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Claus Kleber sagt jetzt auch öfter mal „Scheiße“

Das neue ZDF Heute Journal beglückt seine Zuschauer_innen seit dem 17. Juli im neuen Studio mit einem komplett digitalen Design, 3-D Animationen und dazwischen umherwandernden Moderator_innen, die, wenn sie am überdimensionalen Tisch sitzen, gerne ein paar flapsige Worte wechseln oder auch mal einen Schwank aus ihrem Privatleben einfließen lassen. Die 3-D Animationen sollen die Nachrichten verständlicher, „lesbar“ machen. Claus Kleber versichert in der bescheidenen Vorstellung des neuen Studios:

…und dann erschaffen Graphikcomputer die neue virtuelle Nachrichtenwelt des ZDF, in der wir aber nichts vorgaukeln wollen. Wir werden wichtige Nachrichten machen. Wir werden seriös bleiben, aber die Nachrichten werden hoffentlich begreifbarer.

In einer der ersten Sendungen spazierte Claus Kleber dann durch das Studio, sich langsam hinbewegend auf eine Animation, die einen Sockel und eine darauf platzierte, strahlend leuchtende Kristallkugel erschuf, hinter der sich dreidimensionale Balkendiagramme aufbauten, um einen neuen Gesetzestext zu erklären (ähnliche Animationen sind hier ab 0.35 und 1.02 zu sehen). Effekt und Affekt geben einander die Klinke in die Hand. Es geht nicht mehr darum, Informationen zu liefern, über die es bestenfalls nachzudenken gilt, sondern es wird verbildlicht, was ist. Die Graphiken sind zunächst selbst das Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. Information ist nicht Ausgangspunkt eines Feldes von Überlegung und anschließender Positionsbestimmung, sondern wird in der graphischen Darstellung selbst erst erklärungsbedürftig. An die Stelle der Beschäftigung mit einer Information tritt die Beschäftigung mit einer Graphik. Ist der Zusammenhang mit dem, was sie repräsentieren soll hergestellt, könnte die Tendenz dazu betehen, den Denkvorgang der Erfassung der Information als den zu nehmen, der an die Information erst anschließt, nämlich: Meinung, Hintergründe, pro, contra, Zusammenhänge. Statt dessen wird ein Sachverhalt konstruiert und in seiner graphischen Erfassung hingenommen. Die Verständlichkeit wird zum Einverständnis.

In der Konkurrenz mit den Nachrichtensendungen der Privatsender macht des neue ZDF-Heute-Journal mit der Strukturierung der Sendung nun ernst. Die Nachrichten des Tages werden in ein bis zwei dreiminütige Blöcke gepackt, dazwischen längere Beiträge (z.B. 7 Minuten für die Berichterstattung über die Vorhölle „Daisy“, immerhin ein Drittel der Sendung) und kürzere „Berichte und Reportagen“, die fast glamaukhafte Züge annehmen und meist mit einer schmunzelnd-versöhnenden Metapher oder einer Floskel enden. Schließlich wird Humor großgeschrieben. Ein Beispiel liefert die Heute Sendung vom 9.1., deren Beitrag zum Wettertief „Daisy“ folgendermaßen endet:

Und so erwiesen sich die Warnungen vor dem Schneechaos am Ende als…naja…sie sehens ja selbst. (Zoom auf eine Ente in der Dresdner Winterszenerie -Großaufnahme der Ente 3sek)

Studio: Klaus Kleber sitzt grinsend am Tisch, im Hintergrund ein Korrespondent auf Rügen:
„Na hoffentlich hat die noch jemand ins Warme gebracht (die ente,l). Im Süden wars ja nun nicht so schlimm aber im Norden, da war richtig was los……Peter Hast unser Korrespondent…..“

