Archiv für Januar 2012

Krieg den Hütten, Friede den Unis


Wenn im letzten Kriege die Kritik der Militärgewalt der Ausgangspunkt für eine leidenschaftliche Kritik der Gewalt im allgemeinen geworden ist, welche wenigstens das eine lehrt, daß sie naiv nicht mehr ausgeübt, noch geduldet wird, so ist sie doch nicht nur als rechtssetzende Gegenstand der Kritik gewesen, sondern sie ist vernichtender vielleicht noch in einer anderen Funktion beurteilt worden. Eine Doppelheit in der Funktion der Gewalt ist nämlich für den Militarismus, der erst duch die allgemeine Wehrpflicht sich bilden konnte, charakteristisch. Militarismus ist der Zwang zur allgemeinen Anwendung von Gewalt als Mittel zu Zwecken des Staates. Dieser Zwang zur Gewaltanwendung ist neuerdings mit gleichem oder größerem Nachdruck beurteilt worden, als die Gewaltanwendung selbst. In ihm zeigt sich die Gewalt in einer ganz anderen Funktion als in ihrer einfachen Anwendung zu Naturzwecken. Er besteht in der Anwendung von Gewalt als Mittel zu Rechtszwecken. Denn die Unterordnung der Bürger unter die Gesetze – in gedachtem Falle unter das Gesetz der allgemeinen Wehrpflicht – ist ein Rechtszweck. Wird jene erste Funktion der Gewalt die rechtssetzende, so darf diese zweite die rechtserhaltende genannt werden. Weil nun die Wehrpflicht ein durch nichts unterschiedener Anwendungsfall der rechtserhaltenden Gewalt ist, darum ist ihre wirklich durchschlagende Kritik bei weitem nicht so leicht, wie die Deklamationen der Pazifisten und Aktivisten sie sich machen.Sie fällt vielmehr mit der Kritik der Rechtsgewalt, das heißt mit der Kritik der legalen oder exekutiven Gewalt zusammen und ist bei einem minderen Programm gar nicht zu leisten.
(Walter Benjamin, Zur Kritik der Gewalt)

Das Utopische des Standpunkts, der eine Friedensära und die Rückbildung des Militarismus in der heutigen Gesellschaft erwartet, kommt deutlich darin zum Ausdruck, das er zur Projektemacherei Zuflucht nimmt.
(Rosa Luxemburg, Friedensutopien)

Seit gestern ist es offiziell. Der demokratisch mitbestimmende Teil (etwa 15%) der Studierenden an der Uni Frankfurt folgt mit 76,3 % dem guten Beispiel aus Bremen, Dortmund, Köln oder Tübingen und spricht sich per Abstimmung für eine sogenannte Zivilklausel in der Grundordnung der Goethe Universität aus. Die Forschung an der Hochschule soll nur zivilen Zwecken dienen, mit dem Rüstungsgeschäft und „militärischen Zwecken“ will man nichts zu tun haben. Bereits seit einem Jahr besteht eine überregionale Initiative, die sich gegen Militär- und Kriegsforschung an den Hochschulen einsetzt. In der Erklärung des Zusammenschlusses von Gewerkschaften, AStAs, überregionalen Protestbündissen und Friedensstiftungen „Hochschule für den Frieden – ja zur Zivilklausel“ heißt es:

Freiheit von Forschung und Lehre ist nicht beliebig. Diese Freiheit geht vom umfassenden Friedensauftrag des Grundgesetzes aus und setzt der militärischen Forschung an zivilen Hochschulen Schranken. Und, Hochschulen werden durch Zivilklauseln in keiner Weise in ihrer Forschung beschränkt. Keine Erfindung zum Wohle der Menschen erfordert Militärforschung.

Dem Grundgesetz, also der niedergeschriebenen Manifestation der Staatsgewalt und Regelwerk zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Normalvollzugs als gewaltsame Herrschaft von Menschen über Menschen, einen „umfassenden Friedensauftrag“ zu attestieren, zeugt von der grenzenlosen Naivität, in der sich Lernende und Lehrende nicht nur ihrem eigenen Staatsapparat, sondern dem Rechtsstaat als bürgerlichem Gemeinschaftsprojekt im Ganzen kollektiv andienen. Dass die Universitäten durch die Zivilklausel nicht in ihrer Forschungsarbeit beschränkt würden, lässt zudem aufhorchen. Immerhin könnte man meinen, dass die Beschränkung der Forschung doch das ganze Ziel der Initiative sei. Der zivilaktivistische Teil der Akademie aber fühlt sich dazu berufen selbst zu bestimmen, was überhaupt Forschung sein darf. Und so die lautet die klärende Universalformel:

> Forschung dient dem Wohle der Menschheit
> Kriegsforschung dient nicht dem Wohle der Menschheit
> Kriegsforschung ist keine Forschung
> Das Verbot militärischer Forschung ist kein Verbot, weil das Verbotene gar nicht existiert….oder so ähnlich.

