Tag-Archiv für 'junge-deutsche'

…und dieses schicke Blau

Einige Impressionen vom Tag der offenen Tür der Frankfurter Polizei:
Wow, was war da nicht alles geboten. Blaskapelle, Zeugentest, In-den-Wasserwerfer-Setzen, ED-Behandlung, Schießstandbesichtigung, Betrunkenheitssimulator-Brille (ein Highlight übrigens), der komplette Fuhrpark, ein spektakuläres Showprogramm und jede Menge Bratwurst. Natürlich musste man damit rechnen, alle zehn Minuten kontrolliert zu werden, Zitat: „Wir haben Hinweise darauf, dass die Antifa das hier mit Flyern überrennen will“, bei der nächsten Ausweiskontrolle hieß es dann: „Wir haben Hinweise darauf, dass hier Antifa-Leute unterwegs sind und gezielt Photos von Kollegen macht.“ Mmmhh, ziemlich schlimme Sache, so ne Antifa…und dann auch noch im eigenen Gebäude. In letzter Zeit könnte man fast den Eindruck gewinnen, „die Antifa“ wäre noch vor der kroatischen Wettmafia, den Ultras oder den Drogenkartellen die gefährlichste Gruppierung in der Stadt. Naja, dann kann man auch mal willkürlich alle kontrollieren, die sich vielleicht einfach nur einen netten Tag der offenen Tür machen wollten. Das nächste Mal nehm ich Kinder mit, um in Ruhe gelassen zu werden.
Das Gebäude, das vor dem Hintergrund eines Bürgerkriegsszenario erdacht worden zu sein scheint (massive Festungsanlage auf einem Sockel, zentral, aber peripher genug, um als Rückzugs bzw. Nachschubstelle nah am Stadtzentrum genutzt zu werden) wurde in weiten Teilen mit Ständen und Attraktionen vollgestopft, in den Höfen gabs entweder Biergarten oder Showprogramm, bei dem es u.a. Europameister Polizeihauptkommissar Kraft mit seinem Motorrad zu bewundern gab, das Drill-Team der American High-School in Bamberg sowie Vebreschajagd und Kampfsimulationen des BFE. Die Abseilaktion des SEK wurde leider abgesagt. In der Werkstatt und anderen Räumen der Innenhöfe waren allerlei Absurditäten zu bewundern. Ich geh nächstes Jahr wieder hin.





Randnotiz aus Mayence

Vor einiger Zeit fand in Frankfurt eine Veranstaltung mit dem Titel „Wie deutsch ist der DGB?“ statt. Als hätte sich die Antwort nicht schon hundertemale bestätigt, konnte man sich beim Bratwurst-Grillen gegen Nazis im Hinterhof des DGB-Hauses in Moguntiacum am 1. Mai nochmals versichern, wie groß das D im DGB geschrieben wird. Nach der Nachricht, dass die Nazis am heutigen Tag wohl nicht mehr laufen würden setzte, als der Jubel der Anwesenden abgeebbt war, die Jugendband auf der Bühne mit einer von Glockenspiel eingeleiteten Jazzversion der deutschen Nationalhymne ein.

Die Mucker, die sich in pathetisch-sadistischen Briefen an die Sendegesellschaften über das Verjazzen heiliger Güter beklagen, und die schäumende Jugend, die an solchen Exhibitionen ihre Freude hat, sind eines Sinnes. Es bedarf nur der geeigneten politischen Situation, um sie zur Einheitsfront zusammenzuschweißen: jene verüben platonische Reinigungsaktionen, diese starten ihre Volks- und Jugendmusik. Verbrennen werden sie dasselbe. (Adorno, Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens)

Stammtisch deutscher Popkultur

Out now: Der Soundtrack zur Krise !

