Tag-Archiv für 'ganz-große-show'

Strafbedürfnis I

Der Anstand der Aufständigen
Guttenberg hat seine Dissertation gefälscht und der Bundespräsident hat einen Freunderl-Kredit aufgenommen. Folge: wochenlanges Ausschlachten der moralischen Empörung und Kommentare über Kommentare, wer was nun am schlimmsten, weniger schlimm oder doch zumindest sehr bedenklich findet. Es ist einfach unheimlich en vogue, irgendwelche Verfehlungen von Polit- oder anderer Prominenz ans Tageslicht zu zerren und sich diebisch darüber zu freuen, mal wieder eine Sau gefunden zu haben, die jetzt mit ernster und besorgter Miene durch die Dorfgemeinschaft gejagt werden kann. Dabei ist schon irgendwie auffällig, dass sich das Thema um so mehr ausbeuten lässt, je weniger konkreter Schaden auszumachen ist. Haben die Okkupist_innen und andere Wutbürger_innen zumindest noch das – wenn auch falsche – Argument parat, dass es ja „um unser aller Steuergelder“ oder eben deutsches Staats- ergo Gemeinschaftseigentum ergo Volksvermögen ginge, rückt beim öffentlichen Moralzirkus der Anstand in den Vordergrund. Niemand, ich wiederhole, niemand hat einen konkreten Schaden von einer privaten Kreditvergabe an Wulff gehabt. Niemandes Doktorarbeit wird durch eine erschlichene entwertet. Und das wird auch gar nicht behauptet. Um so größer ist aber die Aufregung und um so eifriger wird um das richtige Strafmaß gerungen. Man will Rechtfertigung, Entschuldigungen und vor allem tief empfundene Reue. Es gilt, um jeden Preis die kollektive sittliche Gesundheit zu retten, v.a. wenn es sich wie in Wulffs Fall um einen politischen Repräsentanten handelt, der doch „Vorbild“ für alle sein soll. Wenn der Stern solcher „Vorbilder“ dann aber mangels Schuldeingeständnis oder Reuebekundung unweigerlich im Sinken begriffen ist, so muss sich das Opfer zumindest gelohnt haben. Und das hat es. Es dient dem geifernden Zusammenschluss aller Rechtschaffenen von der Linkspartei bis zur NPD gegen das Schwein, dass da gegen die Sitte verstoßen hat. Das an penetranter Blödheit nicht zu überbietende öffentliche Sandkastengequängel macht die „Verfehlung“ zum unfreiwilligen Martyrium der Politprominenz für die Staatsgemeinschaft. Wenn sich der zivile Mob erstmal zusammengerottet hat, ist niemand mehr sicher. Es sei daran erinnert, dass Wulffs Vergehen nicht einmal in einer Lüge bestand, sondern in einer wahrheitsgemäßen Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Weil er nicht in vorauseilendem Gehorsam in aller Breite zu seiner privaten (!) Kreditaufnahme Stellung genommen hat, sei er nun untragbar. Vielleicht wäre es ihm ein Trost, wenn er sich über seine integrative Funktion im Klaren wäre.

…und dieses schicke Blau

Einige Impressionen vom Tag der offenen Tür der Frankfurter Polizei:
Wow, was war da nicht alles geboten. Blaskapelle, Zeugentest, In-den-Wasserwerfer-Setzen, ED-Behandlung, Schießstandbesichtigung, Betrunkenheitssimulator-Brille (ein Highlight übrigens), der komplette Fuhrpark, ein spektakuläres Showprogramm und jede Menge Bratwurst. Natürlich musste man damit rechnen, alle zehn Minuten kontrolliert zu werden, Zitat: „Wir haben Hinweise darauf, dass die Antifa das hier mit Flyern überrennen will“, bei der nächsten Ausweiskontrolle hieß es dann: „Wir haben Hinweise darauf, dass hier Antifa-Leute unterwegs sind und gezielt Photos von Kollegen macht.“ Mmmhh, ziemlich schlimme Sache, so ne Antifa…und dann auch noch im eigenen Gebäude. In letzter Zeit könnte man fast den Eindruck gewinnen, „die Antifa“ wäre noch vor der kroatischen Wettmafia, den Ultras oder den Drogenkartellen die gefährlichste Gruppierung in der Stadt. Naja, dann kann man auch mal willkürlich alle kontrollieren, die sich vielleicht einfach nur einen netten Tag der offenen Tür machen wollten. Das nächste Mal nehm ich Kinder mit, um in Ruhe gelassen zu werden.
Das Gebäude, das vor dem Hintergrund eines Bürgerkriegsszenario erdacht worden zu sein scheint (massive Festungsanlage auf einem Sockel, zentral, aber peripher genug, um als Rückzugs bzw. Nachschubstelle nah am Stadtzentrum genutzt zu werden) wurde in weiten Teilen mit Ständen und Attraktionen vollgestopft, in den Höfen gabs entweder Biergarten oder Showprogramm, bei dem es u.a. Europameister Polizeihauptkommissar Kraft mit seinem Motorrad zu bewundern gab, das Drill-Team der American High-School in Bamberg sowie Vebreschajagd und Kampfsimulationen des BFE. Die Abseilaktion des SEK wurde leider abgesagt. In der Werkstatt und anderen Räumen der Innenhöfe waren allerlei Absurditäten zu bewundern. Ich geh nächstes Jahr wieder hin.





