Archiv der Kategorie 'I love TV'

Strafbedürfnis II

Vatels Albtraum
Mit der Feststellung, dass der Sternekoch Alfons Schuhbeck für McDonalds wirbt, hat Silke Burmester auf Spiegel online einen großen Coup gelandet. Endlich werden die deutschen Star- und Fernsehköch_innen enttarnt: die wollen ja nur Geld machen! Burmester kommt dieser Skandal einer persönlichen Befreiung gleich, denn schon seit langem hegt sie Groll gegen die Diktatur des guten Geschmacks. Den folgenden Absatz sollte man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

Ich habe die Jahre nicht gezählt, in denen Sie und ihre „Starkoch“-Kollegen die Bevölkerung mit ihrer Ersatzreligion der „Genussküche“ bereits beglücken, aber es sind auf jeden Fall zu viele. Sie haben es geschafft, aus dieser Butterbrot- und Rollmopsnation eine Art kulinarische Luftnummer zu formen, in der Menschen den Ton angeben, die ein Lamm vernünftig zubereiten können. Was früher die Zeugen Jehovas mit ihrem „Wachtturm“ waren, sind heute Schuhbeck, Lafer, Poletto & Co. Sie lauern an jeder Ecke, grinsen von jedem Plakat und winken auf jeden Fernsehkanal mit ihren Löffeln, Rinderbeinen und Geflügelscheren, auf dass man eintrete in ihr gelobtes Land mit Namen „Genuss.“

Da wird also der Rollmops- und Butterbrotfreundin schon seit Jahren das Leben zur Hölle gemacht, weil da statt des täglichen Stopfens doch tatsächlich kulinarischer Genuss zum Sinn des Kochens erklärt wird. Aber nein, nicht mit Silke Burmester. Gegen diese Verirrung muss angegangen werden. Zumal sie sich natürlich als Angegriffene empfindet, sich schließlich nur verteidigt gegen die Apostel der heuchlerischen Ersatzreligion:

Einfach mal schlecht kochen ist nicht mehr drin. Wer auf das Tamm-Tamm der Pinzettenköche nichts gibt, hat sich ins soziale Aus gestellt. Kein Wunder, wenn man bald keine Freunde mehr hat, nicht eingeladen wird und nicht mal mehr im Sommer beim Grillen die Zange halten darf.

Aha, Schuhbeck, Lafer und Poletto sind also schuld daran, dass Frau Burmester keine Freund_innen hat und sie auf niemandes Grill den Rollmops wenden darf. Aber ist das allein der Grund für ihre Verachtung gegenüber der Kochprominenz? Und überhaupt: warum findet sie jetzt erst Mut zur Sprache gegen die aufgeblasenen Breiverderber_innen aus der Röhre? Schließlich ist das Phänomen des spektakulären Genuss-Essens als Ausdruck besonderer Kultiviertheit, besonderen Bewusstsein oder eines besonderen Vital-, Öko- oder Reformhaus-Lifestyles durchaus nichts Neues. Aber wie soll man etwas kritisieren, wo doch alle mitmachen? Am Ende müsste man sich da offen gegen einen vorherrschenden Trend stellen. Und was würde dann der versnobte Freundeskreis sagen? Nein nein, da müssen dann schon eher schnell Beweise auf den Tisch, die die Verantwortlichen des Kochbrimboriums der Heuchelei und der dreisten Lüge überführen. Denn heucheln darf man nicht, das weiß Burmester ganz genau. Genau deshalb gibts dann auch kein Halten mehr, wenn man all den Schuhbecks, Polettos, Hermanns usw. den Schmerz der verpassten Grillparties ins Gesicht schreien kann; wenn man sich endlich dafür rächen kann, dass der Rollmopsgeschmack angesichts der überall präsentierten besseren Alternativen über die Jahre auch so langsam schal geworden ist. Wenn einem selbst nichts mehr so recht schmecken kann, dann solls auch niemandem sonst vergönnt sein. Deshalb richtet sich die Attacke dann auch gegen den Genuss selbst, dessen Möglichkeit der entrüsteten Autorin die Butter vom Brot zu nehmen droht.

