Komm süßer Tod

Hast du den neuen Lars von Trier gesehen? Nein. Eigentlich aus Prinzip nicht. Eben genau wegen Leuten, die ein Gespräch so beginnen wollen. Naja, jetzt aber doch. Die Handlung von Melancholia ist schnell erzählt: 2 Schwestern. 2 Teile. 1 Planet namens Melancholia, der auf die Erde stoßen wird. Das ist seit den ersten Minuten des Films, die eine Art Traumsequenz Justines mit später wieder auftauchenden surrealen Bildern wiedergeben, klar.

1. Teil – Justine:
Justine, eine erfolgreiche Werbedesignerin, ist als verträumte, immer erschöpfte und teilnahmslose Braut auf ihrer eigenen Hochzeit gefangen, die von ihrer Schwester auf dem rießigen Anwesen ihrer Mannes John organisiert und von ihm finanziert wird. Hier trifft sie auf ihre kalte, herrische Mutter, die weder Hochzeit, noch Justine etwas abgewinnen kann und ihre erbetene Hilfe und Zuhören verweigert. Sie trifft auf ihren Vater, der sich recht bierselig v.a. um seine jüngeren Tischnachbarinnen kümmert und zu Justine ein oberflächliches, aber immerhin liebevolles Verhältnis zu pflegen scheint. Aber auch er flüchtet vor Justines Geprächsversuchen und verlässt heimlich das Anwesen. Die Flucht ist unterdessen ein permanentes Motiv Justines Handelns auf der Hochzeit. Immer wieder entzieht sie sich den Ritualen der Hochzeit, will entweder plötzlich schlafen, in der Wanne liegen oder verschwindet, um abgelegen auf dem Golfplatz zu urinieren, oder auf demselben mit dem von ihrem Chef angeheuerten Tim, der ihr einer Werbe-Idee wegen nachläuft, Sex zu haben, nachdem sie ihrem eigentlich sympathischen und liebevollen Ehemann vor dem Hochzeitsnachtritual entflohen ist. Mit einer Tirade gegen den machtsüchtigen Chef kündigt Justine schließlich ihren Job und lässt ihren enttäuschten Neumann entgegen dem anfangs noch zur Schau getragenen Liebesglück der beiden relativ gefühlskalt von dannen ziehen. Die Feier ist geplatzt, Justine hat es nicht geschafft, sich normal zu verhalten.

Teil 2 – Claire
Zu Beginn des zweiten Teils wird erstmals das volle Ausmaß Justines depressiven Zustands deutlich. Einige Zeit nach der Hochzeit kommt sie erneut auf das Schloß ihrer Schwester Claire und ihres Schwagers, kann weder allein gehen, noch allein essen, alles fällt ihr schwer. Der Geruch des von der Schwester extra geordertes Lieblingsessen Justines scheint diese zunächst aufzumuntern, bevor sie dann aber mit den Worten „Es schmeckt nach Asche“ in Tränen ausbricht. Claires Mann, der für Justines Anormalität und für den Rest der Familie eher Verachtung und spießbürgerliche Empörung empfindet, ist Hobby-Astronom und will mit seinen immer wieder vorgebrachten Beschwichtigungen, der Planet werde nach seriösen Berechnungen sicher an der Erde vorbeifliegen, Claires Angst vor dem Einschlag lindern. In Wirklichkeit bereitet er sich heimlich trotzdem auf den Ausnahmezustand vor. Als dieser eintritt, ist er dann aber der erste, der sich vergiftet und seine Familie im Stich lässt. Justine scheint auch in der Phase, als sich der Planet noch zu entfernen scheint, zu wissen, dass er einschlagen wird und gewinnt an dieser Erkenntnis eine gewisse Stabilität, mit der sie ihren Neffen weit eher beruhigen kann, als die immer panischer werdende Claire. Offen spricht Justine aus, dass die Erde schlecht ist und deren Ende nicht zu betrauern wäre. Zuletzt sitzen die drei in einer aus einigen Stöcken gebauten „magischen Hütte“ und warten, immer mühsamer atmend, auf den Einschlag, der dann das Ende des Films markiert.

