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Wie Könige, nur tüchtiger

Man könnte meinen, die deutsche TV- und Kinolandschaft hätte nach gefühlten 50 geschichtsrevisionistischen TV-Dramen, Sagas oder Spielfilm-Events endlich mal genug davon, sich immer wieder neuen Mist aus Knopps Archiv und Omas Erzählungen zusammen zu schustern. Nach „Dresden“, „Die Flucht“, „Die Wilhelm Gustloff“ und den Kino-Highlights „Der Untergang“, „Napola-Elite für den Führer“ und „Der rote Baron“ wissen die Deutschen doch längst, dass sie am meisten unter jener „europäischen Katastrophe“ gelitten haben, die 1933 so unvermittelt über sie hereinbrach. Scheinbar aber hat es sich das ZDF zum Ziel gesetzt, das bundesdeutsche Publikum so lange mit revisionistischen Historiendramen zu zuscheißen bis es auch der/die Letzte kapiert hat. Das legt zumindest das neue 11,4 Millionen-Projekt nahe, das am Sonntag im ZDF starten wird. Wie so oft in den oben angeführten Filmen handelt es sich um ein Familien-Melodram. Und welche Familie eignete sich besser als die Krupps, um ein emotionales Geflecht aus Generationenkonflikt, Etikette und Beziehungskonflikte inmitten von, nennen wir es, äußeren Umständen zu platzieren, mit denen sich die Familie eben zu arrangieren hatte. Ein kleiner Vorgeschmack:

„Krupp“ operiert von der ersten Minute an als Soap-trainiertes TV-Schlachtschiff. Liebesglück des Sohnes – von der Zicke Bertha abgewürgt. Homosexualität – als Schicksalsschlag bemitleidet, aber voyeuristisch ausgeschlachtet. Schuldhafte Verstrickung (Alfried Krupp wurde in Nürnberg wegen „Plünderung und Förderung von Sklavenarbeit“ zu zwölf Jahren verurteilt) – ehrerbietig ausgeblendet.
Christian Schnalke lässt in seinem Drehbuch Schuld und Sühne auf Kleinformat schrumpfen. Die Krupp-Saga, eigentlich eine ziemlich schnöde und moralfreie Geschichte über den Aufstieg eines mittelständischen Betriebs zur Waffenschmiede der Nation, liest sich bei ihm wie das Psychogramm des Denver-Clans.
Was will die Fernsehmär sagen? Die Mutter ist es gewesen, nicht die Politik, nicht die Ökonomie. Die Geschichte ist Familiengeschichte, lautet diese fernsehgerechte Haltung. Irgendwie werden dann alle Täter auch Opfer, fordern Mitleid und Bewunderung und Verständnis. [….] Die Familienmitglieder verkehren im hohen Staatston miteinander. „Deine Haut ist Krupp“, mahnt Mutter Bertha ihren Sohn, und: „Werde, was du bist.“ Schnell nervt die gewählte Sprache in der Essener Villa Hügel, das aristokratische Gewese der hochherrschaftlichen Kapitalisten. Geldverdienen wird da zum verschämten Tun, Gier ist schlicht unvornehm. Die TV-Krupps folgen der Devise: Edel sei der Mensch, reich und gut. Das belegen sehr kurze Szenen. Einem versehrten Arbeiter wird ein eiserner Rollstuhl gewährt. Novemberrevolutionäre von 1918 lassen die Krupp-Kapitalisten passieren. Arbeiter stehen Spalier, als der Leichnam des Prinzipals durchs Werk gezogen wird. Brave Kruppianer: Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. (Spiegel)

Wie bereits zur enorm erfolgreichen Histotainment-Serie „Die Deutschen“ hält das ZDF auch zu „Die Krupps- eine deutsche Familie“ ein extra Angebot in seiner Mediathek bereit:

Sie waren „wie Könige, nur tüchtiger“: die Krupps. Streifen sie durch die prunkvollen Räume der virtuellen Villa Hügel, sehen sie exclusives Material zum Film.

