Archiv der Kategorie 'Postnazismus'

Strafbedürfnis I

Der Anstand der Aufständigen
Guttenberg hat seine Dissertation gefälscht und der Bundespräsident hat einen Freunderl-Kredit aufgenommen. Folge: wochenlanges Ausschlachten der moralischen Empörung und Kommentare über Kommentare, wer was nun am schlimmsten, weniger schlimm oder doch zumindest sehr bedenklich findet. Es ist einfach unheimlich en vogue, irgendwelche Verfehlungen von Polit- oder anderer Prominenz ans Tageslicht zu zerren und sich diebisch darüber zu freuen, mal wieder eine Sau gefunden zu haben, die jetzt mit ernster und besorgter Miene durch die Dorfgemeinschaft gejagt werden kann. Dabei ist schon irgendwie auffällig, dass sich das Thema um so mehr ausbeuten lässt, je weniger konkreter Schaden auszumachen ist. Haben die Okkupist_innen und andere Wutbürger_innen zumindest noch das – wenn auch falsche – Argument parat, dass es ja „um unser aller Steuergelder“ oder eben deutsches Staats- ergo Gemeinschaftseigentum ergo Volksvermögen ginge, rückt beim öffentlichen Moralzirkus der Anstand in den Vordergrund. Niemand, ich wiederhole, niemand hat einen konkreten Schaden von einer privaten Kreditvergabe an Wulff gehabt. Niemandes Doktorarbeit wird durch eine erschlichene entwertet. Und das wird auch gar nicht behauptet. Um so größer ist aber die Aufregung und um so eifriger wird um das richtige Strafmaß gerungen. Man will Rechtfertigung, Entschuldigungen und vor allem tief empfundene Reue. Es gilt, um jeden Preis die kollektive sittliche Gesundheit zu retten, v.a. wenn es sich wie in Wulffs Fall um einen politischen Repräsentanten handelt, der doch „Vorbild“ für alle sein soll. Wenn der Stern solcher „Vorbilder“ dann aber mangels Schuldeingeständnis oder Reuebekundung unweigerlich im Sinken begriffen ist, so muss sich das Opfer zumindest gelohnt haben. Und das hat es. Es dient dem geifernden Zusammenschluss aller Rechtschaffenen von der Linkspartei bis zur NPD gegen das Schwein, dass da gegen die Sitte verstoßen hat. Das an penetranter Blödheit nicht zu überbietende öffentliche Sandkastengequängel macht die „Verfehlung“ zum unfreiwilligen Martyrium der Politprominenz für die Staatsgemeinschaft. Wenn sich der zivile Mob erstmal zusammengerottet hat, ist niemand mehr sicher. Es sei daran erinnert, dass Wulffs Vergehen nicht einmal in einer Lüge bestand, sondern in einer wahrheitsgemäßen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Weil er nicht in vorauseilendem Gehorsam in aller Breite zu seiner privaten (!) Kreditaufnahme Stellung genommen hat, sei er nun untragbar. Vielleicht wäre es ihm ein Trost, wenn er sich über seine integrative Funktion im Klaren wäre.

Bad Reichenhall

Dass in bayerischen und österreichischen Bergdörfern immer noch jährlich gespenstische Rituale der Gebirgsjäger und anderer Nazi-Veteran_innen im Verbund mit Dorfbewohner_innen, den örtlichen Pfaffen und CSU-Prominenz stattfinden ist hinlänglich bekannt. In Bad Reichenhall, der wahren Heimat der Wutbürger_innen will man nun dem Zahn der Zeit ein Schnippchen schlagen und schon jetzt Nachwuchsanwerbung für zukünftige Massaker betreiben:

Beim Tag der offenen Tür in der Bad Reichenhaller General-Konrad-Kaserne hatte die Bundeswehr als „Kinderprogramm“ das Modell einer offensichtlich durch Krieg zerstörten Stadt aufgebaut. Ruinen und kleine Brandherde bestimmten die Szenerie. Zwei Bundeswehrsoldaten ließen unter einem Tarnnetz Kinder mit Waffennachbauten auf die Miniaturstadt schießen. Die Bundeswehr hatte ein Miniatur-Ortsschild für diese Stadt gebastelt: „Klein-Mitrovica“. […]Mitrovica war 1999 Schauplatz eines antiziganistischen Pogroms bei dem das gesamte Roma-Viertel des Ortes geplündert und zerstört wurde, ca. 2500 Häuser wurden dabei zerstört, 8000 Einwohner_innen vertrieben. Im Jahr 2004 fanden antiserbische Pogrome ihren Ausgang in Mitrovica, auch dabei wurden viele Häuser zerstört, viele Menschen wurden vertrieben und im gesamten Kosovo mehrere Dutzend Menschen getötet, alles übrigens in Anwesenheit der KFOR Truppen, zu denen auch die in Bad Reichenhall und anderen bayrischen Standorten, z.B. in Mittenwald, stationierten Gebirgsjäger gehörten. Doch wer glaubt, dass dies die einzigen zynischen Anspielungen gewesen sein die_der irrt: Mitrovica war während der Besatzung Jugoslawiens durch Truppen des nationalsozialistischen Deutschlands und der italienischen Faschist_innen ab April 1943 Stützpunkt der 1.Gebirgs-Division der Wehrmacht, zu der auch Bad Reichenhaller Gebirgsjäger gehörten. Ihr vorrangiges Ziel war die Bekämpfung antifaschistischer Partisan_innen.
(RABATZ-Bündnis)

Unnötig zu erwähnen, dass die genannte Kaserne nach dem SS-General benannt ist, der das Pfingsttreffen der Gebirgsjäger in den 60er Jahren begründete.