Das Problem der Intiative, das sie mit solcherlei Konstruktionen und einem um so lauteren „WIR SIND EMPÖRT“ verdecken muss, deutet sich hier schon an: die unmögliche Trennung eines friedlichen Zivilen vom gewaltsam Kriegerischen. Und so heißt es auch in der Erklärung: „Keine Fachrichtung bleibt zivil.“ Das selbe Problem beschreibt auch Christoph Marischka in seinem Artikel „Wo beginnt der Krieg?“:

Ob die Forschung in Tübingen jedoch eher darauf abzielt, eigene Soldaten zu schützen, Kollateralschäden bei zukünftigen Angriffskriegen zu reduzieren oder dem Schutz von Zivilisten im Inland dienen soll, ist somit bislang unklar. Keinesfalls ist die Organophosphatforschung pauschal zu verurteilen, da sie auch wichtig für den Bevölkerungsschutz ist. Zu kritisieren ist jedoch in jedem Falle, dass diese Forschung intransparent und im Auftrag des Verteidigungsministeriums durchgeführt wird – womöglich sogar unter Geheimhaltung steht und damit die Forschungsergebnisse nicht öffentlich gemacht werden. Dasselbe gilt auch für die Strahlenforschung, die womöglich durchaus notwendig und nutzbringend ist, jedoch besser im Dienste eines zivilen Bevölkerungsschutzes aufgehoben wäre.

Was nun aber ist „ziviler Bevölkerungsschutz“? Und warum sollte es eine Rolle spielen, welche Intention zu einem nutzbringenden Forschungsresultat geführt hat? Möglicherweise fördert wehrpharmazeutische Forschung Ergebnisse zu Tage, die für die gesamte Medizin von Bedeutung sind, die in der Allgemeinpharmazie aber nie finanziert worden wären. Und andersherum: welche Ergebnisse sogenannter „ziviler“ Forschung wären denn nicht auch militärisch anwendbar? Die Glühbirne wird nicht böse, nur weil sie im Feldlazarett leuchtet. Die Trennung geht schlichtweg nicht auf. Trotzdem aber wird daran festgehalten: „Wir wenden uns gegen die Behauptung, friedliche zivile Forschung kann von militärischer nicht unterschieden werden“. Und auch für die Gewerkschaftsjugend, Hochschulgruppen, den Mittelbau, AStA und andere Gremien der Uni Frankfurt ist klar: die Entscheidung über friedlich oder nicht, soll das Zivile der Universität treffen. Mit keinem Wort aber wird erklärt, was das denn nun sei. Die Verlautbarungen lassen nur darauf schließen, dass auf jeden Fall „Demokratie“, „Transparenz“, „Gewaltlosigkeit“, „friedliche Generierung von Wissen“ dazugehören und scheinen einer Vorstellung eines interesselos Politischen anzuhängen. Dieses soll als Bollwerk stehen gegen… ja gegen was eigentlich? Gegen den Staat? Kaum, denn dieser ist nicht nur Herr über sein Heer, sondern ebenso die Arena, innerhalb deren sich die Zivilität nur bewegen kann, er ist selbst ihr Konstitutives. Sein Grundgesetz ist ebenso Geschäftsgrundlage der Bundeswehr und ihrer Forschungszentren, wie des Bundestags, des DGB, des DFB oder eben der Universität Frankfurt. Das Zivile kann nur die mal mehr mal weniger, eben bestenfalls relativ autonome und nur scheinbar rein politische Form des Verkehrs zwischen den Civites, den Staatsbürger_innen sein, die auf dem grundlegenden Gewaltverhältnis Staat beruht. Zudem ist es derselbe Staat, der -wenn auch meistens für irgendeinen nützlichen Frieden – militärische Kriege führt. Wie passt das zusammen? Gar nicht, wenn man wie die engagierten Studierenden der deutschen Friedensuniversitäten davon ausgeht, die Politik in Rechtsform gegen die Ökonomie oder einen luftschwebenden Militarismus in Stellung bringen zu können. Um hier nicht missverstanden zu werden: wenn im Büro rechts des Seminarraums präzisere Waffensysteme für Kampfhubschrauber entwickelt werden, so kann man dies natürlich schlimmer finden als wenn im Büro links daneben ein Rainer Forst über die Anerkennung der Anerkennung des Rechts zur Rechtfertigung im Raum der Gründe sinniert – auch wenn darüber erst einmal zu streiten wäre. Militärische Forschung aber per Paragraph verbieten zu wollen, sabotiert dieses Missfallen wenn es sich als abstrakter Pazifismus mit der Rechtsform panzern will. Dann nämlich wird nicht der Krieg, etwa durch die Überwindung seiner Notwendigkeit, bekämpft, sondern es wird so getan, als fiele durch das Verbot der Kriegsforschung auch nur eine Bombe weniger. Weil man insgeheim weiß, dass das keineswegs der Fall ist, so soll doch aber bitteschön zumindest die „Alma Mater“, die ihre Kinder auf einen unschuldigen, kritischen Platz am Gesellschaftstisch hoffen lässt, mit diesem schmutzigen Geschäft nichts zu tun haben.