Warum die Krupps Vorreiter für eine rote Zukunft waren, erfährt man im Clip „Der Stolz der Krupps“, der über den Click auf Villa Hügel und die Auswahl Hausmädchen Anna aufgerufen werden kann. Worauf die Krupps sonst noch so stolz waren, erklärt Gustav Krupp von Bohlen und Halbach in einer Rede:

„Es ist das große Verdienst der gesamten deutschen Wehrwirtschaft, daß sie in diesen schlimmen Jahren nicht untätig gewesen ist, mochte auch aus einleuchtenden Gründen ihre Tätigkeit dem Lichte der Öffentlichkeit entzogen sein. In jahrelanger stiller Arbeit wurden die wissenschaftlichen und sachlichen Voraussetzungen geschaffen, um zu gegebener Stunde ohne Zeit- und Erfahrungsverlust wieder zur Arbeit für die deutsche Wehrmacht bereitzustehen … Nur durch diese verschwiegene Tätigkeit deutschen Unternehmertums … konnte nach 1933 unmittelbar der Anschluß an die neuen Aufgaben der Wiederwehrhaftmachung erreicht, konnten dann auch die ganz neuen vielfältigen Probleme gemeistert werden.“ (IMT, Bd. I, S. 203 f.)

Krupp von Bohlen und Halbach, der am Geheimtreffen deutscher Industrieller und Adolf Hitler am 20.02.1933 und somit an der Millionenspende für den NSDAP-Wahlkampf beteiligt war, wurde noch im selben Jahr Kuratioriumsvorsitzender der „Adolf Hitler Spende der deutschen Wirtschaft“und 1937 Wehrwirtschaftsführer. 1940 erhielt er das goldene Parteiabzeichen der NSDAP. Zwischen 1940 und 1945 hatte der Krupp Konzern ca. 100.000 Zwangsarbeiter_innen und KZ-Häftlinge angefordert. Im Nürnberger Prozess konstatiert Hauptankläger Jackson:

Vor der Bedrohung des Friedens durch die Nazis arbeiteten die Krupp-Werke mit erheblichen Verlusten. Mit der Wiederaufrüstung durch die Nazis stiegen aber die Netto-Gewinne nach Abzug der Steuern, Geschenke und Reserven ständig an: 1935 – 57 216 392 RM, 1938 – 97 071 632, 1941 – 111 555 216 RM; Der Buchwert des Krupp-Konzerns stieg vom 1. Oktober 1933 von 75 962 000 RM auf 237 316 093 RM (Heydecker/Leeb, Der Nürnberger Prozess, 1979, S.106)

Stammtisch deutscher Popkultur

Out now: Der Soundtrack zur Krise !

Silbermond (die bislang u.a. mit gestochen scharfer Kapitalismus-Analyse in Erscheinung getreten sind) haben mit ihrem Song „Irgendwas bleibt“ einen neuen Hit gelandet. Da es sich bei Silbermond um eine jener jungdeutschen Vorzeigebands handelt, deren rebellisches Potential sich bestenfalls zur emo-nationalen Mobilmachung eignet, war von ihrer neuen Single Schlimmes zu erwarten. Und Zack-Peng-Zeitgeist: der neue Song schlägt ein wie eine Bombe, wobei diese Metapher eher unpassend ist. Eher fließt der Song wie warmer Honig durch die Ohren der krisengeschüttelten Individuen und solcher, die es nie werden wollten. Verpackt in den für Silbermond typischen wehmütigen Emo-Sound artikuliert sich in „Irgendwas bleibt“ die Angst und allgemeine Verunsicherung der beschädigten Lebewesen, die zwar genau wissen, was sie nicht tun dürfen (Alkohol, Drogen, Musik laut aufdrehen, Riots), aber keinen blassen Schimmer haben, wie sie dem Zwang zur Selbstverwirklichung in Arbeit und abgetrotzter „Freizeit“ angemessen entsprechen sollen, zumal sie sich in einer komplexen Welt bewegen, die sie ohnehin schon lange nicht mehr verstehen und es -in Angst vor dem, was da auf sie lauern möge- auch nicht wollen. Also bleibt nur die Flucht an den popkulturellen Stammtisch der Jungdeutschen, wo die Sportfreunde Stiller, Juli, Polarkreis 18 (!) und die Dienstältesten von Rosenstolz schon auf sie warten, um die Gestrauchelten in wohligem jungdeutschem Lebensgefühl zumindest weich landen zu lassen. Silbermond hält heute eine Video-Präsentation:

Mit bittersüßem Gitarrensound beginnt der Clip. Brennende Auto-Wracks, ein Riotcop-Reihe taucht auf, eine Meute gewaltbereiter Autonomer stürmt steinewerfend auf sie zu, wieder brennende Wracks….. plötzlich wirkt das Schlachtfeld leer, ein Einkaufswagen nebst brennender Barrikaden…….. auf dem mit Glassplittern übersähten Boden liegt die Sängerin mit geschlossenen Augen. Der Text setzt ein: „Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist.“ Mit mitleidend, dramatischem Blick durchschreitet sie die nun still gestellte (!) Szenerie: „Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein, denn Versuchungen setzen ihre Frist, doch bitte schwör, dass wenn ich wieder komm alles noch beim alten ist“….im zweiseitigen Spalier zwischen Demonstrant_innen und einer Bullenreihe…..:“Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt. Gib mir einfach nur ein bisschen Halt. Und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit. Nimm ihr ein bisschen Geschwindigkeit.“…..die Sängerin setzt sich zu einer verletzten Demoteilnehmerin……eilt zu einer Festgenommen…..:“auch wenn die Welt den Verstand verliert, das Hier bleibt unberührt, nichts passiert“…. und die stillgestellte Welt bricht los, die Demo rennt an, Bullen knüppeln, Mollis fliegen, die Sängerin steht mit angestrengtem Blick gegen die Laufrichtung der Demonstrierenden, wird mehrfach angerempelt und fällt schließlich in Zeitlupe, den Refrain auf den Lippen gen Boden……mit einem warmen Lächeln hilft ihr die zunächst festgenomme Demoteilnehmerin wieder auf die Beine…alles ist vorbei.

Das kleinbürgerliche Bedürfnis hat die Teenies und Mitzwanziger ergriffen und sirenengleich erklingt der Wunsch nach der konfliktfreien Gesellschaft an die für verrückt erklärte Welt. Einfach nur ein kleines bisschen Sicherheit. Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Jugendliche Rebellion traut sich nicht mehr auf die gefährliche Straße und ergeht sich in einer Rethorik die jedem ländlichen CDU-Ortsverein alle Ehre machen würde. Andererseits weiß selbst die JU zumindest noch, an welchen Müll sie zu glauben hat. Silbermond hingegen sehnen sich nach dem Kleinheim mit Vorgarten, Gartenzwergen und vielleicht ein paar Geranien auf dem Balkon und scheinen das nicht einmal zu wissen.
Wo man nicht weiß, warum, wohin und „was denk ich mir eigentlich dazu?“, da ist es nur konsequent, einfach zu verschwinden, wie das Linkin Park Sänger Chester Benington im Riot-Video zu „Shadow of the day“ vorgemacht hat. Auch hier offenbart der Songtext die Abkehr von der komplizierten Welt:

I close both locks below the window
I close both blinds and turn away
Sometimes solutions aren‘t so simple
Sometimes goodbye’s the only way
[Chorus]
And the sun will set for you
The sun will set for you
And the shadow of the day
Will embrace the world in grey