Fundstücke I

Das Baden hat eine jahrtausende alte Geschichte. In Ägypten wurde gebadet, wie man nicht nur aus der kulturalistisch-rassistischen und dennoch als Kindheitserinnerung liebgewonnenen Kleopatra-Bade-Szene aus Asterix weiß. Auch in den minoischen Palastanlagen auf Kreta finden sich Wasserleitungssysteme und private Baderäume, die schon ca. 2500 v.Chr. zum relaxten Versinken im warmen Badewasser Anlass gaben. Trotz platonischer und spartanischer Kritik (Warmduscher und so) gab es um 400 v. Chr. in vielen griechischen Städten öffentliche Bäder, die sich später durch die Siedlungen auf dem italienischen Festland in Rom und dann im gesamten römischen Imperium verbreiteten. Nach einer dreckigen und ungewaschenen Phase des europäischen Mittelalters wurden die Bäder bei den Kreuzzügen wiederentdeckt und auch in Europa entstanden wieder Badestuben. Die neuzeitliche Entwicklung war von öffentlichen Seebädern, Kurbädern und allerlei anderem therapeutischem Baden geprägt, die der mit der Aufklärung wiederentdeckten Hygiene Rechnung zu tragen versuchten. Ging es bis dahin noch um Luxus, Hygiene und Gesundheit, so gewannen die Bäder mit der Industrialisierung auch als Beitrag zur Reproduktion der Arbeitskraft an Bedeutung und so eröffnete 1842 die erste öffentliche Wasch- und Badeanstalt für Arbeiter_innen in Liverpool. Etwa 12 Jahre später wurde die Idee in Deutschland aufgenommen und führte in mehreren Städten zur Eröffnung der völkischen Varianten des Arbeiter_innen-Bades, der Volksbäder. Noch vor 1900 wurden viele deutsche Volks-, See- und Kurbäder zu antisemitischen Experimentierfeldern. Hier wurde schon früh mit dem Bestreben geworben, das Wasser „judenrein“ zu halten:

„An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier. Wir halten rein den Ehrenschild Germania für und für! Doch wer dir naht mit platten Füßen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand genießen, der muß hinaus, der muß hinaus!“ (Borkumlied um 1897)

Im Nationalsozialismus war das Baden und Schwimmen fester Bestandteil des Kraft durch Freude Programms.
Dass das Baden in Deutschland bis heute wenig von seiner volksgemeinschaftlichen Konnotation abgelegt hat, dokumentiert die Broschüre „Winterbaden 2009″ der Bäder-Betriebe-Frankfurt, kurz BBF. Deren Geschäftsführer Otto Junk wendet sich in einem verzweifelt wirkenden Aufruf (man beachte das Photo) an die Öffentlichkeit (oder vielleicht auch nur an die Finanzstelle des städtischen Ressorts für öffentliche Infrastruktur), um einmal in Erinnerung zu rufen, wie wichtig das Baden eigentlich ist:

Zur Allgemeinbildung gehört es unbestritten, schwimmen zu können, und in den hessischen Schulen ist der Schwimmsport aus gutem Grund im Lehrplan des Schulunterrichtes fest verankert. Der BäderBetriebe Frankfurt GmbH (BBF) kommt als öffentlichem Badbetreiber zuvorderst die Pflicht zu, für ein angemessenes Schwimmstättenangebot in Frankfurt Sorge zu tragen. Mit unseren Bädern sind wir nicht zuletzt Anbieter so genannter meritorischer Güter. Wir halten also Angebote vor, die neben dem privaten Nutzen auch gesellschaftliche Nutzwerte aufzuweisen haben.

So weit, so fragwürdig. Nun wird erklärt, worin den nun der gesellschaftliche Nutzwert des Badens, und auf den scheint es Otto Junk ja anzukommen, bestünde:

Beispiel: Wer schwimmt, hält sich körperlich fit und dürfte leistungsfähiger und produktiver sein. Die Gemeinschaft erhält den Nutzen, dass geringere Kosten bei der Kranken- und gegebenenfalls bei Renten- und Arbeitslosenversicherung anfallen. Bäderbetriebe sind und bleiben somit ganz besonders geartete Wirtschaftsbetriebe, die auf dem schmalen Grat zwischen wirtschaftlicher Optimierung einerseits und der Erfüllung von Daseinsvorsorgeaufgaben andererseits ihren ganz spezifischen „Königsweg“ finden müssen. Jeder einzelne unserer werten Gäste hilft uns mit seinem persönlichen Beitrag, diesen Grat ein Stück breiter zu gestalten. Hierfür ist unseren Kunden zu danken.

Ist es nicht schön zu wissen, dass es jemanden gibt, der sich um die „Erfüllung von Daseinsvorsorgeaufgaben“ kümmert und dem die Gesundheit des Volkskörpers ein Anliegen ist? Danke an Jotto Junk, der aus aktuellem Anlass vor allem eines in Erinnerung ruft: Never trust the krauts!

Zynisches Schauspiel

Die da reden von Vergessen,
die da reden von Verzeihen,
denen schlage man die Fressen
mit schweren Eisenhämmern ein.

schrie Bertold Brecht einmal gegen die deutsche Nachkriegsgesellschaft an.
Mittlerweile wird außerhalb offizieller Trauer- und Erinnerungsfeiern nicht einmal mehr über Vergessen und Verzeihen geredet. Vielmehr ist es so als hätte sich Vergessen selbst längst überholt und sich tief in die nachkriegsdeutsche Gesellschaft eingeschrieben, so dass es sich nicht einmal mehr als Begriff, Aufforderung oder Frage fassen ließe.

Vom 31. 08 bis 02. 09 fand auf dem ehemaligen Gelände der IG Farben, heute der neue Campus der Uni Frankfurt, eine Tagung der Gesellschaft deutscher Chemiker statt. Im Hörsaalzentrum wurden u.a. Messe-Stände von Bayer und BASF aufgestellt, die neben dem Unternehmen Chemie Höchst, als indirekte Nachfolgefirmen der IG Farben anzusehen sind. An der Tatsache, dass sich an dem Ort an dem die deutsche Kriegswirtschaft bis 1945 koordiniert und das betriebseigene Konzentrationslager Buna/Monowitz geplant und verwaltet wurde, 2009 die Nachfolgefirmen ausstellen dürfen, schien sich bei der Tagung niemand zu stören. Ebensowenig an der Tagung der GdCh selbst. Die GdCh verleiht bis heute den Carl Duisberg Preis, mit dem sie an den Aufsichtsratsvorsitzenden der IG-Farben von 1925 bis 1935 erinnern und die „enge Verbundenheit des Industriechemikers Carl Duisberg mit der chemischen Forschung und Lehre zum Ausdruck bringen“ möchte. Hinweise darauf, dass Duisberg als Vorsitzender des Reichsverband für deutsche Industrie sowohl den antisemitischen, nationalistischen alldeutschen Verband unterstützte, als auch Mitglied der Akademie für deutsches Recht und überzeugter Nationalsozialist war, fehlen auf der Web-Präsenz der GdCh.
Dass von der Universitätsleitung keine besondere Sensibilität zu erwarten ist, haben die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen mit der Initiative der Studierenden im IG-Farben Haus längst gezeigt. Die Erinnerungspolitik der GdCh lies sich hingegen an den eigens produzierten T-Shirts für die Tagungshelfer_innen recht deutlich ablesen: „Chemiker haben für alles eine Lösung“.

