Archiv der Kategorie 'Isst du noch, oder liebst du schon?'

Strafbedürfnis II

Vatels Albtraum
Mit der Feststellung, dass der Sternekoch Alfons Schuhbeck für McDonalds wirbt, hat Silke Burmester auf Spiegel online einen großen Coup gelandet. Endlich werden die deutschen Star- und Fernsehköch_innen enttarnt: die wollen ja nur Geld machen! Burmester kommt dieser Skandal einer persönlichen Befreiung gleich, denn schon seit langem hegt sie Groll gegen die Diktatur des guten Geschmacks. Den folgenden Absatz sollte man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:

Ich habe die Jahre nicht gezählt, in denen Sie und ihre „Starkoch“-Kollegen die Bevölkerung mit ihrer Ersatzreligion der „Genussküche“ bereits beglücken, aber es sind auf jeden Fall zu viele. Sie haben es geschafft, aus dieser Butterbrot- und Rollmopsnation eine Art kulinarische Luftnummer zu formen, in der Menschen den Ton angeben, die ein Lamm vernünftig zubereiten können. Was früher die Zeugen Jehovas mit ihrem „Wachtturm“ waren, sind heute Schuhbeck, Lafer, Poletto & Co. Sie lauern an jeder Ecke, grinsen von jedem Plakat und winken auf jeden Fernsehkanal mit ihren Löffeln, Rinderbeinen und Geflügelscheren, auf dass man eintrete in ihr gelobtes Land mit Namen „Genuss.“

Da wird also der Rollmops- und Butterbrotfreundin schon seit Jahren das Leben zur Hölle gemacht, weil da statt des täglichen Stopfens doch tatsächlich kulinarischer Genuss zum Sinn des Kochens erklärt wird. Aber nein, nicht mit Silke Burmester. Gegen diese Verirrung muss angegangen werden. Zumal sie sich natürlich als Angegriffene empfindet, sich schließlich nur verteidigt gegen die Apostel der heuchlerischen Ersatzreligion:

Einfach mal schlecht kochen ist nicht mehr drin. Wer auf das Tamm-Tamm der Pinzettenköche nichts gibt, hat sich ins soziale Aus gestellt. Kein Wunder, wenn man bald keine Freunde mehr hat, nicht eingeladen wird und nicht mal mehr im Sommer beim Grillen die Zange halten darf.

Aha, Schuhbeck, Lafer und Poletto sind also schuld daran, dass Frau Burmester keine Freund_innen hat und sie auf niemandes Grill den Rollmops wenden darf. Aber ist das allein der Grund für ihre Verachtung gegenüber der Kochprominenz? Und überhaupt: warum findet sie jetzt erst Mut zur Sprache gegen die aufgeblasenen Breiverderber_innen aus der Röhre? Schließlich ist das Phänomen des spektakulären Genuss-Essens als Ausdruck besonderer Kultiviertheit, besonderen Bewusstsein oder eines besonderen Vital-, Öko- oder Reformhaus-Lifestyles durchaus nichts Neues. Aber wie soll man etwas kritisieren, wo doch alle mitmachen? Am Ende müsste man sich da offen gegen einen vorherrschenden Trend stellen. Und was würde dann der versnobte Freundeskreis sagen? Nein nein, da müssen dann schon eher schnell Beweise auf den Tisch, die die Verantwortlichen des Kochbrimboriums der Heuchelei und der dreisten Lüge überführen. Denn heucheln darf man nicht, das weiß Burmester ganz genau. Genau deshalb gibts dann auch kein Halten mehr, wenn man all den Schuhbecks, Polettos, Hermanns usw. den Schmerz der verpassten Grillparties ins Gesicht schreien kann; wenn man sich endlich dafür rächen kann, dass der Rollmopsgeschmack angesichts der überall präsentierten besseren Alternativen über die Jahre auch so langsam schal geworden ist. Wenn einem selbst nichts mehr so recht schmecken kann, dann solls auch niemandem sonst vergönnt sein. Deshalb richtet sich die Attacke dann auch gegen den Genuss selbst, dessen Möglichkeit der entrüsteten Autorin die Butter vom Brot zu nehmen droht.