Es ist nicht nur die Verheißung des Genusses, die Silke Burmester solche Angst macht, es ist vor allem der Weg dorthin. Voraussetzung für kulinarischen Genuss ist ja nichts anderes als die Fähigkeit zu einem individuellen Geschmacksurteil. Mit der Rede vom Wein als dem „Fetisch der Bedeutungslosen“ versichert sich Burmester aber, dass sie vom Geschmack als der Wahrnehmung spezifischer Differenz (Detlef Claussen) nichts wissen will. Eben diese scheint sie, die bisher mit deutscher Hausmannskost ganz bequem und ganz konform gefahren war, schlichtweg zu überfordern. Was von ihr mit ach so viel Entrüstung bekämpft wird, ist nicht etwa das Essen als die eingebildete Kultureinverleibung derer, die es sich leisten können, sondern dass sie dieser neuen Konformität der bemühten Hobbyküche nicht entsprechen kann. Und mit ihrer Wut auf die tatsächlich oberlehrerhaften Vorträge des Unsympathen Schuhbeck beweist Silke Burmester vor allem eines: dass sie sie glaubt und sich in ihrem deutschkulinarischen Minderwertigkeitskomplex (einfach nur schlecht kochen wollen und auch noch stolz drauf sein) nun endlich gegen die verinnerlichte und um so mehr gehasste Authorität der von ihr nie zu erreichenden kulinarischen Finesse austoben kann. Wer nicht begreifen kann, dass Döner, eine Pizza, ein Burger oder frisch gebackener Leberkäs aus der Metzgerei des Vertrauens ebenso viel Genuss bedeuten können wie ein 5-Gänge Menü der Haute Cuisine und trotzig auf dem für niedriger befundenen Rollmops und dem Butterbrot beharrt, indem diese kurzerhand zur GegenKultur erhoben werden, verdient letztlich nichts anderes als das missmutige Gelöffel aus der trüben aber wenigstens gewohnten Suppe. Schließlich muss man sich ja nicht jedes „Glaubensbekenntnis“ aufs Brot schmieren lassen.

Anders aber Silke Burmester. Und wo die von ihr heimlich bewunderte allzu abstrakte Küche endlich als Produkt von durch „Gier“, „Scheinheiligkeit“ und „Prinzipienlosigkeit“ verdorbenen Heuchler_innen entlarvt wurde, soll diese im Rahmen einer „Kochbereinigung“ dann auch ganz verschwinden. So wird Alfons Schuhbeck (der nebenbei bemerkt international betrachtet ohnehin ein Niemand ist) direkt angesprochen:

Es wird eine Kochbereinigung stattfinden. Die Schaumwelle, auf der Sie in unser Leben geritten kamen, wird Sie langsam wieder hinaustragen, dorthin, wo der Pfeffer wächst.

Natürlich kann Burmesters protestantische Hetzschrift nicht enden, ohne sich dann doch nochmal schuldbewusst gegen McDonalds ausgesprochen zu haben. Schließlich will sie nicht nur kulinarisch, sondern auch politisch immer auf der richtigen Seite stehen. Letztlich ist es aber egal, ob man Schuhbeck oder FastFood, also E- oder U- Speisen schlimmer findet, solange man weiß, was man jeder geschmacklichen Reflexion entzogen wissen möchte: das Gewohnte. Dabei wird dieses nicht einmal mit dem Geschmack der Kindheit oder anderem an Erfahrung Rührendem verteidigt. Das würde ja auch teuflisch nah an den doch so verhassten Genuss heran führen. Nein, man möchte sich lieber in der Gulaschkanone suhlen, möchte lieber aus dem Trog schlürfen, man will die Bockwurst und den Batzen aus dem Eimer mit Kartoffel-Mayonnaise-Pamps, der sich unverschämterweise auch noch Salat schimpft. Hängt die, die da von mehr sprechen wollen! Daran konnten bislang weder der noch so gut gemeinte FastFood-Imperialismus der USA noch die zähen Versuche der französischen Gourmets, den Deutschen das Kochen beizubringen etwas ändern. Es bleibt vergebne Liebesmüh, denn wo Deutschland ist, da ist die Tunke.

