Tag-Archiv für 'pseudokritik'

Die Leiden der jungen Dorn

Im Waschsalon zu lesen ist eine relativ unspektakuläre Angelegenheit. Nichtsdestotrotz kann diese Angelegenheit zu ungeahnten Wutanfällen führen, die dann -aufgrund gesellschaftlicher Konventionen, die auch in einem Waschsalon gelten- noch nicht einmal artikuliert werden können. Deswegen werden diese dann auf einem Blog ins Netz gestellt, auch, wenn man sich danach nicht beruhigt hat. Angenommen, man hätte in einem Waschsalon gesessen und den aktuellen Spiegel, den ein freundlicher Mensch nach seinem Waschgang hat liegen lassen, zur Hand genommen, so hätte man sich über einen Artikel freuen dürfen, der es endlich mal auf den Punkt bringt: Deutschland, keine Denker
Die Überschrift schafft es, zumindest vages Interesse zu wecken und zack…. schon findet man sich wieder in dummdreisten Geschwafel darüber, dass es in Deutschland keine „öffentlichen Intellektuellen“ unter 70 mehr gebe und damit die Demokratie gefährdeter sei, als je zuvor. Die Gespräche, die die Autorin und Moderatorin von „Literatur im Foyer“ Thea Dorn im Laufe der Jahre mit ihren jüngeren Gästen geführt habe, seien zwar ganz nett gewesen aber Anregung zum Denken oder gar Rührung konnte sie nur im Gespräch mit geistigen Düsenfliegern im Seniorenalter erleben. Hier folgt eine kleine Aufzählung der wichtigen „öffentlichen Intellektuellen“, genannt werden neben Dahrendorf und Enzensberger u.a.:

- der linkskatholischen Robert Spaemann , der islamistischen Selbstmordattentaten als Beweis des festen Gottesglaubens zumindest ein bisschen was abgewinnen kann, Gesetzestreue aus dem Wissen um den „Wert des inneren Friedens“ im Gemeinwesen fordert und auch mal gerne seine Unterschrift für die junge Freiheit hergibt, da diese natürlich auch das Recht auf einen Stand auf der Leipziger Buchmesse haben müsse
- der Hitler-Biograph und FAZ-Feuilletonist Joachim Fest, der der Shoa in seinem Hauptwerk drei Seiten einräumte und im Historikerstreit Ernst Nolte in der FAZ eine Plattform für dessen geschichtsrevisionistische Thesen bot
- Martin Walser, über den sich jedes weitere Wort erübrigt

Nun stellt sich die Autorin die Frage, warum es unter jüngeren Intellektuellen keine „Persönlichkeiten“ mehr gebe, warum keine Ausstrahlung , was fehlt? Ganz klar, so der Publizist Raddatz (*1931):

Die Nachgeborenen hätten in ihrem Leben keinen „existenziellen Riss“ erfahren, sie hätten „keine brennenden Menschen“ gesehen.

Ach so ist das. Die Jüngeren hatten ohne die leibhaftige Erfahrung des Nationalsozialismus einfach nie eine Chance auf Persönlichkeitsbildung. Doch diesen Gedanken verwirft die Autorin mit dem Verweis auf Mann und Nietzsche und nähert sich dem wahren Grund:

Das Defizit der Jüngeren ist nicht, dass die Welt, in der sie aufgewachsen sind und jetzt leben, so harmlos wäre, dass nichts erschütterndes mehr geschieht. Das Problem ist, dass sie sich von nichts mehr erschüttern lassen.

Jetzt wird der Habermas’sche Vorwurf der jugendlichen Immunisierung gegen Erfahrung aufgegriffen und spezifiziert:

Nur, dass die Immunisierung heute keiner maoistische-trotzkistisch-leninistischen Verblendung entspringt, sondern einer Lyotard-Baudrillard-Derridaschen. Die Postmoderne hat in der Geisteshaltung der jüngeren Intellektuellen größere Verwüstungen angerichtet als der Orkan „Kyrill“ im Hochsauerland. Denn wie soll ich auf Ereignisse emphatisch reagieren, wenn ich mir von Dekonstruktivisten habe einflüstern lassen, dass alles nur „Bild“, „Oberfläche“, „Text“ sei? Wie soll ich mit Verve eine Position verteidigen, wenn ich mir von den Poststrukturalisten habe weismachen lassen, dass es nicht um die Wahrheit gehe, sondern lediglich darum, die „Sprecherposition“ einzunehmen?