Nun mutet das bei diesem Thema nicht unbedingt dramatisch an, wenn es aber z.B. um Krise, Krieg oder Sozialpolitik geht könnte das Lachen im Halse stecken bleiben. Wobei Lachen schon zuviel wäre. Es geht ja schließlich nur um ein leichtes Schmunzeln, mit dem man auf die Abläufe der Politik und Gesellschaft hinabblicken kann. Eigentlich ist es ja nicht so wichtig. Die Nachrichtensendung scheint weder die Zuschauer_innen, noch die Nachrichten, noch vor allem sich selbst ernst zu nehmen. Die Informationsvermittlung in den Beiträgen steht der der Moderator_innen an Verdummungsgrad nicht nach. Kein Thema scheint blöde genug zu sein, um es nicht in der Nachrichtensendung des ZDF-Heute-Journals als „Bericht“ zu verwursten. Grammatik scheint dann auch nicht mehr besonders wichtig zu sein. Dies soll nun kein Aufruf zur Erhaltung der einen rechten deutschen Sprache sein, sondern ein weiteres Indiz für die Transformation der Nachrichten zur Unterhaltungssendung, die auch selbst nichts anderes mehr sein will, bieten. Exemplarisch sind Sprechtexte wie:

Hier in Remscheid viele steile Straßen. Nun, seit klar ist, es gibt nichts nach, könnte es rutschig werden.

oder auch

Sie kommen nicht hinterher, in keinem der deutschen Salzbergwerke, denn seit Wochen immer wieder Neuschnee und Eis in ganz Mitteleuropa haben die Vorräte der Räumdienste schmelzen lassen.

Die Zitate entstammen einem sehr empfehlenswerten Beitrag über die dramatische Lage in der Streusalzversorgung der deutschen Städte und Kommunen. Fast drei Minuten lang wird den Zuschauer_innen von Straßenmeister Michael Sauer, Salz-Kumpel Jörg Teichmann aus Sondershausen in Thüringen oder der Vertriebsangestellten Kathleen Risch der Ernst der Salzlage erklärt. Straßenmeister Kunckler aus Hilden schließt mit der Warnung an, dass es nirgendwo möglich sein wird, irgendwo hinzukommen. Schön, wenn der Beitrag endet:

Aus dem Süden kommen Schnee und Eis, aber auch Hoffnung. Die Tivala ist da aus Afrika. Mit marokkanischem Salz für Straßen in Norddeutschland, dringend erwartet. Doch für die Winterdienste doch nur ein Tropfen… auf dem kalten Stein.

Die Zahl der Interviews nimmt stetig zu, wobei es aber nicht darum geht verschiedene Meinungen zu repräsentieren. Neben den Schilderungen der verschiedenen Beruftätigen in irgendwelchen Käffern fallen in den Heute-Beiträgen die ständigen Straßenumfragen auf. Während die Beruftätigen in ihrem unentwegten Einsatz deutsches Pflichtbewusstsein vermitteln, wird in den Straßenumfragen versucht, dieses durch gelassene Bürger_innen im Alltag, beim Einkauf oder beim Wandern auf dem Brocken, zu brechen. Dabei scheint es aber nicht darum zu gehen, verschiedene Meinungen einzuholen, sondern überhaupt keine. Es geht nicht darum, was gesagt, sondern was gezeigt wird. Gezeigt werden fast ausschließlich weiße Durchschnitts-Deutsche mittleren Alters, die mit humorvoller Gelassenheit eine Floskel a la „Da muss man eben durch“ oder „Ja, ich find den Streik gut, aber dass es mich jetzt betrifft….“ ins Mikrophon sprechen. Hier wird im Zirkelschluss deutlich, was sagbar ist, bzw. was gesagt werden soll, wenn man einer Kamera ins Gesicht schaut: nichts, aber schon irgendwas, Subtext Hinnahme ist erwünscht. Vor allem geht es wieder darum, mit einem Schmunzeln zu antworten. Immer wird deutlich: Egal was es ist, es ist nicht wichtig genug, um mich in meinem Betrieb, den ich Alltag nenne, zu stören. Nachrichten werden zur unterhaltenden Konsensmaschine. Und immer, wenn man denkt, es könnte nicht schlimmer kommen, dann kommt es noch schlimmer (ab min 11.40)