Es ist nicht nur die Verheißung des Genusses, die Silke Burmester solche Angst macht, es ist vor allem der Weg dorthin. Voraussetzung für kulinarischen Genuss ist ja nichts anderes als die Fähigkeit zu einem individuellen Geschmacksurteil. Mit der Rede vom Wein als dem „Fetisch der Bedeutungslosen“ versichert sich Burmester aber, dass sie vom Geschmack als der Wahrnehmung spezifischer Differenz (Detlef Claussen) nichts wissen will. Eben diese scheint sie, die bisher mit deutscher Hausmannskost ganz bequem und ganz konform gefahren war, schlichtweg zu überfordern. Was von ihr mit ach so viel Entrüstung bekämpft wird, ist nicht etwa das Essen als die eingebildete Kultureinverleibung derer, die es sich leisten können, sondern dass sie dieser neuen Konformität der bemühten Hobbyküche nicht entsprechen kann. Und mit ihrer Wut auf die tatsächlich oberlehrerhaften Vorträge des Unsympathen Schuhbeck beweist Silke Burmester vor allem eines: dass sie sie glaubt und sich in ihrem deutschkulinarischen Minderwertigkeitskomplex (einfach nur schlecht kochen wollen und auch noch stolz drauf sein) nun endlich gegen die verinnerlichte und um so mehr gehasste Authorität der von ihr nie zu erreichenden kulinarischen Finesse austoben kann. Wer nicht begreifen kann, dass Döner, eine Pizza, ein Burger oder frisch gebackener Leberkäs aus der Metzgerei des Vertrauens ebenso viel Genuss bedeuten können wie ein 5-Gänge Menü der Haute Cuisine und trotzig auf dem für niedriger befundenen Rollmops und dem Butterbrot beharrt, indem diese kurzerhand zur GegenKultur erhoben werden, verdient letztlich nichts anderes als das missmutige Gelöffel aus der trüben aber wenigstens gewohnten Suppe. Schließlich muss man sich ja nicht jedes „Glaubensbekenntnis“ aufs Brot schmieren lassen.

Anders aber Silke Burmester. Und wo die von ihr heimlich bewunderte allzu abstrakte Küche endlich als Produkt von durch „Gier“, „Scheinheiligkeit“ und „Prinzipienlosigkeit“ verdorbenen Heuchler_innen entlarvt wurde, soll diese im Rahmen einer „Kochbereinigung“ dann auch ganz verschwinden. So wird Alfons Schuhbeck (der nebenbei bemerkt international betrachtet ohnehin ein Niemand ist) direkt angesprochen:

Es wird eine Kochbereinigung stattfinden. Die Schaumwelle, auf der Sie in unser Leben geritten kamen, wird Sie langsam wieder hinaustragen, dorthin, wo der Pfeffer wächst.

Natürlich kann Burmesters protestantische Hetzschrift nicht enden, ohne sich dann doch nochmal schuldbewusst gegen McDonalds ausgesprochen zu haben. Schließlich will sie nicht nur kulinarisch, sondern auch politisch immer auf der richtigen Seite stehen. Letztlich ist es aber egal, ob man Schuhbeck oder FastFood, also E- oder U- Speisen schlimmer findet, solange man weiß, was man jeder geschmacklichen Reflexion entzogen wissen möchte: das Gewohnte. Dabei wird dieses nicht einmal mit dem Geschmack der Kindheit oder anderem an Erfahrung Rührendem verteidigt. Das würde ja auch teuflisch nah an den doch so verhassten Genuss heran führen. Nein, man möchte sich lieber in der Gulaschkanone suhlen, möchte lieber aus dem Trog schlürfen, man will die Bockwurst und den Batzen aus dem Eimer mit Kartoffel-Mayonnaise-Pamps, der sich unverschämterweise auch noch Salat schimpft. Hängt die, die da von mehr sprechen wollen! Daran konnten bislang weder der noch so gut gemeinte FastFood-Imperialismus der USA noch die zähen Versuche der französischen Gourmets, den Deutschen das Kochen beizubringen etwas ändern. Es bleibt vergebne Liebesmüh, denn wo Deutschland ist, da ist die Tunke.

In der Kürze….

Der Kampf für den Sozialstaat ist die Suppe, die Verteidigung der nationalen Souveränität der Pfeffer, der sie schmackhaft macht. Die richtige Dosierung zu finden, ist eine knifflige Sache in Deutschland – man darf das Ganze natürlich nicht verwürzen.

Elsässer kocht ohne Salz.

Im Kochtopf lauert schon…

…die Reaktion. Wider der Regression im Kochen:

Anmerkung zur Physiologie der Kochkunst
Die Basis oder condition sine qua non jeden Wohlgeschmacks ist das Herausschmecken einer oder mehrerer bestimmter Substanzen aus der Mischung. Die echte Mischung muß nun so komponiert sein, daß von der einen oder auch den mehreren Substanzen, die überhaupt distinkt geschmeckt werden sollen, gleichsam nur die Geschmacksgipfel über die Schwelle des Totalgeschmacks hervorragen. Dieses auf die feinste Spitze des Geschmacks beschränkte Herausschmecken suchte die französische Kochkunst durch ihr „Supreme“ zu erreichen. Die deutschen Gerichte der Gegenwart aber sind so bereitet, daß der Totalgeschmack nicht schwebend über den Geschmacksgipfeln der singularen Substanzen sich hält (wobei dann „mächtiges Überraschen“ beim Wiederfinden“ eines bekannten Geschmacks in diesem Elysium stattfindet), sondern so, daß der Totalgeschmack unterhalb der Basis der singularen Geschmackspyramiden liegt, im Brei, im Mus, in der Tunke.
(Walter Benjamin, GS IV, 922)

Einzelnen Zutaten gerecht zu werden ist beim Kochen oftmals nicht einfach, nichtsdestoweniger aber die Vorraussetzung der Versöhnung von Geschmackserfahrung und Kochvernunft, die über das Bestehende hinausweisen könnte.

Späte Würdigung

Ward jemals so Schönes über „die Nudel“ gesagt?

Wenn ja, will ich es gar nicht wissen.