Silbermond (die bislang u.a. mit gestochen scharfer Kapitalismus-Analyse in Erscheinung getreten sind) haben mit ihrem Song „Irgendwas bleibt“ einen neuen Hit gelandet. Da es sich bei Silbermond um eine jener jungdeutschen Vorzeigebands handelt, deren rebellisches Potential sich bestenfalls zur emo-nationalen Mobilmachung eignet, war von ihrer neuen Single Schlimmes zu erwarten. Und Zack-Peng-Zeitgeist: der neue Song schlägt ein wie eine Bombe, wobei diese Metapher eher unpassend ist. Eher fließt der Song wie warmer Honig durch die Ohren der krisengeschüttelten Individuen und solcher, die es nie werden wollten. Verpackt in den für Silbermond typischen wehmütigen Emo-Sound artikuliert sich in „Irgendwas bleibt“ die Angst und allgemeine Verunsicherung der beschädigten Lebewesen, die zwar genau wissen, was sie nicht tun dürfen (Alkohol, Drogen, Musik laut aufdrehen, Riots), aber keinen blassen Schimmer haben, wie sie dem Zwang zur Selbstverwirklichung in Arbeit und abgetrotzter „Freizeit“ angemessen entsprechen sollen, zumal sie sich in einer komplexen Welt bewegen, die sie ohnehin schon lange nicht mehr verstehen und es -in Angst vor dem, was da auf sie lauern möge- auch nicht wollen. Also bleibt nur die Flucht an den popkulturellen Stammtisch der Jungdeutschen, wo die Sportfreunde Stiller, Juli, Polarkreis 18 (!) und die Dienstältesten von Rosenstolz schon auf sie warten, um die Gestrauchelten in wohligem jungdeutschem Lebensgefühl zumindest weich landen zu lassen. Silbermond hält heute eine Video-Präsentation:

Mit bittersüßem Gitarrensound beginnt der Clip. Brennende Auto-Wracks, ein Riotcop-Reihe taucht auf, eine Meute gewaltbereiter Autonomer stürmt steinewerfend auf sie zu, wieder brennende Wracks….. plötzlich wirkt das Schlachtfeld leer, ein Einkaufswagen nebst brennender Barrikaden…….. auf dem mit Glassplittern übersähten Boden liegt die Sängerin mit geschlossenen Augen. Der Text setzt ein: „Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist.“ Mit mitleidend, dramatischem Blick durchschreitet sie die nun still gestellte (!) Szenerie: „Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein, denn Versuchungen setzen ihre Frist, doch bitte schwör, dass wenn ich wieder komm alles noch beim alten ist“….im zweiseitigen Spalier zwischen Demonstrant_innen und einer Bullenreihe…..:“Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas das bleibt. Gib mir einfach nur ein bisschen Halt. Und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit. Nimm ihr ein bisschen Geschwindigkeit.“…..die Sängerin setzt sich zu einer verletzten Demoteilnehmerin……eilt zu einer Festgenommen…..:“auch wenn die Welt den Verstand verliert, das Hier bleibt unberührt, nichts passiert“…. und die stillgestellte Welt bricht los, die Demo rennt an, Bullen knüppeln, Mollis fliegen, die Sängerin steht mit angestrengtem Blick gegen die Laufrichtung der Demonstrierenden, wird mehrfach angerempelt und fällt schließlich in Zeitlupe, den Refrain auf den Lippen gen Boden……mit einem warmen Lächeln hilft ihr die zunächst festgenomme Demoteilnehmerin wieder auf die Beine…alles ist vorbei.

Das kleinbürgerliche Bedürfnis hat die Teenies und Mitzwanziger ergriffen und sirenengleich erklingt der Wunsch nach der konfliktfreien Gesellschaft an die für verrückt erklärte Welt. Einfach nur ein kleines bisschen Sicherheit. Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Jugendliche Rebellion traut sich nicht mehr auf die gefährliche Straße und ergeht sich in einer Rethorik die jedem ländlichen CDU-Ortsverein alle Ehre machen würde. Andererseits weiß selbst die JU zumindest noch, an welchen Müll sie zu glauben hat. Silbermond hingegen sehnen sich nach dem Kleinheim mit Vorgarten, Gartenzwergen und vielleicht ein paar Geranien auf dem Balkon und scheinen das nicht einmal zu wissen.
Wo man nicht weiß, warum, wohin und „was denk ich mir eigentlich dazu?“, da ist es nur konsequent, einfach zu verschwinden, wie das Linkin Park Sänger Chester Benington im Riot-Video zu „Shadow of the day“ vorgemacht hat. Auch hier offenbart der Songtext die Abkehr von der komplizierten Welt:

I close both locks below the window
I close both blinds and turn away
Sometimes solutions aren‘t so simple
Sometimes goodbye’s the only way
[Chorus]
And the sun will set for you
The sun will set for you
And the shadow of the day
Will embrace the world in grey

Es gibt keine einfachen Lösungen, die schwierigen aber sind letztlich auch nicht des Nachdenkens wert. Und so veranlasst die Angst vor der Erkenntnis, dass manche Lösung durchaus einfach sein kann, dem bürgerlichen Bewusstsein aber vor ihren Konsequenzen graut, zum sang- und klanglosen Tschüssikowski im dramatischen Abgang durch die Bürgerkriegs-Szene. Wenigstens ist der Schnodder noch in Englisch. Ebenso in Englisch: der Riot-Clip der Toten Hosen zu „pushed again“; Bei aller Kritik an dieser Kommerzpostdeutschpunk-Truppe waren die Toten Hosen wenigstens noch in der Lage, sich überhaupt auf eine Seite zu stellen, auch wenn es natürlich die der gerechten Kämpfe der Geknechteten der Welt sein musste (mit Ausnahme Deutschlands, das die Band mit Opel, eisgekühltem Bommerlunder, Schinken, Ei und Jägermeister und der Songsprache in ihr Herz geschlossen haben dürften); Mit Campinos Auftritten bei Maischberger und Co. war die Riot-Attitüde dann vollends zum vernünftig gewordenen Gutmenschentum verwandelt.
Aber zurück zum Stammtisch der Deutschquotengaranten für den Volksempänger: man sieht sich Fotoalben an und plaudert über die mit schneeweißen Outfits und klaren, kühlen Berglandschaften zur Schau gestellte Reinheit der Dresdner Shooting-Stars von Polarkreis 18 (warum heißen die so?). Wo Paul McCartney in bester Hippie-Manier noch „Come together!!“ trällerte, feiern Polarkreis18 in ihrem Song „Allein, allein“ die einsame Existenz der gesellschaftlichen Monaden, um dann die Isolierten im Refrain zu einem Bad in der Masse, zum Miteinstimmen in den Chor, ins „Allein! Allein!“ einzuladen:

He´s living in a universe
A heart away
Inside of him there´s no one else
Just a heart away
The time will come to be blessed
A heart away
To celebrate his loneliness
Allein, allein
allein, allein (8x)

Affirmativer Quark? Da können Juli nur lachen.Und das mit Recht, denn mit ihrem Song „dieses Leben“ haben sie sich zum Klassenprimus der jungdeutschen Lebensbejaher_innen gemausert und sogar die Sportfreunde Stiller, die einer jubelnden Partynation endlich wieder ihr Herz in die Hand legten, an reaktionärem Geseiere überholt. Frei nach dem Motto „Das Leben ist scheiße…. freu dich darüber!!“ haben Juli das sinnlose Wohlfühlen der befriedeten Seele vom Moment der perfekten Welle auf das ganze Leben ausgeweitet:

Mir ist kalt, mein Weg ist leer,
diese Nacht ist grau und kalt und schwer, sie hält mich fest und gibt mich nicht mehr her.
Ich bin gefangen, ich wach nicht auf und die letzten Lichter geh‘n bald aus.
Ich seh‘ mich fallen, doch ich geb nicht auf.

Denn ich liebe dieses Leben, ich liebe den Moment, in dem man fällt,
ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Tag, ich liebe diese Welt.
Ich liebe dieses Leben, ich liebe den Moment, in dem man fällt,
ich liebe dieses Leben, ich liebe diesen Tag, ich liebe diese Welt.

