Archiv der Kategorie 'die Notbremse ziehen'

Vergesellschaftungsspiele

Sogenannte Brettspiele werden mit Schlagworten wie „Strategie“, „Kreativität“, „Adventure“, „Rollenspiel“ beworben und alle sind sie ein „Spaß für die ganze Familie“. Seit den 70ern gibt es auch eigens erfundene Spiel-Stiftungen, die Testberichte verfassen und Preise verleihen, am wichtigsten der des Titels „Spiel des Jahres“. Jede Entwicklungsfirma kann sicher sein, sich mit diesem Prädikat beim nächsten Weihnachtsgeschäft eine goldene Nase zu verdienen, denn Gesellschaftsspiele sind in den Häusern des Klein- und Bildungsbürgertums durchaus beliebte Geschenke, wegen ihres oft hohen Preises v.a. von Eltern an ihre Kinder. Man hat das Gefühl, etwas (auch pädagogisch) Sinnvolles zu schenken, etwas Pfiffiges für die abendliche Auflockerung, ein Medium, das eine von gelöstem Lachen getragene Gemeinschaftsstimmung in kleiner oder größerer Runde stiftet, sie geradezu erzwingt. Und selbstverständlich ist das vieeel besser als Fernsehen oder Computerspiele. Das Gesellschaftsspiel soll auch dort Beziehungen erzeugen können, wo keine mehr sind, wo man sich eigentlich nichts mehr zu sagen hat und die Sprachlosigkeit im heteronomen Handlungsrahmen durch den vollzogenen Verkehr von Dingen ersetzt wird. In dieser Eigenschaft sind sie Spiegel der Vergesellschaftung durch den Warentausch. Allerdings gibt es keinen Grund, sich dabei zu bescheiden, schließlich gibt es ganz verschiedene Gesellschaftsspiele. Es gibt solche, die Kreativität, Teamwork, Interaktion und Wissen erfordern; und es gibt solche, die auf strategisches Geschick, schnelle Kombinationsgabe, effiziente Verwaltung und gekonnten Einsatz der eigenen Ressourcen ausgelegt sind. Wenige der Spiele dieser Kategorie kommen ohne Geld oder eine andere Form der Währung aus, für die es etwas (Fähigkeiten, Schätze, weiteres Kapital) zu kaufen gilt, das möglichst gut angelegt, investiert oder eben aufbewahrt wird. Die Spiele der ersten Kategorie lassen mit dem meist abwechslungsreichen Spielablauf ein gewisses Maß an Spontanität zu. Auch das Scheitern der Kommunikation, eigene Insuffizienz und schlichter Blödsinn können hier spielerisch und spaßhaft erfahren werden. Das Gefühl des Zurückgesetzt-Seins in der (v.a. wiederholten) Niederlage ist allerdings grausamer als in denjenigen Spielen, die Strategie beim formalen Regelbefolg erfordern. Deren geschickteste Handhabung kann schließlich trainiert werden und ist theoretisch für alle erreichbar. In den Kreativspielen geht es aber letztlich um die Soft-Skills. Natürlich sind auch die erlernbar, allerdings nicht in ein paar Stunden. Sie sind eher als Resultat frühkindlicher Erziehung, dem jeweiligen Stand des Allgemeinwissens, Kombinationsgabe und eben dem kreativen Vermögen vorzustellen. Wie man ist, kann dann in einem spielerischen Wettstreit in die Waagschale geworfen werden. Die Niederlage spricht das Urteil: du kannst es eben nicht oder nicht gut genug, deine Fähigkeiten reichen nicht aus.