In der Forderung nach der Zivilklausel zeigt sich, dass Politik als Artikulation der Rechtssubjekte, wo sie sich nicht gleichzeitig gegen diesen wendet, affirmativ wird und zur Identifikation mit selbigem einlädt. Dieser Preis ist zur konkreten Verbesserung der Lebensbedingungen von konkreten Menschen auch oft genug zu zahlen. Wenn es aber nur darum gehen soll, an der Uni – selbst materialisierter Ausdruck des permanenten Krieges – die Pacefahne auch weiterhin mit gutem Gewissen schwenken zu können, ist das eine mehr als überflüssige Übung. Um dem grundlegenden Widerspruch, dass das zur autonomen Sphäre verabsolutierte Politische selbst Teil des Problems ist, nicht ins Auge sehen zu müssen, geschweige denn ihn reflektierend in der eigenen Praxis auszutragen, wird das, was im Staat und dessen Recht selbst begründet liegt, ins vermeintliche Außen projeziert: die Rüstungskonzerne infiltrieren mit ihrem schmutzigen Geld die dahin darbenen Universitäten:

Seit 20 Jahren leiden die öffentlichen Hochschulen unter einer politisch getriebenen Unterfinanzierung. Selbst nach Berechnungen des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) beträgt der Fehlbetrag weit über 2 Mrd. Euro. Gleichzeitig vergeben Rüstungskonzerne Forschungsarbeiten und finanzieren Stiftungsprofessuren. Drittmittel-Geber der militärischen Forschung nutzen die Unterfinanzierung ziviler Hochschulen aus. Finanzielle Abhängigkeit von Drittmitteln gefährdet die Autonomie der Hochschulen und zerstört demokratische Entwicklung.

Warum die finanzielle Abhängigkeit von Drittmitteln die Autonomie der Hochschulen gefährdet, die finanzielle Abhängigkeit vom Staat aber gar nicht groß genug sein kann, ist nur mit dem grenzenlosen Staatsvertrauen der friedliebenden Akademiker_innen zu erklären. Er wird imaginiert als die neutrale öffentliche Hand, die sich schützend und wohlverteilend über die Stätten des Geistes legt. Und auch wenn sich einige ein weniger romantisches Bild über die Uni machen mögen, so bleibt zumindest die eigene Wissenschaft heilig, der durch die doch so viel nichtswürdigere Militärforschung das Wasser abgegraben wird.. Die einzelnen Disziplinen werden mit keinem Funken als zu überwindende begriffenen, eher schon sieht man sich als die nächste Koryphäe des eigenen spannenden Fachgebiets. Und um weiterhin glauben zu können, auf der richtigen Seite zu stehen, wird die Universität trotz täglicher Gegenbeweise und gegen die kulturpessimistischen Kommentare der Tageszeitungen, die auf die notwendige Transformation der Universitäten zu teilprivatisierten Ausbildungsbetrieben reagieren, mit eisernem Willen als Ort der „Demokratie“, der „Mitverwaltung“ und (fast schon synonym) der „Freiheit“ hoch gehalten:

Militärforschung an den Hochschulen beschränkt die Transparenz, Autonomie, und greift Demokratie und Freiheit an den Hochschulen an.

Deshalb ist klar:

WIR werden nicht tatenlos zusehen, wenn an UNSEREN HOCHSCHULEN (wieder) für den Krieg geforscht wird. WIR werden es nicht dulden, wenn an UNSEREN HOCHSCHULEN wieder militärische Geheimforschung betrieben werden soll. [Hvhb. lea]

Es zeigt sich: wie gut, d.h. in welch geringerem Maße pazifistisch die Motivation zur Unterstützung einer Zivilklausel auch sein mag, ihre erste Voraussetzung bleibt die Identifikation mit der Universität und ihrer akademischen Familie. Sie soll den jämmerlichen Lebensmittelpunkt der Studierenden vor dem Einfall der äußeren Bedrohung schützen. Die Avantgarde der „Verhandlungen, friedliche[r] Konfliktregelungen, Abrüstung und Rüstungskonversion […] gerechte[r] Weltwirtschaftsordnung“ will sich ihrer wissenschaftlichen Unschuld durch das Recht gesichert wissen. Ihr unausgesprochenes Motto lautet: Unsere Uni soll sauber bleiben. Zynisch wird der pazifistische Aufruf dann, wenn er sich – wie übrigens auch der AStA der Uni Frankfurt – die deutsche Geschichte auf seine Seite holt, um auch die letzten Zweifel auszutreiben:

Die Geschichte der deutschen Hochschulen verpflichtet: Sie stellten sich zum allergrößten Teil bereitwillig in den Dienst des Faschismus, sie untermauerten auf angeblich wissenschaftlicher Ebene deren menschenfeindliche Ideologie und beteiligten sich an der Ermöglichung eines desaströsen Expansionskrieges. Eine unabhängige und transparente Wissenschaft und ihre Orientierung an den sozialen und zivilen Interessen der Bevölkerung sind der Geschichte entgegen zu setzen.