Wie Könige, nur tüchtiger

Man könnte meinen, die deutsche TV- und Kinolandschaft hätte nach gefühlten 50 geschichtsrevisionistischen TV-Dramen, Sagas oder Spielfilm-Events endlich mal genug davon, sich immer wieder neuen Mist aus Knopps Archiv und Omas Erzählungen zusammen zu schustern. Nach „Dresden“, „Die Flucht“, „Die Wilhelm Gustloff“ und den Kino-Highlights „Der Untergang“, „Napola-Elite für den Führer“ und „Der rote Baron“ wissen die Deutschen doch längst, dass sie am meisten unter jener „europäischen Katastrophe“ gelitten haben, die 1933 so unvermittelt über sie hereinbrach. Scheinbar aber hat es sich das ZDF zum Ziel gesetzt, das bundesdeutsche Publikum so lange mit revisionistischen Historiendramen zu zuscheißen bis es auch der/die Letzte kapiert hat. Das legt zumindest das neue 11,4 Millionen-Projekt nahe, das am Sonntag im ZDF starten wird. Wie so oft in den oben angeführten Filmen handelt es sich um ein Familien-Melodram. Und welche Familie eignete sich besser als die Krupps, um ein emotionales Geflecht aus Generationenkonflikt, Etikette und Beziehungskonflikte inmitten von, nennen wir es, äußeren Umständen zu platzieren, mit denen sich die Familie eben zu arrangieren hatte. Ein kleiner Vorgeschmack:

„Krupp“ operiert von der ersten Minute an als Soap-trainiertes TV-Schlachtschiff. Liebesglück des Sohnes – von der Zicke Bertha abgewürgt. Homosexualität – als Schicksalsschlag bemitleidet, aber voyeuristisch ausgeschlachtet. Schuldhafte Verstrickung (Alfried Krupp wurde in Nürnberg wegen „Plünderung und Förderung von Sklavenarbeit“ zu zwölf Jahren verurteilt) – ehrerbietig ausgeblendet.
Christian Schnalke lässt in seinem Drehbuch Schuld und Sühne auf Kleinformat schrumpfen. Die Krupp-Saga, eigentlich eine ziemlich schnöde und moralfreie Geschichte über den Aufstieg eines mittelständischen Betriebs zur Waffenschmiede der Nation, liest sich bei ihm wie das Psychogramm des Denver-Clans.
Was will die Fernsehmär sagen? Die Mutter ist es gewesen, nicht die Politik, nicht die Ökonomie. Die Geschichte ist Familiengeschichte, lautet diese fernsehgerechte Haltung. Irgendwie werden dann alle Täter auch Opfer, fordern Mitleid und Bewunderung und Verständnis. [….] Die Familienmitglieder verkehren im hohen Staatston miteinander. „Deine Haut ist Krupp“, mahnt Mutter Bertha ihren Sohn, und: „Werde, was du bist.“ Schnell nervt die gewählte Sprache in der Essener Villa Hügel, das aristokratische Gewese der hochherrschaftlichen Kapitalisten. Geldverdienen wird da zum verschämten Tun, Gier ist schlicht unvornehm. Die TV-Krupps folgen der Devise: Edel sei der Mensch, reich und gut. Das belegen sehr kurze Szenen. Einem versehrten Arbeiter wird ein eiserner Rollstuhl gewährt. Novemberrevolutionäre von 1918 lassen die Krupp-Kapitalisten passieren. Arbeiter stehen Spalier, als der Leichnam des Prinzipals durchs Werk gezogen wird. Brave Kruppianer: Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. (Spiegel)

Wie bereits zur enorm erfolgreichen Histotainment-Serie „Die Deutschen“ hält das ZDF auch zu „Die Krupps- eine deutsche Familie“ ein extra Angebot in seiner Mediathek bereit:

Sie waren „wie Könige, nur tüchtiger“: die Krupps. Streifen sie durch die prunkvollen Räume der virtuellen Villa Hügel, sehen sie exclusives Material zum Film.

Warum die Krupps Vorreiter für eine rote Zukunft waren, erfährt man im Clip „Der Stolz der Krupps“, der über den Click auf Villa Hügel und die Auswahl Hausmädchen Anna aufgerufen werden kann. Worauf die Krupps sonst noch so stolz waren, erklärt Gustav Krupp von Bohlen und Halbach in einer Rede:

„Es ist das große Verdienst der gesamten deutschen Wehrwirtschaft, daß sie in diesen schlimmen Jahren nicht untätig gewesen ist, mochte auch aus einleuchtenden Gründen ihre Tätigkeit dem Lichte der Öffentlichkeit entzogen sein. In jahrelanger stiller Arbeit wurden die wissenschaftlichen und sachlichen Voraussetzungen geschaffen, um zu gegebener Stunde ohne Zeit- und Erfahrungsverlust wieder zur Arbeit für die deutsche Wehrmacht bereitzustehen … Nur durch diese verschwiegene Tätigkeit deutschen Unternehmertums … konnte nach 1933 unmittelbar der Anschluß an die neuen Aufgaben der Wiederwehrhaftmachung erreicht, konnten dann auch die ganz neuen vielfältigen Probleme gemeistert werden.“ (IMT, Bd. I, S. 203 f.)

Krupp von Bohlen und Halbach, der am Geheimtreffen deutscher Industrieller und Adolf Hitler am 20.02.1933 und somit an der Millionenspende für den NSDAP-Wahlkampf beteiligt war, wurde noch im selben Jahr Kuratioriumsvorsitzender der „Adolf Hitler Spende der deutschen Wirtschaft“und 1937 Wehrwirtschaftsführer. 1940 erhielt er das goldene Parteiabzeichen der NSDAP. Zwischen 1940 und 1945 hatte der Krupp Konzern ca. 100.000 Zwangsarbeiter_innen und KZ-Häftlinge angefordert. Im Nürnberger Prozess konstatiert Hauptankläger Jackson:

Vor der Bedrohung des Friedens durch die Nazis arbeiteten die Krupp-Werke mit erheblichen Verlusten. Mit der Wiederaufrüstung durch die Nazis stiegen aber die Netto-Gewinne nach Abzug der Steuern, Geschenke und Reserven ständig an: 1935 – 57 216 392 RM, 1938 – 97 071 632, 1941 – 111 555 216 RM; Der Buchwert des Krupp-Konzerns stieg vom 1. Oktober 1933 von 75 962 000 RM auf 237 316 093 RM (Heydecker/Leeb, Der Nürnberger Prozess, 1979, S.106)

Is this what democracy looks like?