Anders die Spiele der zweiten Kategorie: Hier gilt der Ablauf der formalen Regeln, die sich oft in nichts von sogenannter Marktlogik unterscheiden, mit der Außnahme, dass man sich bspw. bei Dominion (Spiel des Jahres 2009) seine Stellung im Wettkampf um Grundbesitz mit gekauften Fähigkeiten verbessern kann. Wie schon gesagt, ist diese Art des Fähigkeitenerwerbs sicher demokratischer und egalitärer im Sinne abtrakter Gleichheit. Theoretisch kann immer jede gewinnen. Trotzdem macht dieser Vorteil solche Spiele nicht spannender, außer für diejenigen die eben ihren Spaß im Sich-Durchsetzen als Einzelne gegen die Konkurrent_innen haben. Anstatt aber, dass der Sieg das Spiel beendet, macht das Spielende oft erst den Sieg. Bspw. endet Dominion wenn zwei der vielen Kauf- oder Ländereienstapel leer sind. Dann wird gezählt, wer bis zu diesem Zeitpunkt am meisten Punkte gesammelt, wer am erfolgreichsten allein und unabhängig von allen anderen Spieler_innen getrennt für sich gewirtschaftet hat. Für ein Spiel, das sich wie die meisten erfolgreichen Spiele der letzten Jahre ein romantisiertes Mittelalter-Setting als Hintergrund für das nur zu moderne Battle der Kauf- und Handelsfähigkeiten wählt, ist das etwas enttäuschend. Tatsächlich geht es in diesem Spiel nicht um das Potential seiner Aufmachung, um ein Eintauchen in eine andere Welt („Irisches Flair genießen, ohne das heimische Wohnzimmer zu verlassen“, Leipziger Volkszeitung über Keltis). Eher deutet sich darin eine als lustvoll erfahrene Einübung der für die Selbsterhaltung notwendigen Denkformen an, die der spielerischen Konditionierung des nach gewissen Regeln sinnlos vor sich hin handelnden Einzelwesen gleichkommt. Und eben diesem wird am nicht selbst bestimmten, sondern durch äußere Umstände gesetzten Ende die Rechnung gemacht. In diesem Rollenkartenspiel bildet der Inhalt der mit den Kartenfiguren geschaffenen Welt nicht mal den glaubwürdigen Träger der formellen Eigenschaften und Fähigkeiten der Karten. Er dient eher als Hintergrund, letztlich als bedeutungslose Schablone, die man nett anzuschauen findet, solange man sich nicht mit ihrer ästhetischen Dimension beschäftigt. Phantastischer ist in dieser Hinsicht Magic, dass in pubertierenden Jungscliquen der Kleinstadtgymnasien zumindest zeitweise den Rang einer Ersatzreligion für sich beanspruchen konnte. Wenn es auch darin v.a. um die Fähigkeiten der Kartenwesen geht, so lässt es die ziemlich komplexe Spielwelt offensichtlich doch zu, auf den archaischen Reiz von Namen wie Verrottungshirte, Elfischer Raufbold, Sengendes Fleisch, Meuchelmeister oder Hammer von Bogardan anzuspringen und sein Deck thematisch und nach eigener Vorliebe für ein bestimmtes Prinzip der Phantasywelt aufzubauen.

Grauzonenspiele a la Magic, die weder in die erste, noch in die zweite Kategorie passen, gibt es sicherlich viele. Und im Spielspaß mögen oft auch ganz individuelle Momente des Vergnügens stecken, die sich mit der Reduktion auf den Verstandesvollzug des homo oeconomicus nicht beschreiben lassen. Trotzdem muss er auch in den Entwicklungsfirmen immer vorausgesetzt werden, um größtmögliche Massentauglichkeit und schnelles Spielverständnis garantieren zu können, alles andere stellt potentiell ein Verlustrisiko auf dem rasant wachsenden Spielemarkt dar. Weitgehend unabhängig von Entwicklungsfirmen gibt es natürlich auch noch Kartenspiele. Ob sich die These, dass es sich hier immer um tendenziell proletarische Spiele handelt, halten lässt, will ich dabei offen lassen. Meiner Erfahrung nach wird aber bspw. Schafkopfen v.a. von am Sonntagvormittag weißbiertrunkenen BMW-Angestellten in bayerisch-düsteren Wirtshäusern zelebriert. Das mehrheitsfähigere Poker scheint sich u.a. durch die Internetplattformen weltweit in allen Milieus verankert zu haben. Beim Pokern passiert eine Vermittlung der Befolgung der formalen Abläufe mit subjektiven Fähigkeiten und charakterlicher Disposition. Beeinflusst wird der Ablauf nicht nur durch das persönliche Glück bei der Kartenausgabe, sondern auch durch die laute oder eben auch lautlose Interaktion mit dem Gegenüber, die bis hin zu durchtriebenen Psychospielchen um den Bluff und das rechtzeitige Aussteigen reicht. Diese subjektiven Momente unterscheiden es noch von der revolutionären Königsdisziplin: dem tatsächlichen Glücksspiel. Beim Roulette, BlackJack, v.a aber beim einarmigen Banditen überlässt sich die Figur des Spielers völlig dem Schicksal, stellt sich, so Benjamin, dem Mythos. Indem er sich die „Zeit vertreibt“, spritzt sie ihm „aus allen Poren“:

Das Ideal des chockförmigen Erlebnisses ist die Katastrophe. Das wird im Spiel sehr deutlich: durch immer größere Misen, die das Verlorene retten sollen, steuert der Spieler auf den absoluten Ruin zu.
Passagenwerk [O 14,4]

Das Glücksspiel gleicht in der permanenten Wiederholung denselben gleichen Handgriffe der Fabrikarbeit, macht die Spielenden zu Maschinen. Diese aber erleben den Zeitvertreib als leibhafte Erfahrung der homogenen und leeren Zeit, und steuern auf die Katastrophe zu als bewusstmachender Ausbruch aus dem Zeitverlauf. Demgegenüber wären die Brett- und Gesellschaftspiele der bürgerlichen Familie als Verklärung zu verstehen, als Ausblendung der Möglichkeit eines jeden Ruins. Im Spiel kann verloren werden ohne unter zu gehen. Auch das will gelernt sein, wer kennt nicht den Spruch vom „Verlieren können müssen“? Der Spielablauf nach äußeren Regeln wird mit Spaß aufgeladen, erstens, weil es der ohnehin immer geforderten Freude am sinnlosen Tun der Arbeitswelt entspricht, zweitens weil die Teilnahme hier ausnahmsweise selbst gewählt werden kann. Gesellschaftsspiele sind somit primär Trost; kein Produkt der Manipulation, sondern Ausdruck der Tatsache, dass es ihrer in den seltensten Fällen überhaupt noch bedarf.

Maschinen stürmen oder Sozialvertrag?

Nachdem bereits am Montag die entlassenen Mitarbeiter_innen des Auto-Zulieferer-Betriebs das Werk New Fabris in Châtellerault besetzt, verkabelt und mit dessen Sprengung gedroht haben (Video), dachten sich die Beschäftigten von Nortel in Châteaufort und JLG in Tonneins am Donnerstag, dass diese Vorgehensweise wohl eine ganz gute Idee wäre und bereiteten auch ihre Fabrik auf eine eventuelle Sprengung vor. Forderten die Gefeuerten von New Fabris noch 30.000 Euro Abfindung, will man sich bei JLG unter 100.000 nicht zufrieden geben, das Ultimatum läuft bis Ende Juli. Renault hat sich wohl mittlerweile bereit erklärt einen Teil der Lagerbestände von New Fabris abzunehmen, wenn gewährleistet sei, dass das Geld als Abfindung an die Entlassenen fließt.
An dieser Stelle sei die Spiegel-Fotostrecke „Protestkultur in Frankreich: Geiseln, Bomben, Erpressung“ wärmstens empfohlen. Während die französischen Proteste in Deutschland als Vorstufe der gefürchteten sozialen Unruhen herbeizitiert werden, bringt eine Einschätzung eines französichen Genossen in der Wildcat die Problematik der Arbeitskämpfe auf den Punkt:

Das Problem liegt in der Strategie des Streiks: Man kann nicht einerseits »radikale Aktionen« versuchen und andererseits nach einem Boss rufen, der die Fabrik übernehmen soll, oder den Staat auffordern, Continental zu verstaatlichen….

Die Leute da abholen, wo sie stehen….

Am 25.01. fand der antikapitalistische Ratschlag der IL statt. Das Motto „Die K-Frage stellen“ lies einige Interpretationen zu: Sollte es um die Krise gehen? Oder doch um den Kapitalismus? Um Krieg oder Klima? Oder gar um den Kommunismus?
Tatsächlich sollten all diese Themen Bezugspunkte für die Leitfragen des Kongresses werden.

In der Plenumsdebatte formierte sich aus unterschiedlichsten Redebeiträgen folgender Konsens:
a) Die Krise wird in eine länger währende Rezession münden
b) Das Jahr 2009 wird ein Jahr sozialer Kämpfe
c) Die Linke ist organisatorisch schlecht aufgestellt
d) Die Linke muss sich in die sozialen Kämpfe einschalten und Alternativen anbieten