Nachbarschaften

Wenn weder Mr. Hug noch die 100 Papphocker helfen können, gibt es im Falle eines Nachbarschaftsstreits ja immer noch RTL und dessen neuen Star am Doku-Soap-Himmel: Franz Obst, Anwalt und Mediator, der die verfeindeten Parteien binnen drei Tagen mit genialen Tests und Versöhnungsspielchen wieder zueinander führt. Sensationell aber sind im Gegensatz zum Format „Nachbarschaftsstreit“ eher die morphologischen Nachbarschaften des Herrn Obst, die auf eigentümliche Art und Weise einen gewissen französischen Sozialphilosophen und Nosferatu, den Karpatenvampir der 20er Jahre zueinander finden lassen:

Michel Foucault, Philosoph, Frankreich
Nosferatu, Vampir, Karpaten
Franz Obst, Streitschlichter, RTL

Zwei ganz besondere Freunde und Helfer

Die verzweifelt sympathischen Streifenpolizisten aus der TV-Doku-Soap „Toto und Harry“ (hier zu sehen beim Fall der toten Ente) wurden Opfer eines miesen Anschlags. Während Thomas Weinkauf und Torsten Heim an der Uni Bochum einen Gastvortrag in einer Vorlesung über Polizei- und Ordnungsrecht hielten, in dem sie über „die alltägliche Kluft zwischen geltender Rechtslage und praktischer Polizeiarbeit im Streifendienst“ referierten, wurde draußen ihr Streifenwagen demoliert:

Auf dem Parkplatz der Universität attackierten drei Vermummte den Streifenwagen der Polizisten. Zwei Männer und ein Frau zerschlugen mit Steinen die Heckscheibe und ein Seitenfenster des VW-Busses und warfen mit Farbe gefüllte Marmeladengläser in den Wagen, so die Bochumer Polizei

Tja, so schnell kanns gehen. Wer glaubt, in einem Hörsaal mit Dienstwaffe auftauchen zu müssen und dann auch noch von der legitimen Anwendung des Hausrechts bei den Räumungen der besetzten Hörsäle spricht, muss sich eigentlich nicht wundern. Nach eingehender Analyse des Tathergangs ist für Toto der Fall ganz klar:

„Die haben nicht alle Latten am Zaun“, sagt Streifenpolizist Toto.

Hoffentlich lassen sich die beiden Volkspolizisten ihre Gelassenheit im Umgang mit der „Kluft zwischen geltender Rechtslage und praktischer Polizeiarbeit“ nicht von solch verrückten Chaoten nehmen.

(via)

Claus Kleber sagt jetzt auch öfter mal „Scheiße“

Das neue ZDF Heute Journal beglückt seine Zuschauer_innen seit dem 17. Juli im neuen Studio mit einem komplett digitalen Design, 3-D Animationen und dazwischen umherwandernden Moderator_innen, die, wenn sie am überdimensionalen Tisch sitzen, gerne ein paar flapsige Worte wechseln oder auch mal einen Schwank aus ihrem Privatleben einfließen lassen. Die 3-D Animationen sollen die Nachrichten verständlicher, „lesbar“ machen. Claus Kleber versichert in der bescheidenen Vorstellung des neuen Studios:

…und dann erschaffen Graphikcomputer die neue virtuelle Nachrichtenwelt des ZDF, in der wir aber nichts vorgaukeln wollen. Wir werden wichtige Nachrichten machen. Wir werden seriös bleiben, aber die Nachrichten werden hoffentlich begreifbarer.

In einer der ersten Sendungen spazierte Claus Kleber dann durch das Studio, sich langsam hinbewegend auf eine Animation, die einen Sockel und eine darauf platzierte, strahlend leuchtende Kristallkugel erschuf, hinter der sich dreidimensionale Balkendiagramme aufbauten, um einen neuen Gesetzestext zu erklären (ähnliche Animationen sind hier ab 0.35 und 1.02 zu sehen). Effekt und Affekt geben einander die Klinke in die Hand. Es geht nicht mehr darum, Informationen zu liefern, über die es bestenfalls nachzudenken gilt, sondern es wird verbildlicht, was ist. Die Graphiken sind zunächst selbst das Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. Information ist nicht Ausgangspunkt eines Feldes von Überlegung und anschließender Positionsbestimmung, sondern wird in der graphischen Darstellung selbst erst erklärungsbedürftig. An die Stelle der Beschäftigung mit einer Information tritt die Beschäftigung mit einer Graphik. Ist der Zusammenhang mit dem, was sie repräsentieren soll hergestellt, könnte die Tendenz dazu betehen, den Denkvorgang der Erfassung der Information als den zu nehmen, der an die Information erst anschließt, nämlich: Meinung, Hintergründe, pro, contra, Zusammenhänge. Statt dessen wird ein Sachverhalt konstruiert und in seiner graphischen Erfassung hingenommen. Die Verständlichkeit wird zum Einverständnis.