Abgesehen davon, dass mit der Charakterisierung des deutschen Vernichtungskrieges als „desaströs“ weiter nichts gesagt ist, als dass er misslang, und dass sich die nationalsozialistische Forschung ihres sozialzivilen Interessenauftrags der Deutschen durchaus sicher sein konnte, so bleibt doch auf die Unverschämtheit hinzuweisen, mit der man aus der deutschen Geschichte v.a. den Pazifismus zu schlussfolgern weiß. Anstatt mit einer fixen Idee über das Zivile die nächste zu jagen, hätte ja auch einmal eine_r der Verfasser_innen auf die Frage stoßen können, wie die Alliierten denn ohne Kriegsforschung den hochgerüsteten Nazifaschismus hätten niederringen können. Aber mit oder „gegen“ die Geschichte, eine Forderung der Initiative kann als bereits erfüllt betrachtet werden

Wissenschaft, Forschung und Lehre müssen dem Frieden und der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichtet sein

So lange sich die natürlichen Lebensgrundlagen nur auf die falschen Formen der zweiten Natur beziehen können, so lange können Wissenschaft, Lehre und Forschung gar nichts anderes tun, als sich Staat und Kapital, ihren „natürlichen Lebensbedingungen“ gegenüber um größtmögliche Profitabilität zu bemühen und eben den wissenschaftlichen Output an Ideologie und Legitimationsstudien für den kapitalistischen Frieden produzieren, für den sie bezahlt werden. Eben so lange werden sie „verpflichtet sein“ und „dienen“ und ihrer „Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“ gerecht. Eine Zivilklausel an den Unis schadet deshalb zwar nicht. Aber der engagierte Eifer der Kampagne ist um so weniger zu erklären, als jede andere Dummheit, solange sie an irgendeiner Professur hängt, bestenfalls murrend geschluckt und schlimmstenfalls studiert wird. So lange noch auch nur ein Lehrstuhl der VWL, BWL, AVL, der Rechtswissenschaften, der Soziologie oder Politikwissenschaft existiert, so lange bleibt ein jedes Verbot der Kriegsforschung gutmeinender Unfug.

Janion schreibt: »Im Laufe der letzten zweihundert Jahre der Herrschaft der Romantik wurde Polen als Frau dargestellt, als Allegorie, Symbol und Mythos. Der Körper des Vaterlandes war zumeist ein leidender, gequälter, unglücklicher Körper angekettet, gefoltert, erniedrigt, ja sogar gekreuzigt. Er starb vor unseren Augen, man wusste jedoch, dass er wiederauferstehen würde«. […] Der Sexismus und der Unwille gegenüber jedwedem Gespräch über die Gleichberechtigung erleichtern es in Polen, die Reihen zu schließen, sich glänzend zu amüsieren, die Zugehörigkeit zur Herde zu demonstrieren und sich auf eine billige Art und Weise als guter Patriot, Katholik und Pole zu zeigen. […] Die Einstellung gegenüber Gleichberechtigung in Polen ist keine Ansammlung von Meinungen oder Thesen, die man extra verteidigen muss. Sie ist eher die vorherrschende Denkweise, die sich ihrer Gültigkeit selbst versichert, indem sie allem, was anders ist, ihre Verachtung zeigt. Sie ist so allgegenwärtig, dass sie durchsichtig scheint wie Luft.

Polen bleibt Konsens

Der folgende Text bezieht sich auf die nationalistischen Märsche in Warschau im November letzten Jahres und erscheint jetzt etwas veraltet hier:

Zum zweiten mal innerhalb eines Monats hat Jarosław Kaczyński und seine Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unter dem Motto der nationalen Unabhängigkeit mehrere Tausend Anhänger_innen nach Warschau mobilisiert. Bereits am 11. November, dem Nationalfeiertag der polnischen Unabhängigkeit von 1918, hatte neben dem obligatorischen Staatsakt und der historischen Militärparade durch die Warschauer Innenstadt der seit 5 Jahren von der PiS und der ONR (Allpolnische Jugend – eine teils offen faschistisch auftretenden Organisation) unterstützte „Marsch der Unabhängigkeit“ stattgefunden. Dieses Jahr hatte sich die Stimmung durch die Ankündigung einiger deutschen Antifa-Gruppen an den Gegenprotesten teilzunehmen, besonders aufgeheizt – man muss bedenken, dass es innerhalb der PiS und anderer rechtskonservativer Parteien in Polen nach wie vor Stimmen gibt, die einen erneuten Einmarsch deutscher oder russischer Truppen jederzeit für möglich halten. Eine Störung der Unabhängigkeitsfeier ausgerechnet durch deutsche Provokateur_innen, die übrigens nach einem kurzen Scharmützel schnell festgenommen und bis zu drei Tagen unter miserablen Bedingungen festgehalten wurden, konnte also nur als Affront aufgenommen werden. So distanzierten sich im Nachhinein sogar einige Gruppen des maßgeblich von (queer-)feministischen, anarchistischen und linksintellektuellen Gruppen getragenen antifaschistischen Bündnisses von den deutschen Autonomen.