Nachdem einige Mitglieder der Linkspartei die Chance genutzt hatten, mit dem Vertreter der „emanzipatorischen Plattform“ auf dem Podium eine innerparteiliche Diskussion um die stetig zunehmende Marginalisierung außerparlamentarischer linksradikaler Positionen in der LINKEN zu führen, äußerten sich Mitglieder von Avanti bis DKP zur Krise und dazu, was die radikale Linke nun zu tun habe. Dabei tauchte immer wieder die absurde Forderung nach Vergesellschaftung des Finanzsektors auf. Im Anschluss daran wäre zu fragen, welchen Sinn ein Finanzsektor überhaupt noch macht, wenn er denn vergesellschaftet worden ist. Ganz soweit wollte ein Vertreter der LINKEN-SDS dann doch nicht mit und beschränkte sich auf die Forderung nach der Verstaatlichung aller Banken, also: weiter, immer weiter (um mit Olli Kahn zu sprechen)! Ununterbrochen wurde darauf hingewiesen, dass die radikale Linke sich in regionale Kämpfe miteinbringen müsse. Dazu müssten Forderungen erhoben werden, die die Leute „dort abholen, wo sie stehen“. Gerade jetzt, da der Kapitalismus nicht nur in eine ökonomische, sondern auch in eine Legitimitätskrise geraten sei, wäre die Zeit gekommen, die Massen (ein in der Debatte beliebter Begriff) mit eigenen Forderungen zu mobilisieren.
Aus diesem höchst subjektiven Eindruck der Plenumsdebatte (die Arbeitsgruppen und das Abschlussplenum wurde von der AutorIn nicht besucht) folgen nun einige Thesen zur Bewegungslinken:

1) Der Ansatz verschiedene Kämpfe zusammenzuführen, mündet in einem diffusen Begriff eines linken „Wir“
2) Dieses „Wir“ steht als Gegenblock abseits der restlichen Gesellschaft, hat es sich aber zum Ziel gesetzt, die Massen zu mobilisieren
3) Der Bezug auf die Masse ist stets positiv, ihr steht das Feindbild der herrschenden kapitalistischen Eliten gegenüber. Eine Distanzierung von personalisierter Kapitalismuskritik findet nicht statt.
4) Unter diesen Vorraussetzungen erscheint die Revolution nicht als historische Zäsur ins ganz Andere, sondern als die bloße Umkehrung der Produktionsverhältnisse bei gleichzeitiger Erprobung alternativer Lebensmodelle.
5) Fast alle irgendwie linken Bündisparter_innen sind für die Bewegungslinke attraktiv, solange sie Organisationsgrad und Mobilisierungspotential erhöhen (ein antikapitalistischer Grundsatz ist dabei nicht unbedingt nötig)
6) In der Suche nach revolutionären Subjekten werden weltweit Akteur_innen sozialer Auseinandersetzungen, zu denen meist ohnehin kein Kontakt besteht, kurzerhand zu Elementen einer globalen Widerstandsbewegung gemacht.
7) Solche Projektionen setzen sich im kleinen Maßstab fort. Die ständige Betonung der Einschaltung in regionale Kämpfe findet realiter nicht statt. Wenn doch, bleibt es bei einseitigen Solidaritätsbekundungen. Die auserkorenen revolutionären Subjekte haben überwiegend weder einen Bezug zu linken Positionen, noch Bock, sich inmitten von Existenzangst und Alltagsgestaltung mit selbigen auseinanderzusetzen, v.a. nicht, wenn sie dazu einem linken Wahrheitsanspruch hinterherlaufen sollen.
8) In Großdemonstrationen demonstriert sich die Bewegungslinke selbst, dass sie noch da ist. Mediale Aufmerksamkeit für linksradikale Positionen ist dabei ein willkommener, aber nicht zwingender Nebeneffekt.

Statt sich mit den Gründen des Scheiterns kommunistischer Forderungen im öffentlichen Diskurs zu unterhalten, wird lieber an der Oberfläche gekratzt und mit der neuen alten Sozialdemokratie der Linkspartei geliebäugelt. Statt konkrete Ansätze für eine Intervention zu entwickeln, die die Positionen der jeweiligen Akteur_innen innerhalb der bestehenden sozialen Verhältnisse mitzudenken vermag und sich erst dadurch lohnen könnte , werden halbrevolutionäre Rhethorik und interne Mobilisierungen zu Großdemos gegen „die da oben“ zum rettenden Strohhalm in der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit.

Mittlerweile erschienen: Die Abschlusserklärung des antikapitalistischen Ratschlags

Frei wovon?