Das BVG hat dem Eilantrag gegen das neue bayerische Versammlungsrecht teilweise stattgegeben. Mit dem „Militanzverbot“, den Auflagen für die Versammlungsleitung und den Anmeldebedingungen wurden die umstrittendsten Paragraphen gekippt. In einer Pressemitteilung heißt es:

[…] So besteht für den Veranstalter die Pflicht zur Angabe von Ort, Zeit, Thema sowie Namen des Veranstalters bei einer Einladung für jede öffentliche Versammlung ab zwei Personen, unabhängig davon, ob sie klein oder groß ist, im Freien oder in geschlossenen Räumen stattfindet, spontan oder geplant abgehalten wird. Auch wenn die erforderlichen Angaben für sich gesehen einfach sind, kann die Frage, was als Einladung zu qualifizieren ist, welche Genauigkeit erforderlich ist oder wie die Angaben bei zeitgemäßen Formen der elektronischen Kommunikation – wie SMS – zu gewährleisten sind, ernsthaft fraglich sein. Nicht ohne nähere Kenntnis zu beantworten kann auch die Frage sein, wann Angaben zu den differenzierten Anzeigepflichten für Versammlungen im Freien vollständig sind oder wann unverzüglich mitzuteilende Änderungen rechtzeitig übermittelt werden. Erst recht sind die Pflichten des Versammlungsleiters zur Verhinderung von Gewalttätigkeiten konkretisierungsbedürftig. Was „geeignete Maßnahmen“ sind, um „Gewalttätigkeiten“ „aus der Versammlung heraus“ zu „verhindern“, und wann eine Versammlung mangels Durchsetzungsfähigkeit aufzulösen ist, ist von schwierigen Bewertungen in oftmals unübersichtlichen Situationen abhängig. Nichts anderes gilt für die an den einzelnen Teilnehmer adressierte Pflicht, an Versammlungen nicht in einer Art und Weise teilzunehmen, die dazu beiträgt, dass die Versammlung ein bestimmtes
Erscheinungsbild mit einschüchternder Wirkung erhält. Mit den Bußgeldvorschriften verbindet sich so das schwer kalkulierbare Risiko einer persönlichen Sanktion, die bei den Bürgern zu Einschüchterungseffekten führen und die Inanspruchnahme des Grundrechts der Versammlungsfreiheit beeinträchtigen kann.[…]

Obwohl sich das BVG der Problematik sogenannter „Übersichtsaufnahmen“ durch polizeiliche Kameras offenbar bewusst war, werden diese nicht grundsätzlich als verfassungswidrig angesehen. Sie sollen zukünftig nicht mehr generell zulässig sein, sondern nur, wenn eine Versammlung tatsächlich „unübersichtlich“ wird oder von Anfang an ein begründeter Verdacht besteht, dass die Versammlung einen gewalttätigen Verlauf nimmt.
Auch wenn es sich bei der verkündeten Entscheidung noch nicht um die Hauptsache, sondern um einen Eilantrag handelt, ist ein Erfolg der Verfassungsbeschwerde abzusehen. Grund genug für Heribert Prantl den „Sieg für die Demokratie“ zu verkünden. Er macht es sich damit ziemlich einfach. Selbstverständlich ist die Blockierung eines willkürlich repressiven Gesetzes erst einmal zu begrüßen. Ebenso ist es erfreulich, wenn die allgegenwärtige Rechtsfortbildung, die -entgegen der Positivismus-Legende- eine der Vorraussetzungen für die Umsetzung des NS-Rechts war, angemahnt wird. Lächerlich ist es hingegen, wenn angenommen wird, das BVG stelle eine Art neutrale Anwältin der Demokratie dar, die fern jeder subjektiver Auslegung über die Verfassungskonformität einzelner Gesetze entscheide. Das Problem der BVG-Urteile besteht im Gegenteil genau darin, dass sie auf einen recht verwaschenen Begriff eines Grundsinns der Gesamtheit aller geschriebenen Gesetze zurückgreifen und somit letztlich ein überpositives Recht bilden, dass sich jeglicher demokratischer Einflussnahme entzieht. Dieses überpositive Recht schwebt aber nicht inhaltslos im Raum, sondern wird je nach Besetzung der BVG-Senate ja selbst interpretiert und fortgebildet. Hat man Einigung über die verschiedenen Gewichtungen einzelner Gesetze erlangt, reicht das um eine inhaltliche Instanz, die FDGO zu postulieren.

Ob es um Studiengebühren, Online-Durchsuchung oder das Versammlungsrecht geht: Hoffnung in das BVG zu setzen und sich über Teilerfolge zu freuen ist zwar verständlich. Dabei muss aber mitgedacht werden, wie die Urteile zu Stande kommen. Und da ist es schlichtweg fatal, sich einerseits auf überpositives Recht zu berufen und dann zu jammern, wenn (wie im Falle der Studiengebühren in Hessen) das darauf gegründete Urteil nicht dem eigenen Empfinden von Gerechtigkeit entspricht. Aber je mehr die legislative Politik mit Maßnahmen der Überwachung und Repression dem BVG die Türen einrennt, desto mehr erscheint diese Institution als Bollwerk der Demokratie, selbst wenn die Urteile -wie z.B. zum BKA Gesetz oder zur Online Durchsuchung- lediglich Anhaltspunkte zur Gesetzeskorrektur und erneuter Einbringung bieten, statt die Gesetze in ihrer Gänze abzulehnen. Die Widersprüchlichkeit der rechtsstaatlichen Institutionen könnte Ausgangspunkt sein, um sich gezielt überlegen zu können, wann es sich lohnt, sich auf die juridische Form von Kämpfen einzulassen und wann nicht. Ein diffuser Umgang mit dem BVG als verfassungsrechtliche Überraschungsbox, die mal angenehme, mal blöde Urteile ausspuckt reproduziert letztlich die mediale Anrufung der Verfassungsdemokratie.