Hatte es am 11. November noch heftige Straßenschlachten zwischen den Neofaschisten der ONR und der Polizei gegeben, blieb am 13. Dezember alles friedlich. Das könnte vor allem dem spezifischen Anlass der Demo am 30. Jahrestag des 1981 gegen die Proteste der Solidarność-Bewegung eingesetzten Kriegsrechts in Polen geschuldet sein. Der erneute Marsch der Unabhängigkeit wurde vor dem Hintergrund der Rede des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin organisiert. Dort hatte Sikorski im Bezug auf die sogenannte Euro-Krise angemerkt, dass er sich mehr vor deutscher Inaktivität als vor deutscher Macht fürchte. Für Kaczińsky, der in den letzten Jahren mit einem strikten anti-BRD und anti-EU-Kurs um Stimmen warb, waren solche Worte ein gefundenes Fressen. Dies um so mehr, als seine Partei nach einigen Flügelkämpfen, die letztlich mit einer personellen Abspaltung der nun neu gegründeten Partei Solidarisches Polen endeten, stark angeschlagen scheint. Schon Kaczińskys kurz vor der Wahl veröffentlichtes Buch „Das Polen unserer Träume“ und die darin enthaltenen Andeutungen, bei Angela Merkels Wahl zur Kanzlerin sei es nicht mit rechten Dingen zu gegangen, hatten die PiS nach Meinung der Analyst_innen der letzten Chancen einer ernsthaften Konkurrenz zu Donald Tusks liberalkonservativer Bürger-Plattform beraubt.

So trat Kaczińsky am Montag letzter Woche auch als einer auf, der mit einer erneuten Manifestation die verlorenen Schäfchen des rechtsnationalen Lagers wieder vereinen möchte. An äußeren Feinden mangelt es angesichts einer EU-freundlichen Regierung mit guten Beziehungen zur BRD und der neu entstandenen Ruch Palikota, einer liberalistischen Spaßpartei des ehemaligen Wodkamagnaten Palikot, die bei der Wahl im Oktober aus dem Stand etwa 10 % erreichte, nicht. Kaczińsky versprach den 5-10 000 Demonstrant_innen einen harten Kampf der PiS um die nationale Souveränität Polens, die von Tusk, Sikorski und der Regierung untergraben werde. Würde das von der Regierung „krank gemachte“ Polen endlich die schweren Lasten abschütteln, hätte es in seiner Entwicklung längst mit China gleichgezogen. Die Menge antwortete mit Sprechchören wie „Sikorski – Verräter der Nation“, „Tusk und Sikorski nach Berlin, Polen den Polen“. Bei einem Zwischenstopp mit Kranzniederlegung am Denkmal des nationalistischen und antisemitischen Dichters Roman Dmowski skandierte die Menge: „Eine richtige Familie besteht aus einem Jungen und einem Mädchen“. Natürlich waren auch wieder jede Menge verschwörungstheoretische Hinweise über die Wahrheit des Flugzeugabsturzes von Smolensk 2010 im Umlauf, ein Thema, dessen sich vor allem die neue PiS-Abspaltung jeden Sonntag vor dem Präsidentenpalast in der Warschauer Innenstadt annimmt. Für Aufsehen sorgte auch ein großes Transparent, das unter der Überschrift „Konzentration Lager Europa“ den Weg in die EU als blutige Straße durch ein von Deutschland- und EU-Fahnen begrenztes KZ-Tor mit der Inschrift „€ macht frei“ abbildete.

