Ich glaube kaum, dass irgendwas gescheh‘n kann –
Was schon geschah, war auch nicht sehr genau
Ich war ein Gast und hatte keine Gäste
Und was ich sprach, war niemals ein Gedicht
Drum, wie gesagt, ist es gewiss das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht

Es gibt ein Mädchen bei den grünen Bäumen
Die seh‘ ich jeden Tag an mir vorübergeh‘n
Wenn ich ihr folgte, müsst‘ ich mich verträumen
Und würde plötzlich vor mir selber steh‘n
Dann säh‘ ich mich mit arg befleckter Weste
Stünd voller Schuld vor‘m eigenen Gericht
Ich säh‘ den Schmutz in meinem eignen Neste
Den bösen Blick im eigenen Gesicht –
Das darf nicht sein und drum ist es das Beste
Dass ich nicht weiß, ob ich schon tot bin oder nicht