Es gibt keine einfachen Lösungen, die schwierigen aber sind letztlich auch nicht des Nachdenkens wert. Und so veranlasst die Angst vor der Erkenntnis, dass manche Lösung durchaus einfach sein kann, dem bürgerlichen Bewusstsein aber vor ihren Konsequenzen graut, zum sang- und klanglosen Tschüssikowski im dramatischen Abgang durch die Bürgerkriegs-Szene. Wenigstens ist der Schnodder noch in Englisch. Ebenso in Englisch: der Riot-Clip der Toten Hosen zu „pushed again“; Bei aller Kritik an dieser Kommerzpostdeutschpunk-Truppe waren die Toten Hosen wenigstens noch in der Lage, sich überhaupt auf eine Seite zu stellen, auch wenn es natürlich die der gerechten Kämpfe der Geknechteten der Welt sein musste (mit Ausnahme Deutschlands, das die Band mit Opel, eisgekühltem Bommerlunder, Schinken, Ei und Jägermeister und der Songsprache in ihr Herz geschlossen haben dürften); Mit Campinos Auftritten bei Maischberger und Co. war die Riot-Attitüde dann vollends zum vernünftig gewordenen Gutmenschentum verwandelt.
Aber zurück zum Stammtisch der Deutschquotengaranten für den Volksempänger: man sieht sich Fotoalben an und plaudert über die mit schneeweißen Outfits und klaren, kühlen Berglandschaften zur Schau gestellte Reinheit der Dresdner Shooting-Stars von Polarkreis 18 (warum heißen die so?). Wo Paul McCartney in bester Hippie-Manier noch „Come together!!“ trällerte, feiern Polarkreis18 in ihrem Song „Allein, allein“ die einsame Existenz der gesellschaftlichen Monaden, um dann die Isolierten im Refrain zu einem Bad in der Masse, zum Miteinstimmen in den Chor, ins „Allein! Allein!“ einzuladen:

He´s living in a universe
A heart away
Inside of him there´s no one else
Just a heart away
The time will come to be blessed
A heart away
To celebrate his loneliness
Allein, allein
allein, allein (8x)

Affirmativer Quark? Da können Juli nur lachen.Und das mit Recht, denn mit ihrem Song „dieses Leben“ haben sie sich zum Klassenprimus der jungdeutschen Lebensbejaher_innen gemausert und sogar die Sportfreunde Stiller, die einer jubelnden Partynation endlich wieder ihr Herz in die Hand legten, an reaktionärem Geseiere überholt. Frei nach dem Motto „Das Leben ist scheiße…. freu dich darüber!!“ haben Juli das sinnlose Wohlfühlen der befriedeten Seele vom Moment der perfekten Welle auf das ganze Leben ausgeweitet:

Mir ist kalt, mein Weg ist leer,
diese Nacht ist grau und kalt und schwer, sie hält mich fest und gibt mich nicht mehr her.
Ich bin gefangen, ich wach nicht auf und die letzten Lichter geh‘n bald aus.
Ich seh‘ mich fallen, doch ich geb nicht auf.

Denn ich liebe dieses Leben, ich liebe den Moment, in dem man fällt,
ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Tag, ich liebe diese Welt.
Ich liebe dieses Leben, ich liebe den Moment, in dem man fällt,
ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Tag, ich liebe diese Welt.

Nimm mir die Kraft, nimm mir das Herz, nimm mir alle Hoffnung
und all den Schmerz aus meiner Hand und gib sie nicht mehr her.
Was soll das sein, wo soll ich hin, wo sind meine großen Helden hin?
Auch wenn wir geh‘n, weiß ich nicht, wohin.

Denn ich liebe……

Ein Lied als Lüge. Das verzweifelte Bewusstsein bäumt sich ein letztes Mal auf, ehe es von der schwebenden Leichtigkeit der verordneten Liebe zum Leben, zum Tag, zur Welt getilgt wird. Der Videoclip bleibt widersprüchlich. Handelt es sich bei dem Sprung vom Gebäude um einen Suizid, der im rewind nachvollzogen und dann letztlich doch nie stattgefunden hat oder um den symbolischen Sprung ins bloße Sein der grauen Stadt? Auf jeden Fall bleibt den Zuschauer_innen der blutige Aufprall mit dem Asphalt erspart, sie werden statt dessen mitgenommen auf einer fliegenden Kamerafahrt durch die dunkle Abendnacht, um auf einem lichterstrahlten Straßenkonzert von Juli vor einem Wohnblock sicher zu landen und der Zombie-Veranstaltung beizuwohnen. Wenns nicht so traurig wäre und die tiefe Verzweiflung nicht aus jeder Textzeile triefen würde, könnte man über dieses unglaublich dumme Lied einfach nur lachen.

- I can‘t relax in Germany -
- Die Popkultur gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten verteidigen -