Die marginalisierte polnische Linke hat zu all dem nicht besonders viel zu sagen. Schon am 11. November beschränkte sie sich darauf, dem grußeligen Treiben der Nationalist_innen und Neofaschist_innen ihre Vision einer demokratischen, offenen und bunten Gesellschaft und damit einen linksliberalen Patriotismus der dritten Republik entgegen zu setzen. So wehten dann auch auf der Blockade die polnischen Fahnen, so dass sich deren Teilnehmer_innen vom aufgeklärten politischen Establishment lediglich darin unterschieden, dass letzteres den Marsch als nationale Schande totschwieg, um sich im Nachhinein über die Ausschreitungen von „Hooligans“ zu muckieren. Das antifaschistische Bündnis war nach Dresdner Vorbild v.a. auf Breite angelegt. In einem auf Indymedia Deutschland veröffentlichten FAQ zum Novembermarsch wurden als Gründe für die Bündnisbeteiligung neben Homophobie, Rassismus, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus groteskerweise auch die „offizielle Duldung der Besetzung palästinensischer Grenzgebiete“ angegeben. Damit wendet man sich gegen die seit 1990 durchgängig freundschaftlichen diplomatischen Beziehungen polnischer Regierungen zu Israel, die im Zuge der antisemitischen Kampagne in allen Teilen der Sowjetunion nach dem 6-Tage-Krieg von 1968 komplett abgebrochen worden waren. Gleichzeitig richte man sich aber gegen den „Anti-Amerikanismus“ und „Antizionismus“ der Rechten; in Anbetracht der Bündisteilnahme des Palästina-Solidaritätskommitees, das u.a. anderem auf die antisemitische Website electricintifada verlinkt, darf dies getrost als Lippenbekenntnis betrachtet werden.

Eine grundsätzliche Kritik an der Nation scheint nach gerade mal 22 Jahren Existenz eines Staates, für den die Nation historisch betrachtet immer ein Synonym für Befreiung gewesen ist, nicht möglich. Eine Ausnahme dürften dabei die anarchistisch gestimmten Autonomen bilden, die sich im November – wie sich zeigen sollte auch notwendigerweise – als eine Art Schutzmiliz der Blockade organisiert hatten. Deren Kritik des polnischen Nationalismus beschränkt sich dann aber auch auf die letzthin in Deutschland populär gewordene Nullerklärung, dass die Menschen eben für den Frust durch die sich drastisch verschlechternden Lebensbedingungen auf der Suche nach Stabilität und einfachen Antworten seien. Eine spezifischere Bestimmung des ängstlich nach außen schlagenden Konglomerats aus Katholizismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Fremdenhass und Volkstümelei im polnischen Nationalismus bleibt völlig aus. Und auch die anarchistische Szene, die sich v.a. in Torun, Poznan und Bialystok u.a. in kleinen Antifa-Gruppen organisiert, scheint die Unterscheidung zwischen einem gesunden Patriotismus und dem Nationalismus von rechts insgeheim zu teilen. So wurde im Aufruf gegen den Marsch im November explizit über die „patriotische Hülle“ des „braunen Marsches“ aufgeklärt, der Patriotismus der Otto-Normalbürger_in, die sich „naiv“ dem Marsch anschlösse, hingegen nicht kritisiert. Auch im eben erwähnten FAQ wurde den Blockadegästen aus dem Ausland nochmal erklärt, dass antinationale Gesten nicht erwünscht seien. Der Verweis auf historische Gründe mag hier plausibel sein, trotzdem dürfte Emanzipation ohne eine Kritik der Nation auf Dauer nicht zu machen sein. Konsequenterweise ist auch ein positiver Bezug auf Kommunismus unter polnischen Linken nicht gerne gesehen, da die „explizite Trennung zwischen real existierendem Kommunismus und der kommunistischen Ideologie“ so nicht geläufig sei. Abgesehen von der kürzlichen Neuauflage des 18. Brumaire von Marx, scheint eine Beschäftigung mit kommunistischer Theorie auch im linken Studimilieu nur über den Umweg des französischen Poststrukturalismus möglich. Und tatsächlich findet sich auf einigen polnischen Antifa-Websites auch ein Strichmännchen, dass nicht nur das Hakenkreuz, sondern auch Hammer und Sichel in die Tonne schmeißt. Einen solchen Button würde sich wohl auch Jaroslaw Kaczyński anheften lassen.