In der Konkurrenz mit den Nachrichtensendungen der Privatsender macht des neue ZDF-Heute-Journal mit der Strukturierung der Sendung nun ernst. Die Nachrichten des Tages werden in ein bis zwei dreiminütige Blöcke gepackt, dazwischen längere Beiträge (z.B. 7 Minuten für die Berichterstattung über die Vorhölle „Daisy“, immerhin ein Drittel der Sendung) und kürzere „Berichte und Reportagen“, die fast glamaukhafte Züge annehmen und meist mit einer schmunzelnd-versöhnenden Metapher oder einer Floskel enden. Schließlich wird Humor großgeschrieben. Ein Beispiel liefert die Heute Sendung vom 9.1., deren Beitrag zum Wettertief „Daisy“ folgendermaßen endet:

Und so erwiesen sich die Warnungen vor dem Schneechaos am Ende als…naja…sie sehens ja selbst. (Zoom auf eine Ente in der Dresdner Winterszenerie -Großaufnahme der Ente 3sek)

Studio: Klaus Kleber sitzt grinsend am Tisch, im Hintergrund ein Korrespondent auf Rügen:
„Na hoffentlich hat die noch jemand ins Warme gebracht (die ente,l). Im Süden wars ja nun nicht so schlimm aber im Norden, da war richtig was los……Peter Hast unser Korrespondent…..“

Nun mutet das bei diesem Thema nicht unbedingt dramatisch an, wenn es aber z.B. um Krise, Krieg oder Sozialpolitik geht könnte das Lachen im Halse stecken bleiben. Wobei Lachen schon zuviel wäre. Es geht ja schließlich nur um ein leichtes Schmunzeln, mit dem man auf die Abläufe der Politik und Gesellschaft hinabblicken kann. Eigentlich ist es ja nicht so wichtig. Die Nachrichtensendung scheint weder die Zuschauer_innen, noch die Nachrichten, noch vor allem sich selbst ernst zu nehmen. Die Informationsvermittlung in den Beiträgen steht der der Moderator_innen an Verdummungsgrad nicht nach. Kein Thema scheint blöde genug zu sein, um es nicht in der Nachrichtensendung des ZDF-Heute-Journals als „Bericht“ zu verwursten. Grammatik scheint dann auch nicht mehr besonders wichtig zu sein. Dies soll nun kein Aufruf zur Erhaltung der einen rechten deutschen Sprache sein, sondern ein weiteres Indiz für die Transformation der Nachrichten zur Unterhaltungssendung, die auch selbst nichts anderes mehr sein will, bieten. Exemplarisch sind Sprechtexte wie:

Hier in Remscheid viele steile Straßen. Nun, seit klar ist, es gibt nichts nach, könnte es rutschig werden.

oder auch

Sie kommen nicht hinterher, in keinem der deutschen Salzbergwerke, denn seit Wochen immer wieder Neuschnee und Eis in ganz Mitteleuropa haben die Vorräte der Räumdienste schmelzen lassen.

Die Zitate entstammen einem sehr empfehlenswerten Beitrag über die dramatische Lage in der Streusalzversorgung der deutschen Städte und Kommunen. Fast drei Minuten lang wird den Zuschauer_innen von Straßenmeister Michael Sauer, Salz-Kumpel Jörg Teichmann aus Sondershausen in Thüringen oder der Vertriebsangestellten Kathleen Risch der Ernst der Salzlage erklärt. Straßenmeister Kunckler aus Hilden schließt mit der Warnung an, dass es nirgendwo möglich sein wird, irgendwo hinzukommen. Schön, wenn der Beitrag endet:

Aus dem Süden kommen Schnee und Eis, aber auch Hoffnung. Die Tivala ist da aus Afrika. Mit marokkanischem Salz für Straßen in Norddeutschland, dringend erwartet. Doch für die Winterdienste doch nur ein Tropfen… auf dem kalten Stein.