Interessant dürfte sich nun das weitere Vorgehen der Landesregierungen gestalten, die auch ein eigenes Versammlungsrecht geplant hatten. Mehr dazu auf:
Blog zum Versammlungsrecht

Gut, dass mal jemand was unternimmt

Unsere früheren Feinde sind enge Freunde geworden.

So beginnt der Antragsentwurf aller Parteien des deutschen Bundestags zum Thema Antisemitismus, den Liza vorab veröffentlicht hat. Sofort ist klar, wer hier spricht: überraschend nahtlos scheint sich die parlamentarische Politik in der Linie der NS-TäterInnen wiederzufinden.
Es kommt noch besser, das Opfervolk kann die vom Antisemitismus Verfolgten bestens verstehen, schließlich

weiß niemand besser als die Deutschen, wie gefährlich und schädlich Antisemitismus ist: Die nationalsozialistische Judenvernichtung beraubte die Deutschen eines wesentlichen Teils ihrer Kultur und machte sie so zu den eigentlichen Leidtragenden. Diese Erfahrung schmerzt noch heute.

Wer jetzt glaubt, die Verhöhnung der Opfer der Shoa müsse nun ihren Höhepunkt erreicht haben, irrt:

Wir wissen aus eigener Erfahrung wie kein anderes Volk, was Unrecht ist, und stehen deshalb in der Pflicht, neues Unrecht zu verhindern. Krieg, Vertreibung und Besatzung können und dürfen keine Mittel der Politik sein. Die deutsche Außenpolitik unternimmt daher alles Erdenkliche, um die Sicherheit des jüdischen Staates zu garantieren – eine Sicherheit, die nicht zuletzt durch die fortdauernde israelische Besatzungspolitik gefährdet wird.

Die Sicherheit vor antisemitischen Angriffen kann also nur unter der Bevormundung der „eigentlich Leidtragenden“ garantiert werden, würde man nur auf sie hören. Statt dessen werden die Sicherheitsbemühungen der Bundesrepublik fortwährend von Israel untergraben, das sich tatsächlich einer eigenen Verteidigungspolitik erdreistet.
Wie sehr dem Opfervolk die Sicherheit Israels am Herzen liegt, wird im folgenden Abschnitt deutlich:

Wir halten es jedoch bei aller Notwendigkeit einer deutlichen Kritik an solchen antisemitischen Ausfällen für gefährlich, den Iran zu isolieren oder in eine fundamentalistische Ecke zu drängen. Gewalt ist erst recht keine Option. Wer die Entwicklung in der Islamischen Republik beeinflussen will, darf die traditionell gute wirtschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit nicht gefährden. Diese Zusammenarbeit im Rahmen des kritischen Dialogs ist ein Wesenskern der deutschen Außenpolitik. Deshalb werden wir uns von niemandem in die Falle einseitiger Sanktionen locken oder uns gar zu militärischen Drohungen verleiten lassen. Das ist unzweifelhaft auch im Interesse Israels, selbst wenn man dies dort anders beurteilt.
[…]So sehr wir parteiübergreifend den Antisemitismus und die Leugnung des Holocausts durch die Machthaber im Iran kritisieren, so sehr waren und sind sich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages darin einig, dass eine Einschränkung der diplomatischen Beziehungen zum Iran, das Unterbinden der Hermes-Exportförderung oder eine Aussetzung der bilateralen Wirtschaftsförderung durch die Deutsch-Iranische Industrie- und Handelskammer nicht in Frage kommt.

Die Deutschen wissen also wieder einmal besser, was im Interesse Israel steht. Nach all dem gequirlten Mist hat man fast den Eindruck, Israel sollte einen Staatsbeauftragten zur Bekämpfung von Antisemitismus einrichten, um auf die israelische Außenpolitik einzuwirken.
Aber….was ist denn das eigentlich – Antisemitismus? Naja, das beantwortet der Antrag nicht, aber die Parteien sind sich ganz sicher, was kein Antisemitismus sein kann:

Aus alledem folgt die innen- wie außenpolitische Notwendigkeit, die Stelle eines Bundesbeauftragten für die Bekämpfung des Antisemitismus einzurichten, der in einem ersten Schritt eine tragfähige Definition des Antisemitismus erarbeiten soll. Ausschlusskriterien müssen dabei jedoch sowohl die in der deutschen Bevölkerung dominierende Verurteilung der israelischen Politik als auch – insbesondere mit Rücksicht auf kulturell bedingte Eigenheiten – die teilweise plakative, jedoch nachvollziehbare Ablehnung des jüdischen Staates durch Zuwanderer aus islamischen Staaten sein.

Jetzt ist der Vogel endgültig abgeschossen. Nicht nur die alte AntisemitInnen-Leier der „Kritik an Israels Politik“, sondern auch die „nachvollziehbare Ablehnung des jüdischen Staates“ durch „kulturell bedingte Eigenheiten“ von Moslems werden vom Antisemismus frei gesprochen.
Bei so viel antisemitischem Mist ist das große Hick-Hack der Koalition um die Unterstützung des Antrags durch die Linkspartei schon fast peinlich. Trotzdem haben sich Union und SPD zu einem eigenen Entwurf druchgerungen, der die Linkspartei explizit ausschließen soll.

Gut, dass mal jemand was unternimmt.

Deutsche Fiktionen

Nach jahrelanger Knoppscher Betätigung ist die Aufarbeitungsweltmeisterschaft nun scheinbar endlich gewonnen und es kann sich wieder Wichtigerem zugewandt werden. Und was könnte wichtiger sein, als der Weltmeister selbst, seine Geschichte, „seine Wurzeln“. Nicht mehr mythisch germanisch, sondern wahrhaft historisch will das ZDF mit seiner 10teiligen Dokureihe „Die Deutschen“ nun klären, „wie wir wurden, was wir sind“. Die „Geburtsstunde der Deutschen“ markiert in der ersten Sendung die Krönung König Ottos I. im Jahr 955.

Die vier Ur-Stämme auf deutschem Boden empfanden sich wohl erstmals im Jahre 955 als eine Schicksalsgemeinschaft: hervorgerufen durch einen aggressiven Feind von außen. Die Ungarn waren immer wieder zu räuberischen Streifzügen in das ostfränkische Reich Ottos I. eingedrungen. In der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg stellten sich Aufgebote der „deutschen“ Stämme den Angreifern entgegen und besiegten sie. Dieses Erlebnis einte, stärkte den Monarchen, schuf so etwas wie gemeinsame Identität.