Vergesellschaftungsspiele

Sogenannte Brettspiele werden mit Schlagworten wie „Strategie“, „Kreativität“, „Adventure“, „Rollenspiel“ beworben und alle sind sie ein „Spaß für die ganze Familie“. Seit den 70ern gibt es auch eigens erfundene Spiel-Stiftungen, die Testberichte verfassen und Preise verleihen, am wichtigsten der des Titels „Spiel des Jahres“. Jede Entwicklungsfirma kann sicher sein, sich mit diesem Prädikat beim nächsten Weihnachtsgeschäft eine goldene Nase zu verdienen, denn Gesellschaftsspiele sind in den Häusern des Klein- und Bildungsbürgertums durchaus beliebte Geschenke, wegen ihres oft hohen Preises v.a. von Eltern an ihre Kinder. Man hat das Gefühl, etwas (auch pädagogisch) Sinnvolles zu schenken, etwas Pfiffiges für die abendliche Auflockerung, ein Medium, das eine von gelöstem Lachen getragene Gemeinschaftsstimmung in kleiner oder größerer Runde stiftet, sie geradezu erzwingt. Und selbstverständlich ist das vieeel besser als Fernsehen oder Computerspiele. Das Gesellschaftsspiel soll auch dort Beziehungen erzeugen können, wo keine mehr sind, wo man sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat und die Sprachlosigkeit im heteronomen Handlungsrahmen durch den vollzogenen Verkehr von Dingen ersetzt wird. In dieser Eigenschaft sind sie Spiegel der Vergesellschaftung durch den Warentausch. Allerdings gibt es keinen Grund, sich dabei zu bescheiden, schließlich gibt es ganz verschiedene Gesellschaftsspiele. Es gibt solche, die Kreativität, Teamwork, Interaktion und Wissen erfordern; und es gibt solche, die auf strategisches Geschick, schnelle Kombinationsgabe, effiziente Verwaltung und gekonnten Einsatz der eigenen Ressourcen ausgelegt sind. Wenige der Spiele dieser Kategorie kommen ohne Geld oder eine andere Form der Währung aus, für die es etwas (Fähigkeiten, Schätze, weiteres Kapital) zu kaufen gilt, das möglichst gut angelegt, investiert oder eben aufbewahrt wird. Die Spiele der ersten Kategorie lassen mit dem meist abwechslungsreichen Spielablauf ein gewisses Maß an Spontanität zu. Auch das Scheitern der Kommunikation, eigene Insuffizienz und schlichter Blödsinn können hier spielerisch und spaßhaft erfahren werden. Das Gefühl des Zurückgesetzt-Seins in der (v.a. wiederholten) Niederlage ist allerdings grausamer als in denjenigen Spielen, die Strategie beim formalen Regelbefolg erfordern. Deren geschickteste Handhabung kann schließlich trainiert werden und ist theoretisch für alle erreichbar. In den Kreativspielen geht es aber letztlich um die Soft-Skills. Natürlich sind auch die erlernbar, allerdings nicht in ein paar Stunden. Sie sind eher als Resultat frühkindlicher Erziehung, dem jeweiligen Stand des Allgemeinwissens, Kombinationsgabe und eben dem kreativen Vermögen vorzustellen. Wie man ist, kann dann in einem spielerischen Wettstreit in die Waagschale geworfen werden. Die Niederlage spricht das Urteil: du kannst es eben nicht oder nicht gut genug, deine Fähigkeiten reichen nicht aus.

Anders die Spiele der zweiten Kategorie: Hier gilt der Ablauf der formalen Regeln, die sich oft in nichts von sogenannter Marktlogik unterscheiden, mit der Außnahme, dass man sich bspw. bei Dominion (Spiel des Jahres 2009) seine Stellung im Wettkampf um Grundbesitz mit gekauften Fähigkeiten verbessern kann. Wie schon gesagt, ist diese Art des Fähigkeitenerwerbs sicher demokratischer und egalitärer im Sinne abtrakter Gleichheit. Theoretisch kann immer jede gewinnen. Trotzdem macht dieser Vorteil solche Spiele nicht spannender, außer für diejenigen die eben ihren Spaß im Sich-Durchsetzen als Einzelne gegen die Konkurrent_innen haben. Anstatt aber, dass der Sieg das Spiel beendet, macht das Spielende oft erst den Sieg. Bspw. endet Dominion wenn zwei der vielen Kauf- oder Ländereienstapel leer sind. Dann wird gezählt, wer bis zu diesem Zeitpunkt am meisten Punkte gesammelt, wer am erfolgreichsten allein und unabhängig von allen anderen Spieler_innen getrennt für sich gewirtschaftet hat. Für ein Spiel, das sich wie die meisten erfolgreichen Spiele der letzten Jahre ein romantisiertes Mittelalter-Setting als Hintergrund für das nur zu moderne Battle der Kauf- und Handelsfähigkeiten wählt, ist das etwas enttäuschend. Tatsächlich geht es in diesem Spiel nicht um das Potential seiner Aufmachung, um ein Eintauchen in eine andere Welt („Irisches Flair genießen, ohne das heimische Wohnzimmer zu verlassen“, Leipziger Volkszeitung über Keltis). Eher deutet sich darin eine als lustvoll erfahrene Einübung der für die Selbsterhaltung notwendigen Denkformen an, die der spielerischen Konditionierung des nach gewissen Regeln sinnlos vor sich hin handelnden Einzelwesen gleichkommt. Und eben diesem wird am nicht selbst bestimmten, sondern durch äußere Umstände gesetzten Ende die Rechnung gemacht. In diesem Rollenkartenspiel bildet der Inhalt der mit den Kartenfiguren geschaffenen Welt nicht mal den glaubwürdigen Träger der formellen Eigenschaften und Fähigkeiten der Karten. Er dient eher als Hintergrund, letztlich als bedeutungslose Schablone, die man nett anzuschauen findet, solange man sich nicht mit ihrer ästhetischen Dimension beschäftigt. Phantastischer ist in dieser Hinsicht Magic, dass in pubertierenden Jungscliquen der Kleinstadtgymnasien zumindest zeitweise den Rang einer Ersatzreligion für sich beanspruchen konnte. Wenn es auch darin v.a. um die Fähigkeiten der Kartenwesen geht, so lässt es die ziemlich komplexe Spielwelt offensichtlich doch zu, auf den archaischen Reiz von Namen wie Verrottungshirte, Elfischer Raufbold, Sengendes Fleisch, Meuchelmeister oder Hammer von Bogardan anzuspringen und sein Deck thematisch und nach eigener Vorliebe für ein bestimmtes Prinzip der Phantasywelt aufzubauen.