Nun ist es nichts Neues, dass im Genre der Katastrophenfilme die nur zu bekannte Hilflosigkeit gegenüber bis ins Innere reichenden Zwangsverhältnissen mit Vergegenständlichung ver- und behandelt wird, in diesem Falle also mit einem großen bösen Planeten, der uns einfach alle platt macht. Die Dimension der Katastrophe, der Einschlag eines anderen Planeten, ist aber etwas anderes als eine Seuche, ein Angriff von Außerirdischen, Tornados, Spinnen, Todeswellen oder eine Rießenmoussaka. All das sind Phänomene, die einen Gedanken an die weitere Zukunft – und sei es eine ohne Menschen – noch zulassen. Dass auch die menschenfreie Erde sehnsuchtsvoll erwartet wird, lässt sich in den überaus kreativen Dokumentationen auf N24 oder auch solchen Internetseiten ablesen. Ein Planeteneinschlag aber übersteigt jeden Gedanken an ein Danach, zumindest für Nicht-Physiker_innen. Genau deshalb zielt die Inszenierung des Untergangs in „Melancholia“ nicht auf die Katastrophe (Umwendung), sondern auf das Ende überhaupt. Das kühle Planeten-Blau, das langsam in gleißendes Licht übergeht, die somit zelebrierte Schönheit der Tilgung ist die Phantasie einer regressiven Erwartung des Nichts. Um so schlimmer schien mir dass alles, als die bürgerlichen Konventionen des Hochzeitsfests im ersten Teil damit nicht nur als anachronistisch, sinnlos und erdrückend erscheinen, sondern in Bausch und Bogen als Auszulöschendes verneint werden. Justines Leid an der Hochzeit und dem ganzen konventionellen Theater wird so perfiderweise zur Legitimation der Vernichtung der ganzen Erde und der Menschheit. Stattdessen ist ihr Defätismus und ihre Depression doch vor allem Sinnbild dessen, dass es anders zugehen müsste auf dieser Erde, um wirklich schöne Feste feiern zu können. Ihr Problem ist ja nicht die völlige Unmöglichkeit von individuellem Glück selbst, sondern die Verlogenheit aller, die es von ihr immer wieder als Haltung einfordern, ohne dass es angesichts einer nur angedeuteten schrecklichen Familiengeschichte und dem leeren Hochzeitspomp auf einem alten Herrensitz Gründe dafür gäbe. Anstatt also Justines Depression als Aufschrei des kaputten Individuums gegen das schlechte Allgemeine stark zu machen, wird die Mahnung der unerfüllten Glückssuche an die Welt zum simplen: Justine hat recht, die Welt ist schlecht – und vernichtenswert.

Dass der böse schöne Planet, der – natürlich von außen – ganz existentiell in die familiäre und globale (Atmo-) Sphäre eingreift, sich zunächst wieder zu entfernen scheint und nochmal eine Ehrenrunde dreht, wird im Film als „Todestanz“ bezeichnet. Die so gewonnene Zeit wird damit zum bewussten Sein zum Tode, das als Tanz ästhetisiert wird. Die Spannung für die Zuschauer_innen, die jetzt dem je einzelnen Todestanz der Protagonist_innen folgen können, steckt jetzt vor allem in der Frage: Was würde ich tun? Die letzten Taten? Und schon ist man angelangt in der bloßen Existenz, in der es nur noch um die „wirklich wichtigen Dinge“ geht. Im Karussell der absoluten Ausweglosigkeit gefangen, ist jeder Gedanke daran, warum man sein individuellen Glück, das ja gerade jenseits des nur Existentiellen läge, nicht schon vorher vehementer eingefordert, geschweige denn verwirklicht hat, irrelevant geworden. Und Gott (oder eben Planet) sei Dank, muss sich nun auch niemand mehr darum kümmern, warum Justine ihr luxuriöse Hochzeitsfeier nicht genießen kann oder sich fragen, ob sie gar ganz ohne Hochzeit glücklicher wäre.

Hier zeigt sich dann auch die allseitige Unfähigkeit und ebenso die Weigerung, die „dünne und ephemere Hülle“, den Schein, dem wir nach Adorno (MM, Zweite Lese) „unser Leben verdanken“, die Differenz zwischen den objektiven Erfordernissen der Produktionsverhältnisse und dem „politischen Gerüst“ gegen dessen Auslöschung in das nur noch Notwendige hoch zu halten. Stattdessen wird in einer sich in ihrem Wahn um so schlauer, rationaler begreifenden Geste aller Schein verneint. So macht sich Justine bspw. über den Vorschlag ihrer Schwester, den letzten Abend im Gespräch mit einem Glas Wein auf der Terasse zu verbringen in boshafter Art und Weise lustig; die drei Verbliebenen treffen dann schließlich am Waldrand aufeinander, um in der bereits erwähnten magischen Hütte wortlos auf den Untergang zu warten. Auch der Anschein der menschlichen Beziehung darf nicht sein. Dessen Tilgung ins Nichts wird als verdient und unausweichbar dargestellt. Und hier liegt der Hund begraben. Denn nicht wie in anderen Weltuntergangsfilmen wird ein actionreicher und heroischer Kampf der Menschen ums Überleben inszeniert, sondern das Ende des Planeten in seinem ganzen von Monumentalmusik (ein geringerer als Wagner darf’s da natürlich nicht sein) unterlegten Bilderkitsch auch noch verherrlicht. Dabei läge eben im Zusammenschluss der Menschen gegen ihr Ende noch das Element der Hoffnung auf Schöneres und auf das, wofür Leben auch in schlechten Verhältnissen stehen könnte. Eine solche Verzweiflungstat wird bspw. in Roland Emmerichs Independence Day eingefangen, in dem die Gattung sich ihrer in der Abwehr der bevorstehenden Auslöschung als solche bewusst wird, eine globale Streitmacht gegen die Bedrohung aus dem All aufstellt und letztlich die Außerirdischen besiegt. Aber eben ein solches utopisches Moment, das dann natürlich um des „Weiter so“ willen wieder affirmativen Charakter gewinnt, scheint der konstatierten Rücknahme der „Science Fiction ins Autorenkino“ zu banal, zu oberflächlich, jedenfalls nicht eigentlich genug.