Die Ankündigungstexte lassen Schlimmes vermuten. Die 45minütigen Episoden, die allesamt um einzelne Deutschmänner von Heinrich dem IV., über den flammenden Antisemiten und Frauenhasser Martin Luther und den „Volkshelden“ Wallenstein bis zum verbohrten Tatterkaiser und Imperialisten vom Dienst Wilhelm II. kreisen, werden mit Spielfilmszenen veranschaulicht, so dass die ZuschauerInnen mit möglichst viel Emotionen die „Geschichte ihrer Nation“ verfolgen können. Das ZDF nennt das Ganze dann:

Ein Jahrtausend deutscher Geschichte in szenischer Rekonstruktion

und erschafft damit endlich das ersehnte 1000jährige Reich. Selbst an die jungen Deutschen hat das ZDF gedacht und bietet eine multimediale Animation und Mitmachaktion für Schüler“ zur Serie.
In einer aller Beschreibung spottenden Konstruktion einer einzigen großen Geschichte, die sich – mit Ausnahme eines Mönchs und eines bürgerlichen „Nationalrevolutionärs“– von einem Monarchen zum anderen hangelt und in der Weimarer Republik stehen bleibt, wird die deutsche Nation als 1000jähriges Etappenwerk tragischer Gestalten, nationalen Pathos und Herrschaft erschaffen. Dabei wird die im Vorwort immer wieder scheinheilig anklingende Frage, „Wer sind die Deutschen“, „Was ist ihre Identität?“, gleich in der ersten Sendung beantwortet. Eine „Schicksalsgemeinschaft“ von „vier Ur-Stämmen“ auf „deutschem Boden“. Histotainment ole!

Normalitätseuphorie (?)

Bald ist es soweit. Die Fußball-EM 08 steht vor der Tür und schon tauchen im Kopf wieder die Bilder aus dem Trauma-Sommer 06 auf, in dem man sich immer noch durch die fahnenübersähten Straßen und Plätze taumeln sieht, gefangen zwischen Selbstbeherrschung, Brechreiz und bisweilen tiefer Angst vor dem, was sich hinter dem weltoffenen, freudestrahlenden Schwarz-Rot-Geil-Kollektiv wohl noch so verbergen mochte. Nun steht drohend die EM 08 in der Schweiz und Österreich an. Grund genug, sich auf eine gehörige Überdosis Nation in Sport und Popkultur einzustellen. Dazu folgender Veranstaltungshinweis:Normalitätseuphorie-Tagung zur Kritik des Nationalismus in Sport und Popkultur .Bereits der Titel lädt zum Diskutieren ein. Ist der kollektive, emotionale Nationalismus, der den Deutschen so viel Spaß macht denn überhaupt Normalität? Wieso ist die Billigbiermarke 0,5 dann gerade jetzt – kurz vor der EM- in Schwarz-Rot-Gold zu bewundern und nicht schon immer? Wieso sind die Autofähnchen abgenommen und bestenfalls wieder mit dem Fuchsschwanz ersetzt worden? Eine mögliche Antwort gibt Lars Quadfasel im Buch Deutschlandwunder. Die vielbeschworene „Einheit“ der Fußballspieler, der Fans, der Musik im Meer der inhaltslosen, aber gemeinsamenen Emotionen beschreibt er in „Ein Traum von Postfaschismus“ als die „Einheit im Verfall“. Er hebt dabei die Punktualität des „Wir“ im Sommer 06 hervor, die nach seiner Annahme sämtliche Versuche der Bild-Zeitung, die Deutschen in plumper Manier zum nationalen Weitermachen zu animieren, im Sande verlaufen lies. Denn diese zogen einfach ihre Trikots aus und hatten vom Nationalismus Pause:

Ihren Urlaub verbringen sie nach wie vor lieber dort, wo es warm, als im Harz, wo es nass, kalt und heimelig ist; im Herbst feiern sie auch weiterhin Halloween statt Heldengedenktag; und als der Ausnahmezustand vorüber war, wurden auch wieder die Nachbarn wegen verbotenen Grillens angezeigt. Kein noch so verdrehtes Gefühl von Zusammengehörigkeit, kein geteilter Drang zu Beethoven, Mittelgebirge oder Ehrenamt schweißt das Kollektiv libidinös zusammen- sondern ein, im kritischen Wortsinne, spektakuläres Erlebnis […]

Ich halte es für eine spannende These, dass sich der Nationalismus im Rahmen eines spektakulären Erlebnis v.a. deshalb so weit entfaltet, weil er -im Bewusstsein der Feiernden- so „unpolitisch“ ist:

Die Fan-Volksgemeinschaft steht mit ihrer schwarz-rot-gold ausstaffierten Corporate Identity, in gewissem sinne wirklich jenseits jedes bestimmten, eingrenzbaren Inhalts- und dadurch erst allen offen […] Vielleicht lautet genau so der letzte denkbare Imperativ eines Patriotismus nach Auschwitz – nicht: liebe deine Nation (denn Liebe fordert Eingedenken); sondern, in libidinöser Unmittelbarkeit: Genieße die Nation. die Volksgemeinschaft, deren ökonomische Bindungskräfte schwinden, reorganisiert sich als Wohlfühlgemeinschaft.

Es bleibt die Frage, ob die Hervorhebung des libidinösen Charakters, der sicherlich gerade für die Breite dieser Wohlfühlgemeinschaft ein entscheidender Faktor war, nicht den gerichteten Nationalismus vernachlässigt. Ist eine solche Trennung überhaupt möglich? Waren es nicht die selben, die sich zum Halbfinaleinzug noch friedlich feiernd in den Armen lagen und kurz nach der Niederlage zu Angriffen auf Eisdielen, Pizzerias und Menschen mit blauen Trikots übergingen, nicht die selben, die ihre Kreativität mit Fanchoreographien und dreifarbigen Schminkexzessen im Stadion präsentierten und es kurz darauf mit rassistischen Fangesängen a la „Pizzalieferant“ zum Schwingen brachten? Ist es v.a die Abgrenzung und Feindschaft zum Außen, die aus jedeR „unpolitischen“ Freuden-WohlfühlpatriotIn eine ressentimentgeladene NationalistIN macht, oder ist diese Trennung ohnehin belanglos? Fragen über Fragen, die hoffentlich auf der Tagung einige Antworten finden.