Nimm mir die Kraft, nimm mir das Herz, nimm mir alle Hoffnung
und all den Schmerz aus meiner Hand und gib sie nicht mehr her.
Was soll das sein, wo soll ich hin, wo sind meine großen Helden hin?
Auch wenn wir geh‘n, weiß ich nicht, wohin.

Denn ich liebe……

Ein Lied als Lüge. Das verzweifelte Bewusstsein bäumt sich ein letztes Mal auf, ehe es von der schwebenden Leichtigkeit der verordneten Liebe zum Leben, zum Tag, zur Welt getilgt wird. Der Videoclip bleibt widersprüchlich. Handelt es sich bei dem Sprung vom Gebäude um einen Suizid, der im rewind nachvollzogen und dann letztlich doch nie stattgefunden hat oder um den symbolischen Sprung ins bloße Sein der grauen Stadt? Auf jeden Fall bleibt den Zuschauer_innen der blutige Aufprall mit dem Asphalt erspart, sie werden statt dessen mitgenommen auf einer fliegenden Kamerafahrt durch die dunkle Abendnacht, um auf einem lichterstrahlten Straßenkonzert von Juli vor einem Wohnblock sicher zu landen und der Zombie-Veranstaltung beizuwohnen. Wenns nicht so traurig wäre und die tiefe Verzweiflung nicht aus jeder Textzeile triefen würde, könnte man über dieses unglaublich dumme Lied einfach nur lachen.

- I can‘t relax in Germany -
- Die Popkultur gegen Deutschland und andere Scheußlichkeiten verteidigen -

Flagge zeigen


07.02. – Antifademo in Weiden

Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben. (Adorno)

Die Leiden der jungen Dorn

Im Waschsalon zu lesen ist eine relativ unspektakuläre Angelegenheit. Nichtsdestotrotz kann diese Angelegenheit zu ungeahnten Wutanfällen führen, die dann -aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, die auch in einem Waschsalon gelten- noch nicht einmal artikuliert werden können. Deswegen werden diese dann auf einem Blog ins Netz gestellt, auch, wenn man sich danach nicht beruhigt hat. Angenommen, man hätte in einem Waschsalon gesessen und den aktuellen Spiegel, den ein freundlicher Mensch nach seinem Waschgang hat liegen lassen, zur Hand genommen, so hätte man sich über einen Artikel freuen dürfen, der es endlich mal auf den Punkt bringt: Deutschland, keine Denker
Die Überschrift schafft es, zumindest vages Interesse zu wecken und zack…. schon findet man sich wieder in dummdreisten Geschwafel darüber, dass es in Deutschland keine „öffentlichen Intellektuellen“ unter 70 mehr gebe und damit die Demokratie gefährdeter sei, als je zuvor. Die Gespräche, die die Autorin und Moderatorin von „Literatur im Foyer“ Thea Dorn im Laufe der Jahre mit ihren jüngeren Gästen geführt habe, seien zwar ganz nett gewesen aber Anregung zum Denken oder gar Rührung konnte sie nur im Gespräch mit geistigen Düsenfliegern im Seniorenalter erleben. Hier folgt eine kleine Aufzählung der wichtigen „öffentlichen Intellektuellen“, genannt werden neben Dahrendorf und Enzensberger u.a.:

- der linkskatholischen Robert Spaemann , der islamistischen Selbstmordattentaten als Beweis des festen Gottesglaubens zumindest ein bisschen was abgewinnen kann, Gesetzestreue aus dem Wissen um den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen fordert und auch mal gerne seine Unterschrift für die junge Freiheit hergibt, da diese natürlich auch das Recht auf einen Stand auf der Leipziger Buchmesse haben müsse
- der Hitler-Biograph und FAZ-Feuilletonist Joachim Fest, der der Shoa in seinem Hauptwerk drei Seiten einräumte und im Historikerstreit Ernst Nolte in der FAZ eine Plattform für dessen geschichtsrevisionistische Thesen bot
- Martin Walser, über den sich jedes weitere Wort erübrigt

Nun stellt sich die Autorin die Frage, warum es unter jüngeren Intellektuellen keine „Persönlichkeiten“ mehr gebe, warum keine Ausstrahlung , was fehlt? Ganz klar, so der Publizist Raddatz (*1931):

Die Nachgeborenen hätten in ihrem Leben keinen „existenziellen Riss“ erfahren, sie hätten „keine brennenden Menschen“ gesehen.

