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Der permanente Ausnahmezustand

Einer noch nicht abgeschlossenen, aber bereits veröffentlichten Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zufolge stimmt jede/r dritte Jugendliche der Aussage, es gäbe zu viele Ausländer in Deutschland „voll und ganz“ zu. Ein weiteres Drittel stimme der Aussage „eher“ zu. Empfehlung !!Woher stammen die Ressentiments in den Köpfen der befragten SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe? Dummheit? Nazieltern? Oder in früheren Jahren vielleicht einfach zu viel TKKG gelesen? Dazu einige Auszüge aus dem Buch Deutschlandwunder – Wunsch und Wahn in der postnazistischen Kultur der Gruppe Kittkritik: Im Kapitel Mit Judo gegen Wodka-Bruno, Miethai Zinse und Dr. Mubase – TKKG, ein postnazistischer Jugendkrimi (Jean Philipp Baeck, Volker Beeck), das für mich eines der Highlights des durch und durch lesenswerten Buches darstellt, wird das omnipräsente Motiv der Selbstjustiz an Kriminellen, die meist durch ihren Namen oder ihre Erscheinung – eine Zigarette in der Hand oder „etwas Böses im Blick“ – in den instinktiven Verdacht der Jugendbande geraten, etwas näher betrachtet. Zunächst wird auf den immer gleichen Plot der Verdächtigung, des beobachteten Verbrechens und der – nach Überführung unter Mithilfe von Kommissar Glockner – folgenden Bestrafung hingewiesen. Dabei wird deutlich, dass es in TKKG nie wirklich um die Spannung eines zu lösenden Falles, die Ermittlung der möglichen Täter oder gar detektivische Auffassungsgabe geht, sondern um die Bestätigung des Vorurteils und das Schema der Bestrafung des Bösen:

Wolf geht es nicht um >Detektion< (vgl. Seeßlen 1998), sondern um Satisfaktion: [...] So ist Stefan Wolfs Inszenierung einer vom Bösen gebeutelten Welt, in der das Volk nur durch ständige Verdächtigung und gewaltsame Inquisition geschützt werden kann, keine Reflexion, sondern deren verlängerter Arm. Bei TKKG werden keine Geschichten erzählt, sondern Exempel statuiert, und genau dies macht ihren Reiz aus. Befriedigend an ihnen ist, dass hier stellvertretend die eigenen Vernichtungsphantasien ausgelebt werden, durch die Person des omnipotenten Tim, an dessen Rachefeldzügen die HörerInnen ebenso genüsslich teilhaben können wie seine Gefolgschaft Karl, Klößchen und Gaby, fehlt es ihnen doch nie an einem voyeuristischen Kommentar, wenn Tim die Banditen aufs Kreuz gelegt hat und ihnen noch einmal absichtlich Schmerzen zufügt. (S.74)


Dass in Kriminalgeschichten nicht so sehr die Auflösung des Falles von Bedeutung ist, sondern der Weg dorthin, der die RezipientInnen mit vertrauten Identitäten und Schemata befriedigt, stellte auch schon Umberto Eco in seinem Buch Apokalyptiker und Integrierte- Zur kritischen Kritik der Massenkultur fest:

es geht nicht darum zu entdecken, wer ein Verbrechen begangen hat, sondern darum, gewisse >topische< Gesten von >topischen< Personen zu verfolgen, an denen wir mittlerweile die feststehenden Verhaltensweisen lieben (Eco 1984, S. 212) (z.B. dass der gute Tarzan den Bösewichten mal so ordentlich eins auf die Mütze gibt). Diesen Hunger nach Redundanz erklärt Eco dann mit dem gesellschaftlichen Wandel seit dem 19. Jh. Damals sei die Leserschaft in einer Gesellschaft der Tradition, Normen, Moralprinzipien und somit in einem Ensemble vorraussehbarer Mitteilungen, die das soziale System an seine Mitglieder richtete und die gewährleisteten, dass das Leben ohne abrupte Zäsuren, ohne Umsturz der Wertetafeln vonstatten ging. (ebd.) eingeschlossen gewesen, so dass die informationsbezogenen, auf Handlungsumschwünge bedachten Fortsetzungsromane besonders rezipiert wurden. In der modernen Industriegesellschaft dagegen bündeln sich die Ablösung der Parameter, der Zerfall der Überlieferungen, die gesellschaftliche Mobilität, der Verschleiß der kulturellen Muster und der moralischen Grundsätze zu einem Informationsaufgebot, dass ständig Neuanpassung der Sensibilität, raschen Wandel der psychologischen annahmen und gravierende Umorientierungen der Intelligenz erheischt. unter diesen Verhältnissen erscheint die Redundanzliteratur als ein milder Anreiz zum Ausruhen […] (ebd.)