Der permanente Ausnahmezustand

Einer noch nicht abgeschlossenen, aber bereits veröffentlichten Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge stimmt jede/r dritte Jugendliche der Aussage, es gäbe zu viele Ausländer in Deutschland „voll und ganz“ zu. Ein weiteres Drittel stimme der Aussage „eher“ zu. Empfehlung !!Woher stammen die Ressentiments in den Köpfen der befragten SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe? Dummheit? Nazieltern? Oder in früheren Jahren vielleicht einfach zu viel TKKG gelesen? Dazu einige Auszüge aus dem Buch Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur der Gruppe Kittkritik: Im Kapitel Mit Judo gegen Wodka-Bruno, Miethai Zinse und Dr. Mubase – TKKG, ein postnazistischer Jugendkrimi (Jean Philipp Baeck, Volker Beeck), das für mich eines der Highlights des durch und durch lesenswerten Buches darstellt, wird das omnipräsente Motiv der Selbstjustiz an Kriminellen, die meist durch ihren Namen oder ihre Erscheinung – eine Zigarette in der Hand oder „etwas Böses im Blick“ – in den instinktiven Verdacht der Jugendbande geraten, etwas näher betrachtet. Zunächst wird auf den immer gleichen Plot der Verdächtigung, des beobachteten Verbrechens und der – nach Überführung unter Mithilfe von Kommissar Glockner – folgenden Bestrafung hingewiesen. Dabei wird deutlich, dass es in TKKG nie wirklich um die Spannung eines zu lösenden Falles, die Ermittlung der möglichen Täter oder gar detektivische Auffassungsgabe geht, sondern um die Bestätigung des Vorurteils und das Schema der Bestrafung des Bösen:

Wolf geht es nicht um >Detektion< (vgl. Seeßlen 1998), sondern um Satisfaktion: [...] So ist Stefan Wolfs Inszenierung einer vom Bösen gebeutelten Welt, in der das Volk nur durch ständige Verdächtigung und gewaltsame Inquisition geschützt werden kann, keine Reflexion, sondern deren verlängerter Arm. Bei TKKG werden keine Geschichten erzählt, sondern Exempel statuiert, und genau dies macht ihren Reiz aus. Befriedigend an ihnen ist, dass hier stellvertretend die eigenen Vernichtungsphantasien ausgelebt werden, durch die Person des omnipotenten Tim, an dessen Rachefeldzügen die HörerInnen ebenso genüsslich teilhaben können wie seine Gefolgschaft Karl, Klößchen und Gaby, fehlt es ihnen doch nie an einem voyeuristischen Kommentar, wenn Tim die Banditen aufs Kreuz gelegt hat und ihnen noch einmal absichtlich Schmerzen zufügt. (S.74)


Dass in Kriminalgeschichten nicht so sehr die Auflösung des Falles von Bedeutung ist, sondern der Weg dorthin, der die RezipientInnen mit vertrauten Identitäten und Schemata befriedigt, stellte auch schon Umberto Eco in seinem Buch Apokalyptiker und Integrierte- Zur kritischen Kritik der Massenkultur fest:

es geht nicht darum zu entdecken, wer ein Verbrechen begangen hat, sondern darum, gewisse >topische< Gesten von >topischen< Personen zu verfolgen, an denen wir mittlerweile die feststehenden Verhaltensweisen lieben (Eco 1984, S. 212) (z.B. dass der gute Tarzan den Bösewichten mal so ordentlich eins auf die Mütze gibt). Diesen Hunger nach Redundanz erklärt Eco dann mit dem gesellschaftlichen Wandel seit dem 19. Jh. Damals sei die Leserschaft in einer Gesellschaft der Tradition, Normen, Moralprinzipien und somit in einem Ensemble vorraussehbarer Mitteilungen, die das soziale System an seine Mitglieder richtete und die gewährleisteten, dass das Leben ohne abrupte Zäsuren, ohne Umsturz der Wertetafeln vonstatten ging. (ebd.) eingeschlossen gewesen, so dass die informationsbezogenen, auf Handlungsumschwünge bedachten Fortsetzungsromane besonders rezipiert wurden. In der modernen Industriegesellschaft dagegen bündeln sich die Ablösung der Parameter, der Zerfall der Überlieferungen, die gesellschaftliche Mobilität, der Verschleiß der kulturellen Muster und der moralischen Grundsätze zu einem Informationsaufgebot, dass ständig Neuanpassung der Sensibilität, raschen Wandel der psychologischen annahmen und gravierende Umorientierungen der Intelligenz erheischt. unter diesen Verhältnissen erscheint die Redundanzliteratur als ein milder Anreiz zum Ausruhen […] (ebd.)

Das Motiv der Wiederholung bekannter und lieb gewonnener Verhaltensweisen, lässt sich wohl in jedem Krimi, jeder Actionserie im Fernsehen und anderen Detektivgeschichten finden. Dort wird man vermutlich auch auf die Anwendung illegaler Praxen zu legitimen Zwecken stoßen, ein Prinzip, dass der Autor Stefan Wolf auch seinen jugendlichen Spürnasen angedeihen lässt.

Im Unterkapitel „Dieser Wittich verdient Prügel“: Familiäres Standrecht wird die Realität, in der sich die TKKG bewegen, als „permanenter Ausnahmezustand (S.80) beschrieben., in dem Kommissar Glockner zur Aufrechterhaltung der Ordnung der Gemeinschaft Gesetzesübertretungen seiner „VolksgenossInnen aus der 9b (Quadfasel 2001)“ gerne übersieht und somit „ein postnazistisches Zusammenfallen von Staat und Staatsvolk (S. 81)“ ermöglicht, in dem der Kommissar die Jugendbande seiner Tochter wie „Hunde von der Kette lässt und TKKG das Ressentiment gegen die zersetzenden Volksfeinde befriedigt. (ebd.)“. Dafür werden einige Beispiele angeführt, unter denen der Dialog von Karl und Tarzan als Paradestück sozialdarwinistischer Ideologie-Vermittlung angesehen werden kann:

>K: Scheinen ziemlich zäh zu sein, diese Penner! Vielleicht liegt es daran, dass sie sich immer schonen. Sie haben keinen Stress, keine Verantwortung, keine Aufgaben – und sie leben trotzdem.
T: Was nicht geübt wird, verkümmert. Schonung stärkt nicht, sondern schwächt. Das ist ein Naturgesetz und gilt für alles, für Hirn, Muskel und Seele. […]< Tarzan und Karl breiten aus, was von >Pennern< zu halten ist, doch hatte schon zu Beginn der Folge der Obdachlose Wittich gegenüber Kommissar Glockner reuig gestanden: >Ich weiß, ich bin der letzte Dreck.< Auch der >Penner< weiß, wo er hingehört und hat zu Beginn der Folge sein eigenes Urteil vorweggenommen. (ebd.)