Grauzonenspiele a la Magic, die weder in die erste, noch in die zweite Kategorie passen, gibt es sicherlich viele. Und im Spielspaß mögen oft auch ganz individuelle Momente des Vergnügens stecken, die sich mit der Reduktion auf den Verstandesvollzug des homo oeconomicus nicht beschreiben lassen. Trotzdem muss er auch in den Entwicklungsfirmen immer vorausgesetzt werden, um größtmögliche Massentauglichkeit und schnelles Spielverständnis garantieren zu können, alles andere stellt potentiell ein Verlustrisiko auf dem rasant wachsenden Spielemarkt dar. Weitgehend unabhängig von Entwicklungsfirmen gibt es natürlich auch noch Kartenspiele. Ob sich die These, dass es sich hier immer um tendenziell proletarische Spiele handelt, halten lässt, will ich dabei offen lassen. Meiner Erfahrung nach wird aber bspw. Schafkopfen v.a. von am Sonntagvormittag weißbiertrunkenen BMW-Angestellten in bayerisch-düsteren Wirtshäusern zelebriert. Das mehrheitsfähigere Poker scheint sich u.a. durch die Internetplattformen weltweit in allen Milieus verankert zu haben. Beim Pokern passiert eine Vermittlung der Befolgung der formalen Abläufe mit subjektiven Fähigkeiten und charakterlicher Disposition. Beeinflusst wird der Ablauf nicht nur durch das persönliche Glück bei der Kartenausgabe, sondern auch durch die laute oder eben auch lautlose Interaktion mit dem Gegenüber, die bis hin zu durchtriebenen Psychospielchen um den Bluff und das rechtzeitige Aussteigen reicht. Diese subjektiven Momente unterscheiden es noch von der revolutionären Königsdisziplin: dem tatsächlichen Glücksspiel. Beim Roulette, BlackJack, v.a aber beim einarmigen Banditen überlässt sich die Figur des Spielers völlig dem Schicksal, stellt sich, so Benjamin, dem Mythos. Indem er sich die „Zeit vertreibt“, spritzt sie ihm „aus allen Poren“:

Das Ideal des chockförmigen Erlebnisses ist die Katastrophe. Das wird im Spiel sehr deutlich: durch immer größere Misen, die das Verlorene retten sollen, steuert der Spieler auf den absoluten Ruin zu.
Passagenwerk [O 14,4]

Das Glücksspiel gleicht in der permanenten Wiederholung denselben gleichen Handgriffe der Fabrikarbeit, macht die Spielenden zu Maschinen. Diese aber erleben den Zeitvertreib als leibhafte Erfahrung der homogenen und leeren Zeit, und steuern auf die Katastrophe zu als bewusstmachender Ausbruch aus dem Zeitverlauf. Demgegenüber wären die Brett- und Gesellschaftspiele der bürgerlichen Familie als Verklärung zu verstehen, als Ausblendung der Möglichkeit eines jeden Ruins. Im Spiel kann verloren werden ohne unter zu gehen. Auch das will gelernt sein, wer kennt nicht den Spruch vom „Verlieren können müssen“? Der Spielablauf nach äußeren Regeln wird mit Spaß aufgeladen, erstens, weil es der ohnehin immer geforderten Freude am sinnlosen Tun der Arbeitswelt entspricht, zweitens weil die Teilnahme hier ausnahmsweise selbst gewählt werden kann. Gesellschaftsspiele sind somit primär Trost; kein Produkt der Manipulation, sondern Ausdruck der Tatsache, dass es ihrer in den seltensten Fällen überhaupt noch bedarf.

Die Szene verlangt Gehorsam, ohne dafür auch nur Schutz bieten zu können; und das alleine unterscheidet sie von einer Mafia. Die Szene ist der Triumf der diskreten Hierarchie unter dem Deckmantel der Freundschaft, die Szene ist das Produktionsverhältnis der Lethargie und der Langeweile. Wer etwas sinnvolles tun will, sollte Massregeln treffen, dass nie eine Szene sich um seine Gedanken schlingt. Nichts schlimmer, als wenn eine radikale, integre und kritische Tendenz zu einer Szene sich verschlechtert. Sie wird verkommen. Die Szene ist nicht zu retten. Sie muss aufhören.