Das Motiv der Wiederholung bekannter und lieb gewonnener Verhaltensweisen, lässt sich wohl in jedem Krimi, jeder Actionserie im Fernsehen und anderen Detektivgeschichten finden. Dort wird man vermutlich auch auf die Anwendung illegaler Praxen zu legitimen Zwecken stoßen, ein Prinzip, dass der Autor Stefan Wolf auch seinen jugendlichen Spürnasen angedeihen lässt.

Im Unterkapitel „Dieser Wittich verdient Prügel“: Familiäres Standrecht wird die Realität, in der sich die TKKG bewegen, als „permanenter Ausnahmezustand (S.80) beschrieben., in dem Kommissar Glockner zur Aufrechterhaltung der Ordnung der Gemeinschaft Gesetzesübertretungen seiner „VolksgenossInnen aus der 9b (Quadfasel 2001)“ gerne übersieht und somit „ein postnazistisches Zusammenfallen von Staat und Staatsvolk (S. 81)“ ermöglicht, in dem der Kommissar die Jugendbande seiner Tochter wie „Hunde von der Kette lässt und TKKG das Ressentiment gegen die zersetzenden Volksfeinde befriedigt. (ebd.)“. Dafür werden einige Beispiele angeführt, unter denen der Dialog von Karl und Tarzan als Paradestück sozialdarwinistischer Ideologie-Vermittlung angesehen werden kann:

>K: Scheinen ziemlich zäh zu sein, diese Penner! Vielleicht liegt es daran, dass sie sich immer schonen. Sie haben keinen Stress, keine Verantwortung, keine Aufgaben – und sie leben trotzdem.
T: Was nicht geübt wird, verkümmert. Schonung stärkt nicht, sondern schwächt. Das ist ein Naturgesetz und gilt für alles, für Hirn, Muskel und Seele. […]< Tarzan und Karl breiten aus, was von >Pennern< zu halten ist, doch hatte schon zu Beginn der Folge der Obdachlose Wittich gegenüber Kommissar Glockner reuig gestanden: >Ich weiß, ich bin der letzte Dreck.< Auch der >Penner< weiß, wo er hingehört und hat zu Beginn der Folge sein eigenes Urteil vorweggenommen. (ebd.)

Um nun nochmal auf die eingangs erwähnte Studie zurückzukommen: In der ideologiekritischen TKKG-Analyse erkennen die Autoren psychologische Grundlagen für Vorurteil, Verdächtigung und erstrebte Bestrafung, die aus der gesellschaftlichen Realität resultieren:

Die so durch TKKG ausgeübte Selbstjustiz ist der laut Wolf >natürliche< und selbstständige Schutz der Gemeinschaft um ihrer selbst willen, die Vollstreckung des Willens des Mobs als Verinnerlichung staatlicher Herrschaft. Umso mehr in Zeiten der Krise des Kapitals, wenn die zahlungsfähige Nachfrage fehlt, um Warenkapital vollständig in Geldkapital zu verwandeln (vgl. Heinrich 2004, S. 169), und diese Angst vor dem Scheitern in der Konkurrenz durch drohende Massenarbeitslosigkeit noch verstärkt wird. Es wird versucht, diese ständige Angst vor dem Scheitern in der Konkurrenz, dem Scheitern aufgrund der formalen Gleicheit, welche jede und jeden im Produktionsprozess durch Austauschbarkeit überflüssig machen kann, in einer Gemeinschaft der >natürlich< Gleichen negativ aufzuheben. In der kollektiven Gleichheit der (Volks-)Gemeinschaft verstärkt sich die Bedrohung durch formale Gleicheit auf dem Markt zu einer Bedrohung der Subjektivität überhaupt. die Gemeinschaft braucht ein projektiv geschaffenes Außen, um die Bedrohung zu externalisieren. zu ihrer Erhaltung verhilft ein Klima des permanenten Verdächtigens in alle Richtungen. (S.75)