Und anstatt im Zusammenschluss der Individuen gegen ihr Ende der real erfahrenen Einsamkeit eben die – wenn auch durch Naturgewalt erzwungene -Alternative entgegen zu setzen, gilt in der neuen Untergangsvision nur noch die_der Einzelne. Über die Beziehungen der Protagonist_innen lässt sich dann auch in Melancholia letzlich nicht viel aussagen. Jede_r lebt allein und stirbt allein und gelangt erst in letzterem, dem Tod, zur wirklichen Erfahrung sein_ihrer selbst. Erst im vollen Bewusstsein als nur dem Tod geweihtes Lebendes sind die Einzelnen dann ganz bei sich: John, als das männliche Subjekt, dass sich dem Naturzusammenhang durch die letzte aktive Tat des Selbstmords entzieht; Claire, als die ohne John hilflose, verzweifelte und hysterische Frau; ihr Sohn, der weil Kind-seiend von der Situation und der Verzweiflung seiner Eltern angeblich nichts mitbekommt und Justine, als das depressive Medium, das sich abgeklärt in das Schicksal fügt, weil ihr gesellschaftliches Unglück von von Trier mit der Naturkatastrophe in eins gesetzt wird, sie also in dieser vorgeblich voll zu sich kommt. Diese Interpretation übernimmt auch Nina Scholz in der Jungle World und wiederholt damit rhetorisch die Gesellschaftsverneinung von von Trier in der Gleichsetzung von Gesellschaft und der Natur im Planeten Erde. Ironischer- aber konsequenterweise wird hier der Schein der zweiten Natur dann eben nicht weggewischt, sondern schlicht geglaubt und seine Tendenz zur Auflösung in der ersten nachvollzogen. Die Gesellschaft ist aber eben mehr als der Planet und schon gar kein „kranker“ Organismus, der – wenn grade mal kein zupackender Chefarzt in Aussicht steht – alles Gesunde krank macht, bevor er ganz zu Grunde geht. Sie ist lediglich zynisches, unfassbares und verrücktes Ergebnis und Voraussetzung für die Handlungen der Einzelnen und durch eben diese veränderbar. Nicht ihre Auslöschung bleibt zu erwarten, sondern ihre Umwälzung. Für deren Antizipation könnte Science Fiction ihrem Begriff nach einstehen, wenn man mal von Kassenschlagern wie Star Wars absieht. Die neue „Science Fiction des Autorenkinos“ aber verwirft das transzendierende, utopische Moment der Weltraumfahrten, Sternenkriege und Katastrophenbekämpfung und entscheidet sich mit ihren Ausradierungsphantasien stattdessen für die blanke Affirmation der Vereinzelung und Todesverfallenheit der zu keiner Ganzheit mehr sich fügen lassenden Einzelnen. Dabei kommt sie sich ebenso wie ihr nach Erlösung lechzendes Publikum unvermeidlich noch besonders tiefgehend vor:

In seiner bedingungslosen Darstellung dieser den Menschen eigenen Faszination des möglichen Endes – so banal es klingen mag – liegt die Größe dieses Films. „Melancholia“ ist ein Meisterwerk des Kinos.
(Sophie Albers – Stern)

Am Ende weiß man selbst nicht mehr, was an dieser Welt noch rettenswert sein soll. Und als Melancholia schließlich den ganzen Himmel einnimmt, spürt man wie Justine vor allem eines: Erlösung. Gewaltigeres kann ein Film nicht leisten.
(Hannah Pilarczyk – Der Spiegel)

Ratatatam. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: der Film stieß nicht nur in Deutschland auf Begeisterung. Beim europäischen Filmpreis wurde er achtmal nominiert und gewann drei Preise, u.a. den als bester Film. Tucholsky hat mal gesagt:

Ich bin kein Kommunist, aber man könnte einer werden, wenn man den geistigen Zustand der europäischen Bourgeoisie betrachtet.

Nicht dass es eines weiteren Indizes bedurft hätte… aber Melancholia ist eines.