Ach so ist das. Die Jüngeren hatten ohne die leibhaftige Erfahrung des Nationalsozialismus einfach nie eine Chance auf Persönlichkeitsbildung. Doch diesen Gedanken verwirft die Autorin mit dem Verweis auf Mann und Nietzsche und nähert sich dem wahren Grund:

Das Defizit der Jüngeren ist nicht, dass die Welt, in der sie aufgewachsen sind und jetzt leben, so harmlos wäre, dass nichts erschütterndes mehr geschieht. Das Problem ist, dass sie sich von nichts mehr erschüttern lassen.

Jetzt wird der Habermas’sche Vorwurf der jugendlichen Immunisierung gegen Erfahrung aufgegriffen und spezifiziert:

Nur, dass die Immunisierung heute keiner maoistische-trotzkistisch-leninistischen Verblendung entspringt, sondern einer Lyotard-Baudrillard-Derridaschen. Die Postmoderne hat in der Geisteshaltung der jüngeren Intellektuellen größere Verwüstungen angerichtet als der Orkan „Kyrill“ im Hochsauerland. Denn wie soll ich auf Ereignisse emphatisch reagieren, wenn ich mir von Dekonstruktivisten habe einflüstern lassen, dass alles nur „Bild“, „Oberfläche“, „Text“ sei? Wie soll ich mit Verve eine Position verteidigen, wenn ich mir von den Poststrukturalisten habe weismachen lassen, dass es nicht um die Wahrheit gehe, sondern lediglich darum, die „Sprecherposition“ einzunehmen?

Die postmoderne Verblendung hat also die Haltung und Selbstwahrnehmung der Jungen zerstört, die Persönlichkeiten in einem Brei substanzloser Bezeichnungen zermalmt. Die Kritikwürdigkeit postmoderner Theorie soll hier nicht kategorisch geleugnet werden, aber man fragt sich schon, ob es gewagte Unterstellung oder schlichte Dummheit ist, den „Mangel öffentlicher Intellektueller“ unter 70 mit postmodernen Theorieströmungen erklären zu wollen. Als führten solcherlei Ansätze, die die metaphysischen Vorraussetzungen vorgängiger Theorien in Frage stellen und nach Möglichkeiten neuer politischer Verortungen suchen, zum Ende der Theorie und politischer Stellungnahme selbst:

Und so können die biographisch Ratlosen im Diskurs allenfalls die Rolle der mal besser, mal schlechter gelaunten, aber letztlich immer unbeteiligten Beobachter einnehmen. Wer selbst nicht so recht glaubt, was er sagt, weil am Schluss ja doch alles relativ ist, wird nie markant Stellung beziehen. „Die Alten“ haben im Laufe der Jahrzehnte -teils krasse Positionswechsel vollzogen. Aber bei ihnen erscheint dieser Wechsel als Ausdruck lebendigen Wandels, nicht als Ausdruck einer Verunsicherung ohne Gravitationspunkt.