Die Zahl der Interviews nimmt stetig zu, wobei es aber nicht darum geht verschiedene Meinungen zu repräsentieren. Neben den Schilderungen der verschiedenen Beruftätigen in irgendwelchen Käffern fallen in den Heute-Beiträgen die ständigen Straßenumfragen auf. Während die Beruftätigen in ihrem unentwegten Einsatz deutsches Pflichtbewusstsein vermitteln, wird in den Straßenumfragen versucht, dieses durch gelassene Bürger_innen im Alltag, beim Einkauf oder beim Wandern auf dem Brocken, zu brechen. Dabei scheint es aber nicht darum zu gehen, verschiedene Meinungen einzuholen, sondern überhaupt keine. Es geht nicht darum, was gesagt, sondern was gezeigt wird. Gezeigt werden fast ausschließlich weiße Durchschnitts-Deutsche mittleren Alters, die mit humorvoller Gelassenheit eine Floskel a la „Da muss man eben durch“ oder „Ja, ich find den Streik gut, aber dass es mich jetzt betrifft….“ ins Mikrophon sprechen. Hier wird im Zirkelschluss deutlich, was sagbar ist, bzw. was gesagt werden soll, wenn man einer Kamera ins Gesicht schaut: nichts, aber schon irgendwas, Subtext Hinnahme ist erwünscht. Vor allem geht es wieder darum, mit einem Schmunzeln zu antworten. Immer wird deutlich: Egal was es ist, es ist nicht wichtig genug, um mich in meinem Betrieb, den ich Alltag nenne, zu stören. Nachrichten werden zur unterhaltenden Konsensmaschine. Und immer, wenn man denkt, es könnte nicht schlimmer kommen, dann kommt es noch schlimmer (ab min 11.40)

Die Welt ist ein Zeichenzauber

„…Ganz klein am Horizont kann man Dinge sehen
Dinge die wir nicht verstehen
Das Geschehen lässt uns auseinander gehen
Hinein in einen Wald aus Zeichen
Die Weichen sind gestellt
In einer Welt
Deren Umriss uns gefaellt…“ (Tocotronic)

Apropos Werbung:

US-Revolution

Es gibt ja nicht zuletzt in „linken Kreisen“ Unverbesserliche, die mit der Wahl Obamas eine tatsächliche Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse und eine tiefgreifende Veränderung der US-Außen-und Innenpolitik verbinden.
Aus deren Sicht stellt der gestrige Wahlabend wohl tatsächlich so etwas, wie eine kleine Revolution dar. So sehr diese Sicht völliger Blödsinn ist, so falsch wäre es, das wahre Highlight der US-Wahlnacht unerwähnt zu lassen, das zumindest aus technologischer Perspektive einer kleinen Revolution gleich kommt. CNN hatte sich ein besonderes Schmankerl ausgedacht und überraschte das Publikum mit der Reporterin Jessica Yellin, die eigentlich in Chicago stand, aber ebenso im Wahl-Studio anwesend war:

Holografie im TV. Respect! CNN gibt sich wenigstens noch Mühe, den ZuschauerInnen etwas zu bieten, während man im tristen old old europe auf unfreiwillige Komik im Hintergrund oder besoffene Kanzler hoffen muss, um ein wenig unterhalten zu werden, auch wenn letzteres für einige langweilige Jahre entschädigt hat.

Deutsche Fiktionen

Nach jahrelanger Knoppscher Betätigung ist die Aufarbeitungsweltmeisterschaft nun scheinbar endlich gewonnen und es kann sich wieder Wichtigerem zugewandt werden. Und was könnte wichtiger sein, als der Weltmeister selbst, seine Geschichte, „seine Wurzeln“. Nicht mehr mythisch germanisch, sondern wahrhaft historisch will das ZDF mit seiner 10teiligen Dokureihe „Die Deutschen“ nun klären, „wie wir wurden, was wir sind“. Die „Geburtsstunde der Deutschen“ markiert in der ersten Sendung die Krönung König Ottos I. im Jahr 955.