Um nun nochmal auf die eingangs erwähnte Studie zurückzukommen: In der ideologiekritischen TKKG-Analyse erkennen die Autoren psychologische Grundlagen für Vorurteil, Verdächtigung und erstrebte Bestrafung, die aus der gesellschaftlichen Realität resultieren:

Die so durch TKKG ausgeübte Selbstjustiz ist der laut Wolf >natürliche< und selbstständige Schutz der Gemeinschaft um ihrer selbst willen, die Vollstreckung des Willens des Mobs als Verinnerlichung staatlicher Herrschaft. Umso mehr in Zeiten der Krise des Kapitals, wenn die zahlungsfähige Nachfrage fehlt, um Warenkapital vollständig in Geldkapital zu verwandeln (vgl. Heinrich 2004, S. 169), und diese Angst vor dem Scheitern in der Konkurrenz durch drohende Massenarbeitslosigkeit noch verstärkt wird. Es wird versucht, diese ständige Angst vor dem Scheitern in der Konkurrenz, dem Scheitern aufgrund der formalen Gleicheit, welche jede und jeden im Produktionsprozess durch Austauschbarkeit überflüssig machen kann, in einer Gemeinschaft der >natürlich< Gleichen negativ aufzuheben. In der kollektiven Gleichheit der (Volks-)Gemeinschaft verstärkt sich die Bedrohung durch formale Gleicheit auf dem Markt zu einer Bedrohung der Subjektivität überhaupt. die Gemeinschaft braucht ein projektiv geschaffenes Außen, um die Bedrohung zu externalisieren. zu ihrer Erhaltung verhilft ein Klima des permanenten Verdächtigens in alle Richtungen. (S.75)

Die Störung der angeblich harmonischen Ordnung wie etwa durch massenhafte Arbeitslosigkeit oder Drogenelend, wird den Dealern, >Sozialschmarotzern< oder >Ausländern< zugeschrieben. Das Ressentiment gegen diese angeblich verantwortlichen ist eine projektive Konstruktion, die das eigene Wesen der Subjekte ausdrückt. Der große Hass, welchen die Dealer auf sich ziehen, entspringt der Verheißung der Droge, mit der sie handeln; (S. 78)

Auch, wenn sich latenter und offener Rassismus wohl nicht erschöpfend aus den psychologischen Kompensationsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft erklären lassen, die Analyse der ideologischen Implikationen in Kinder- und Jugendliteratur legt doch die Wurzeln der „regressiven Bewältigung der Krise im Bewusstsein“ (Nachtmann 2003) offen, die sich später im DenunziantInnentum der Nachbarschaft, dem Wir-Gefühl der fahnenschwenkenden Masse und letzlich in den Rauchschwaden brennender Flüchtlingsunterkünfte gesellschaftlich manifestiert.

Gute Soldaten und Unschuldsengel im 2Teiler DresdenDas Buch Deutschlandwunder analysiert unter anderem auch den durch SophieScholl, Napola und Dresden repräsentierten deutschen Opferkult in Kino und Fernsehen, der in der gesellschaftlichen und medialen Integration der Vergangenheitsbewältigung die Begriffe der TäterInnen und Opfer teils verwischt und teils komplett umkehrt. Dabei kommt auch das Generationenverhältnis (Das Wunder von Bern) und psychoanalytische Ansätze der Vergangenheitsumkehrung (PC-Spiel Silent Storm) nicht zu kurz, wobei bei der Betrachtung der Spielhandlung die Fixierung auf die der nationalistischen Dynamik typischen Abwehr der ödipalen Ordnung nicht immer einleuchtend ist und teilweise konstruiert erscheint.(Inhaltsverzeichnis)
Neben dem TKKG-Kapitel begeistert vor allem die Aufarbeitung des Sommers 2006 von Lars Quadfasel. Zur weiteren Anregung, daraus noch einige Zitate:

Wer sich die Feierlaune nicht verderben lassen wollte, musste Ja zum großen Ganzen sagen. […] Aus welchen Motiven auch immer einer die Hymne mitgröhlte oder sich sein >Bild< -Tattoo auf die Wangen kleisterte, er tat nicht bloß seinen Job als Reklameträger des lockeren Nationalismus. Er mutierte zugleich zum ideellen Gesamtwalser in der Fankurve, der sich von den >ewigen Bedenkenträgern< (kicker) und anderen Meinungssoldaten sein Vergnügen nicht mehr madig machen lassen würde. (S.109)

Nun macht zwar, wer auf einer Party den Mitfeiernden ständig versichert, er sei so richtig locker und gut drauf, in der Regel nicht gerade den entspanntesten Eindruck. Die Deutschen aber- Menschen also, die nach Adornos Diktum keine Lüge aussprechen können, ohne an ihre Wahrheit zu glauben- zelebrierten vor den staunenden Augen der Weltöffentlichkeit gute Laune aus nationaler Verpflichtung. Nicht, das man die Landleute wirklich nicht mehr hätte wiederherstellen können. Wenn sich der Volkszorn über die Italiener […] in der Zone in Übergriffen auf italienische Restaurants entlädt; wenn ein völlig enthemmtes öffentlich-rechtliches Fernsehen seine Comedy-Sendung >Nachgetreten!< mit Witzen über den schwarzen Nationalspieler Asamoah bestreitet, den man nur zum Laufen kriegen könne, wenn man ihn in Hoyerswerda aussetzte; [...] - dann weis man allemal: Man ist zu Hause. (S.110)

Wer sich - mit bekloppten Hüten auf dem Kopf und Fingerfarben im Gesicht, mit peinlichen Fangesängen und angedrehter Hysterie - bei vollem Bewusstsein zum Affen macht, stellt auf zeitgemäße Art seine nationale Verwendungsfähigkeit unter Beweis: die Bereitschaft, ohne Schamgefühl jeden Scheiß mitzumachen. Das stählt mehr als jeder Grundwehrdienst. (S.111)

Fazit: UNBEDINGT LESEN!! Und wenn die Zeit reicht, zum Kongress nach Bremen fahren !!