Einen weiteren Grund sieht Thea Dorn in einem Strukturwandel der Öffentlichkeit und meint damit die basisdemokratische Möglichkeit vieler zur Meinungsäußerung in Internet und TV, welche anzuerkennen „intellektuellem Defätismus“ gleichkomme. Intellekt müsse als Profession zu verstehen sein, die nach einem adäquaten Maß an Reputation in der eigenen Zunft dann auch in die Öffentlichkeit treten müsse. In diesem Zusammenhang wird über die mangelnde Präsenz von Rainer Forst in den Medien geklagt, ehe der Artikel mit einem beherzten Aufruf, die Ballettschuhe auszuziehen und „in den Ring“ zu steigen sein Ende findet.
Durch den gesamten Artikel zieht sich als Unterton die Antwort auf die Frage, die er stellen möchte: die Altehrwürdigkeit, speziell die deutsche. Die Verzückung über die „leidenschaftlichen Ichs“ der „öffentlichen Intellektuellen“ ist eine tief patriarchale, die jedeN ModeratorIn überkommt, wenn Hans Joachim Vogel, Helmut Schmidt oder ein anderer der elder statesmen -möglichst in einer Dunstwolke aus Zigarrenrauch- mit mal strafendem, mal prophetischem Blick den mahnenden Zeigefinger hebt, um mit christlich-gesellschaftstheoretischen Allgemeinplätzen respektvolles Nicken und Applaus abzusahnen. Der Satz zum Ende des Artikels:

Der kritische Geist darf den öffentlichen Raum nicht kampflos den Krachmachern und Schaumschlägern überlassen

zeugt von grenzenloser Naivität, denn die „Intellektuellen“, von denen in der medialen Öffentlichkeit Notiz genommen wird, packen kritisches Potential (sofern vorhanden) allein schon deshalb in die Schublade, weil sie sich auf die habituellen Erwartungen der Rundfunkanstalten und ihrer KonsumentInnen konzentrieren müssen, die ihnen diesen Platz überhaupt erst sichern. Es geht um Stil und Image, ohne viel Streitbares, „Intellektuelle Äußerungen“, als kritisches Denken verstanden, wären schon ihr Todesstoß. Gesellschaftskritik, die der Artikel zu Unrecht ausschließlich im universitären Bereich ansiedelt, hat heute eher selbst in ihrem eigenen Elfenbeinturm mit Exzellenz, Effizienz und Reputation zu kämpfen, als dort Zeit und Raum zur Entfaltung zu finden.
So zu tun, als sei mediale Öffentlichkeit ein allgemein zugänglicher Raum, ein Faktor der Demokratie oder gar eine systemäußere Sphäre der Einflussnahme, in der Gesellschafts-theorie und -kritik bloß ihren Platz einnehmen müsste, zeugt entweder von Unkenntnis über den kulturindustriellen Medienbetrieb oder von Wunschdenken.
Letztlich vertritt Thea Dorn einen elitären Intellekt-Begriff, der sich im Grunde genommen in affirmativen Geschwafel mit ganz viel Gehabe erschöpft, radikale Kritik erscheint ihr unvernünftig:

Es zeugt von wohltuender Bescheidenheit und Vernunft, dass der Intellektuelle im frühen 21. Jahrhundert sich nicht mehr anmaßt, das Rad der Geschichte in eine komplett andere Richtung herumreißen zu wollen. Aber den Anspruch aufzugeben, Sand im Getriebe zu sein, das gleicht einer vorauseilenden Kapitulation.

Worum es ihr geht, ist eine kleine Prise mehr besonnene Gesellschaftkritik in der Medienkultur, dabei sieht sie nicht, dass die Kritik der „Jüngeren“ vorrangig gegen und deswegen nicht in der „medialen Öffentlichkeit“ stattfindet. Zudem wird Gesellschaftstheorie im medialen Diskurs und der Gesellschaft selbst ja nicht umsonst immer weiter marginalisiert. Schließlich ist keine noch so schlaue Analyse mehr wert als ihr Mehrwert. Im „öffentlichen Medien“ findet sich kritisches Potential vor allem im popkulturellen Bereich und vielleicht in News&Stories, aber sicher nicht im philosphischen Quartett, oder im zwei Augen-Gepräch zwischen Beckmann und Helmut Karasek. Aber für diese Einsicht unterliegt die distinktionssichere Thea Dorn wahrscheinlich zu sehr der Spaemann-Fest-Walserschen Verblendung.