Die Störung der angeblich harmonischen Ordnung wie etwa durch massenhafte Arbeitslosigkeit oder Drogenelend, wird den Dealern, >Sozialschmarotzern< oder >Ausländern< zugeschrieben. Das Ressentiment gegen diese angeblich verantwortlichen ist eine projektive Konstruktion, die das eigene Wesen der Subjekte ausdrückt. Der große Hass, welchen die Dealer auf sich ziehen, entspringt der Verheißung der Droge, mit der sie handeln; (S. 78)

Auch, wenn sich latenter und offener Rassismus wohl nicht erschöpfend aus den psychologischen Kompensationsmechanismen der kapitalistischen Gesellschaft erklären lassen, die Analyse der ideologischen Implikationen in Kinder- und Jugendliteratur legt doch die Wurzeln der „regressiven Bewältigung der Krise im Bewusstsein“ (Nachtmann 2003) offen, die sich später im DenunziantInnentum der Nachbarschaft, dem Wir-Gefühl der fahnenschwenkenden Masse und letzlich in den Rauchschwaden brennender Flüchtlingsunterkünfte gesellschaftlich manifestiert.

Gute Soldaten und Unschuldsengel im 2Teiler DresdenDas Buch Deutschlandwunder analysiert unter anderem auch den durch SophieScholl, Napola und Dresden repräsentierten deutschen Opferkult in Kino und Fernsehen, der in der gesellschaftlichen und medialen Integration der Vergangenheitsbewältigung die Begriffe der TäterInnen und Opfer teils verwischt und teils komplett umkehrt. Dabei kommt auch das Generationenverhältnis (Das Wunder von Bern) und psychoanalytische Ansätze der Vergangenheitsumkehrung (PC-Spiel Silent Storm) nicht zu kurz, wobei bei der Betrachtung der Spielhandlung die Fixierung auf die der nationalistischen Dynamik typischen Abwehr der ödipalen Ordnung nicht immer einleuchtend ist und teilweise konstruiert erscheint.(Inhaltsverzeichnis)
Neben dem TKKG-Kapitel begeistert vor allem die Aufarbeitung des Sommers 2006 von Lars Quadfasel. Zur weiteren Anregung, daraus noch einige Zitate:

Wer sich die Feierlaune nicht verderben lassen wollte, musste Ja zum großen Ganzen sagen. […] Aus welchen Motiven auch immer einer die Hymne mitgröhlte oder sich sein >Bild< -Tattoo auf die Wangen kleisterte, er tat nicht bloß seinen Job als Reklameträger des lockeren Nationalismus. Er mutierte zugleich zum ideellen Gesamtwalser in der Fankurve, der sich von den >ewigen Bedenkenträgern< (kicker) und anderen Meinungssoldaten sein Vergnügen nicht mehr madig machen lassen würde. (S.109)

Nun macht zwar, wer auf einer Party den Mitfeiernden ständig versichert, er sei so richtig locker und gut drauf, in der Regel nicht gerade den entspanntesten Eindruck. Die Deutschen aber- Menschen also, die nach Adornos Diktum keine Lüge aussprechen können, ohne an ihre Wahrheit zu glauben- zelebrierten vor den staunenden Augen der Weltöffentlichkeit gute Laune aus nationaler Verpflichtung. Nicht, das man die Landleute wirklich nicht mehr hätte wiederherstellen können. Wenn sich der Volkszorn über die Italiener […] in der Zone in Übergriffen auf italienische Restaurants entlädt; wenn ein völlig enthemmtes öffentlich-rechtliches Fernsehen seine Comedy-Sendung >Nachgetreten!< mit Witzen über den schwarzen Nationalspieler Asamoah bestreitet, den man nur zum Laufen kriegen könne, wenn man ihn in Hoyerswerda aussetzte; [...] - dann weis man allemal: Man ist zu Hause. (S.110)

Wer sich - mit bekloppten Hüten auf dem Kopf und Fingerfarben im Gesicht, mit peinlichen Fangesängen und angedrehter Hysterie - bei vollem Bewusstsein zum Affen macht, stellt auf zeitgemäße Art seine nationale Verwendungsfähigkeit unter Beweis: die Bereitschaft, ohne Schamgefühl jeden Scheiß mitzumachen. Das stählt mehr als jeder Grundwehrdienst. (S.111)

Fazit: UNBEDINGT LESEN!! Und wenn die Zeit reicht, zum Kongress nach Bremen fahren !!