In einem mehr oder weniger aktuellen Text der antifaschistischen Linken Groß-Gerau, der antifaschistischen Linken Darmstadt und der sinistra*antagonistische assoziation, der sich kritisch mit sogenannten „linken Freiräumen“ auseinandersetzt, heißt es:

Selbst für hartnäckige AktivistInnen sollte es, allen in diesen Freiräumen postulierten Ansprüchen zum Trotz, nur schwer abzustreiten sein, dass es in der linken Subkultur nicht mehr oder weniger Sexisten und Macker gibt als in der Normalgesellschaft auch. Wenn selbst noch recht simpel anmutende Verhaltenskodizes, wie etwa eine Frau nicht als „Schlampe“ oder „Fotze“ bezeichnen zu dürfen, nur schwer umsetzbar sind, kann männlich-dominantes Imponiergehabe und Revierverhalten vielerorts schon überhaupt nicht mehr zur Sprache gebracht werden, da der vermeintliche Freiraum längst vor der Fankurvenmentalität seiner NutzerInnen kapituliert hat. das Selbstverständnis des Wir-sind-die-Guten bricht sich hier wie eh und je an der Realität linker Zusammenhänge. […] Wer sich diese Beschränktheit der eigenen Handlungsmöglichkeiten nicht immer wieder bewusst macht, sich die Begrenztheit gewonnener „Freiräume“ nicht eingesteht und sich in diesen bequem einrichtet, statt sie immer wieder in ihrer völligen Unzulänglichkeit zu hinterfragen, hat bereits aufgegeben, die gesellschaftlichen Verhältnisse einer umfassenden Kritik unterwerfen zu wollen und wäre gut beraten, wenigstens nicht das große Wort von der Abschaffung des Kapitalismus im Munde zu führen.

Angesichts aktueller Querelen in einem Frankfurter „Freiraum“ muten diese Worte fast prophetisch an und sind es zwangsläufig angesichts der fortwährenden Wohlfühlnest-Praxis besetzter Häuser, der zu verfallen es in der Sehnsucht nach dem richtigen Leben im Falschen nur ein allzu Leichtes ist. Die grundsätzliche Beschränktheit von „Freiräumen“ wird weiter ausgeführt:

Selbst das besetzte Haus kann sich den auf dem freien Markt ausgehandelten Durchschnittspreisen nicht völlig entziehen. So haben etwa in den meisten Fällen die Wohnhäuser, Kulturläden und kollektiv betriebene Alternativschuppen kein eigenes Stromkraftwerk.[…] Auch wenn die Miete wegfällt, wird die Energie (genauso wie Bier und Chips) nach wie vor beim Kapitalisten gekauft. der Preis richtet sich letztlich nach der Wirtschaftlichkeit, genauso wie in anderen Läden auch. […] Solche Orte braucht es sicherlich, doch sollte immer mitbedacht werden, dass die sogenannten Freiräume aus genannten Gründen nicht mehr als ein Treffpunkt sein können, an dem die Hegemonie der üblichen Ausschlussmechanismen: Geschlecht, Geldbeutel, Herkunft kritisiert und zumindest stellenweise außer Kraft gesetzt werden könn(t)en. […] um den problematischen Freiraumbegriff vertretbar aufzuladen, bliebe nur die Möglichkeit, einen emanzipatorischen „Freiraum“ als einen Ort zu begreifen, an dem es möglich ist, die permanente Selbstrevolutionierung in mühseliger Kleinstarbeit anzugehen, Neues voranzutreiben und die revolutionäre Theorie und Praxisbildung gegen alle „Scheuklappenmanöver“ der VertreterInnen des Alten zu betreiben. […] das dogmatische Gequatsche von unkommerzieller Kultur und herrschaftsfreien Räumen ist Unsinn.

So wichtig diese Kritik sein mag, so wahr ist auch, dass jene Räume, die zumindest die Möglichkeit emanzipatorischer Praxis aufblitzen lassen Jahr für Jahr weniger werden. Um sich diese Möglichkeiten überhaupt zu erhalten, bleiben linke Strukturen auf realpolitische Abwehrkämpfe zurückgeworfen, die trotz aller Unzulänglichkeiten strategischer Bündisbilderei und Kräfteverschleis geführt werden müssen. Diese Notwendigkeit drängt sich aktueller denn je auf, mal wieder sind mehrere Häuser bundesweit räumungsbedroht. Eine breitere Mobilisierung scheint sich für für das besetzte Haus in Erfurt abzuzeichnen. An dieser Stelle sei auf das grandiose Mobi-Video der Fimpiraten verwiesen:

Gekommen um zu bleiben

Die Katze ist aus dem Sack. Die Initiative „Faites votre jeu“ veranstaltete gestern eine Pressekonferenz, um über den aktuellen Stand der Verhandlungen mit der Stadt Frankfurt und die weiteren Perspektiven des selbstverwalteten Raums zu informieren. Diese Pressekonferenz ist komplett dokumentiert. Nachdem zwei Ersatzobjekte aus nachvollziehbaren Gründen nicht in Frage kamen, heißt es nun: Gekommen um zu bleiben! Das Haus soll nach Ablauf der Duldung am 15. 01. nicht verlassen werden. Jetzt stellt sich die Frage, wie die Stadt reagiert. Auch wenn sich die UnterstützerInnenliste sehen lassen kann und das entstandene kulturelle und politische Leben sich der Solidarität des Stadtteils und einer heterogenen Fangemeinde sicher sein kann, wäre eine Eskalation von Seiten der Stadt wohl denkbar. Ein Vertreter der HfBK Städelschule Frankfurt brachte die Konsequenz einer Fortführung des bisherigen Umgangs der Stadt mit der Initiative treffend auf den Punkt:

Wenn Frankfurt den Anspruch hat, Kunst- und Kulturmetropole zu sein, sollte sie die Eigeninitiative von Projekten wie ,Faites votre jeu!‘ mit Respekt begrüßen – und nicht etwa mit einer Strafanzeige oder gar mit einer Räumung durch Schlagstockeinsatz zu bedrohen

Pk, Videos + Presseschau gibts hier.

Zivi(l)courage

Bereits in Heiligendamm tauchten Videos auf, die beweisen, dass Zivis auf Demonstrationen vermummt auftreten und als Provokateure agieren. Auch in Frankfurt mischten sich Zivis bei einer Soli-Demo zu den Ereignissen in Griechenland unter die DemonstrantInnen. Zu sehen ist das ganze hier. Die FR, die diese Tatsachen in einem Bericht als Behauptungen abtut, lässt nicht nur die verletzten Demo-TeilnehmerInnen unerwähnt, sondern versucht auch den Videolink in der Kommentalspalte zu unterdrücken.

Eine kleine Nachtmusik

Hier die Nachtbetrachtung der diesjährigen NTD in Frankfurt:


Nachttanzdemo Ffm `08 – Die Verhältnisse zum tanzen bringen from Reclaim Your World on Vimeo.

Überraschungseier

Altes Sprichwort: Wer gackert, muss auch ein Ei legen.
Dazu Passendes der letzten Tage:

1.
Erst Studiengebühren einführen und dann einen rießigen Wirbel um eine vorerst unter Verschluss gehaltene Studie veranstalten, die besagt, dass im Abijahrgang 2006 ca. 18 000 Studierende ihr Studium wegen der Gebühren nicht aufnehmen wollten. Als wäre das eine Überraschung oder ein großer Skandal und nicht mitunter Sinn und Zweck eben jener Gebühren gewesen.

2.
Erst Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließen und dann jedes Mal wenn Späne fallen, wo gehobelt wird, eine Diskussion darüber starten, ob in Afghanistan ein Kriegseinsatz stattfindet und die Soldaten nun „gefallen“ sind (als könne man es gar nicht erwarten, diese Vokabel wieder benutzen zu dürfen), oder nur bei Amtshilfen des humanitären Wiederaufbaus „verunglückt“, als wäre der Bundeswehreinsatz jemals keine Kriegsintervention gewesen, bloß weil sie innerhalb einer internationalen Arbeitsteilung stattfindet.

3.
Erst die grundsätzliche Zustimmung zu einem Kompromiss zum Bundeswehreinsatz im Inneren geben und sich dann wundern, wenn der zukünftige § 35 folgendermaßen lauten soll:

Reichen zur Abwehr eines besonders schweren Unglücksfalles polizeiliche Mittel nicht aus, kann die Bundesregierung den Einsatz von Streitkräften mit militärischen Mitteln anordnen.

, als hätte man nicht bereits beim §129a erleben können, wie mit schwammigen Begriffen die Grundlage für deutsches Kriegsrecht im Inneren geschaffen worden ist.

All diese Aufregungen beschäftigen die „Zivilgesellschaft“ wohl maximal 2 Tage und 5 – 10 Zeitungsartikel lang, ehe die nächsten Einzelmeldungen als unangenehme aber vollendete Tatsachen daherkommen, über die man sich zwar empört, deren Gegenstand aber nie an sich in Frage gestellt, geschweige denn in Zusammenhängen gedacht wird.

Spatial (de-)constructions

Das IvI ruft zur 8. Gegenuni:

27.10. – 9.11. 2008 Theorie-Einführungen, Workshops, Abendveranstaltungen, Film, Party uvm. im Institut für vergleichende Irrelevanz

If i can‘t dance,….

it’s probably the cops.