Die vier Ur-Stämme auf deutschem Boden empfanden sich wohl erstmals im Jahre 955 als eine Schicksalsgemeinschaft: hervorgerufen durch einen aggressiven Feind von außen. Die Ungarn waren immer wieder zu räuberischen Streifzügen in das ostfränkische Reich Ottos I. eingedrungen. In der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg stellten sich Aufgebote der „deutschen“ Stämme den Angreifern entgegen und besiegten sie. Dieses Erlebnis einte, stärkte den Monarchen, schuf so etwas wie gemeinsame Identität.

Die Ankündigungstexte lassen Schlimmes vermuten. Die 45minütigen Episoden, die allesamt um einzelne Deutschmänner von Heinrich dem IV., über den flammenden Antisemiten und Frauenhasser Martin Luther und den „Volkshelden“ Wallenstein bis zum verbohrten Tatterkaiser und Imperialisten vom Dienst Wilhelm II. kreisen, werden mit Spielfilmszenen veranschaulicht, so dass die ZuschauerInnen mit möglichst viel Emotionen die „Geschichte ihrer Nation“ verfolgen können. Das ZDF nennt das Ganze dann:

Ein Jahrtausend deutscher Geschichte in szenischer Rekonstruktion

und erschafft damit endlich das ersehnte 1000jährige Reich. Selbst an die jungen Deutschen hat das ZDF gedacht und bietet eine multimediale Animation und Mitmachaktion für Schüler“ zur Serie.
In einer aller Beschreibung spottenden Konstruktion einer einzigen großen Geschichte, die sich – mit Ausnahme eines Mönchs und eines bürgerlichen „Nationalrevolutionärs“– von einem Monarchen zum anderen hangelt und in der Weimarer Republik stehen bleibt, wird die deutsche Nation als 1000jähriges Etappenwerk tragischer Gestalten, nationalen Pathos und Herrschaft erschaffen. Dabei wird die im Vorwort immer wieder scheinheilig anklingende Frage, „Wer sind die Deutschen“, „Was ist ihre Identität?“, gleich in der ersten Sendung beantwortet. Eine „Schicksalsgemeinschaft“ von „vier Ur-Stämmen“ auf „deutschem Boden“. Histotainment ole!

Überraschungseier

Altes Sprichwort: Wer gackert, muss auch ein Ei legen.
Dazu Passendes der letzten Tage:

1.
Erst Studiengebühren einführen und dann einen rießigen Wirbel um eine vorerst unter Verschluss gehaltene Studie veranstalten, die besagt, dass im Abijahrgang 2006 ca. 18 000 Studierende ihr Studium wegen der Gebühren nicht aufnehmen wollten. Als wäre das eine Überraschung oder ein großer Skandal und nicht mitunter Sinn und Zweck eben jener Gebühren gewesen.

2.
Erst Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließen und dann jedes Mal wenn Späne fallen, wo gehobelt wird, eine Diskussion darüber starten, ob in Afghanistan ein Kriegseinsatz stattfindet und die Soldaten nun „gefallen“ sind (als könne man es gar nicht erwarten, diese Vokabel wieder benutzen zu dürfen), oder nur bei Amtshilfen des humanitären Wiederaufbaus „verunglückt“, als wäre der Bundeswehreinsatz jemals keine Kriegsintervention gewesen, bloß weil sie innerhalb einer internationalen Arbeitsteilung stattfindet.

3.
Erst die grundsätzliche Zustimmung zu einem Kompromiss zum Bundeswehreinsatz im Inneren geben und sich dann wundern, wenn der zukünftige § 35 folgendermaßen lauten soll:

Reichen zur Abwehr eines besonders schweren Unglücksfalles polizeiliche Mittel nicht aus, kann die Bundesregierung den Einsatz von Streitkräften mit militärischen Mitteln anordnen.

, als hätte man nicht bereits beim §129a erleben können, wie mit schwammigen Begriffen die Grundlage für deutsches Kriegsrecht im Inneren geschaffen worden ist.

All diese Aufregungen beschäftigen die „Zivilgesellschaft“ wohl maximal 2 Tage und 5 – 10 Zeitungsartikel lang, ehe die nächsten Einzelmeldungen als unangenehme aber vollendete Tatsachen daherkommen, über die man sich zwar empört, deren Gegenstand aber nie an sich in Frage gestellt, geschweige denn in Zusammenhängen gedacht wird.

Lyrics of Greenwich

Gestern Abend hervorragende Dylan-Doku geguckt. Dabei gefunden:

f*cking genius !