Liebe Frankfurter Polizei….

für ein Skandälchen in der Bembel-Metropole mag’s ja noch reichen, aber im Vergleich zu richtigen Cops seid ihr ja so was von langweilig!

Zwei ganz besondere Freunde und Helfer

Die verzweifelt sympathischen Streifenpolizisten aus der TV-Doku-Soap „Toto und Harry“ (hier zu sehen beim Fall der toten Ente) wurden Opfer eines miesen Anschlags. Während Thomas Weinkauf und Torsten Heim an der Uni Bochum einen Gastvortrag in einer Vorlesung über Polizei- und Ordnungsrecht hielten, in dem sie über „die alltägliche Kluft zwischen geltender Rechtslage und praktischer Polizeiarbeit im Streifendienst“ referierten, wurde draußen ihr Streifenwagen demoliert:

Auf dem Parkplatz der Universität attackierten drei Vermummte den Streifenwagen der Polizisten. Zwei Männer und ein Frau zerschlugen mit Steinen die Heckscheibe und ein Seitenfenster des VW-Busses und warfen mit Farbe gefüllte Marmeladengläser in den Wagen, so die Bochumer Polizei

Tja, so schnell kanns gehen. Wer glaubt, in einem Hörsaal mit Dienstwaffe auftauchen zu müssen und dann auch noch von der legitimen Anwendung des Hausrechts bei den Räumungen der besetzten Hörsäle spricht, muss sich eigentlich nicht wundern. Nach eingehender Analyse des Tathergangs ist für Toto der Fall ganz klar:

„Die haben nicht alle Latten am Zaun“, sagt Streifenpolizist Toto.

Hoffentlich lassen sich die beiden Volkspolizisten ihre Gelassenheit im Umgang mit der „Kluft zwischen geltender Rechtslage und praktischer Polizeiarbeit“ nicht von solch verrückten Chaoten nehmen.

(via)

In der Kürze….

Der Kampf für den Sozialstaat ist die Suppe, die Verteidigung der nationalen Souveränität der Pfeffer, der sie schmackhaft macht. Die richtige Dosierung zu finden, ist eine knifflige Sache in Deutschland – man darf das Ganze natürlich nicht verwürzen.

Elsässer kocht ohne Salz.

Randnotiz aus Mayence

Vor einiger Zeit fand in Frankfurt eine Veranstaltung mit dem Titel „Wie deutsch ist der DGB?“ statt. Als hätte sich die Antwort nicht schon hundertemale bestätigt, konnte man sich beim Bratwurst-Grillen gegen Nazis im Hinterhof des DGB-Hauses in Moguntiacum am 1. Mai nochmals versichern, wie groß das D im DGB geschrieben wird. Nach der Nachricht, dass die Nazis am heutigen Tag wohl nicht mehr laufen würden setzte, als der Jubel der Anwesenden abgeebbt war, die Jugendband auf der Bühne mit einer von Glockenspiel eingeleiteten Jazzversion der deutschen Nationalhymne ein.

Die Mucker, die sich in pathetisch-sadistischen Briefen an die Sendegesellschaften über das Verjazzen heiliger Güter beklagen, und die schäumende Jugend, die an solchen Exhibitionen ihre Freude hat, sind eines Sinnes. Es bedarf nur der geeigneten politischen Situation, um sie zur Einheitsfront zusammenzuschweißen: jene verüben platonische Reinigungsaktionen, diese starten ihre Volks- und Jugendmusik. Verbrennen werden sie dasselbe. (Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens)

Selten…

so gelacht.
Weiteres zum Thema Nazis und Fast Food: hier