Die postmoderne Verblendung hat also die Haltung und Selbstwahrnehmung der Jungen zerstört, die Persönlichkeiten in einem Brei substanzloser Bezeichnungen zermalmt. Die Kritikwürdigkeit postmoderner Theorie soll hier nicht kategorisch geleugnet werden, aber man fragt sich schon, ob es gewagte Unterstellung oder schlichte Dummheit ist, den „Mangel öffentlicher Intellektueller“ unter 70 mit postmodernen Theorieströmungen erklären zu wollen. Als führten solcherlei Ansätze, die die metaphysischen Vorraussetzungen vorgängiger Theorien in Frage stellen und nach Möglichkeiten neuer politischer Verortungen suchen, zum Ende der Theorie und politischer Stellungnahme selbst:

Und so können die biographisch Ratlosen im Diskurs allenfalls die Rolle der mal besser, mal schlechter gelaunten, aber letztlich immer unbeteiligten Beobachter einnehmen. Wer selbst nicht so recht glaubt, was er sagt, weil am Schluss ja doch alles relativ ist, wird nie markant Stellung beziehen. „Die Alten“ haben im Laufe der Jahrzehnte -teils krasse Positionswechsel vollzogen. Aber bei ihnen erscheint dieser Wechsel als Ausdruck lebendigen Wandels, nicht als Ausdruck einer Verunsicherung ohne Gravitationspunkt.

Einen weiteren Grund sieht Thea Dorn in einem Strukturwandel der Öffentlichkeit und meint damit die basisdemokratische Möglichkeit vieler zur Meinungsäußerung in Internet und TV, welche anzuerkennen „intellektuellem Defätismus“ gleichkomme. Intellekt müsse als Profession zu verstehen sein, die nach einem adäquaten Maß an Reputation in der eigenen Zunft dann auch in die Öffentlichkeit treten müsse. In diesem Zusammenhang wird über die mangelnde Präsenz von Rainer Forst in den Medien geklagt, ehe der Artikel mit einem beherzten Aufruf, die Ballettschuhe auszuziehen und „in den Ring“ zu steigen sein Ende findet.
Durch den gesamten Artikel zieht sich als Unterton die Antwort auf die Frage, die er stellen möchte: die Altehrwürdigkeit, speziell die deutsche. Die Verzückung über die „leidenschaftlichen Ichs“ der „öffentlichen Intellektuellen“ ist eine tief patriarchale, die jedeN ModeratorIn überkommt, wenn Hans Joachim Vogel, Helmut Schmidt oder ein anderer der elder statesmen -möglichst in einer Dunstwolke aus Zigarrenrauch- mit mal strafendem, mal prophetischem Blick den mahnenden Zeigefinger hebt, um mit christlich-gesellschaftstheoretischen Allgemeinplätzen respektvolles Nicken und Applaus abzusahnen. Der Satz zum Ende des Artikels:

Der kritische Geist darf den öffentlichen Raum nicht kampflos den Krachmachern und Schaumschlägern überlassen

zeugt von grenzenloser Naivität, denn die „Intellektuellen“, von denen in der medialen Öffentlichkeit Notiz genommen wird, packen kritisches Potential (sofern vorhanden) allein schon deshalb in die Schublade, weil sie sich auf die habituellen Erwartungen der Rundfunkanstalten und ihrer KonsumentInnen konzentrieren müssen, die ihnen diesen Platz überhaupt erst sichern. Es geht um Stil und Image, ohne viel Streitbares, „Intellektuelle Äußerungen“, als kritisches Denken verstanden, wären schon ihr Todesstoß. Gesellschaftskritik, die der Artikel zu Unrecht ausschließlich im universitären Bereich ansiedelt, hat heute eher selbst in ihrem eigenen Elfenbeinturm mit Exzellenz, Effizienz und Reputation zu kämpfen, als dort Zeit und Raum zur Entfaltung zu finden.
So zu tun, als sei mediale Öffentlichkeit ein allgemein zugänglicher Raum, ein Faktor der Demokratie oder gar eine systemäußere Sphäre der Einflussnahme, in der Gesellschafts-theorie und -kritik bloß ihren Platz einnehmen müsste, zeugt entweder von Unkenntnis über den kulturindustriellen Medienbetrieb oder von Wunschdenken.
Letztlich vertritt Thea Dorn einen elitären Intellekt-Begriff, der sich im Grunde genommen in affirmativen Geschwafel mit ganz viel Gehabe erschöpft, radikale Kritik erscheint ihr unvernünftig:

Es zeugt von wohltuender Bescheidenheit und Vernunft, dass der Intellektuelle im frühen 21. Jahrhundert sich nicht mehr anmaßt, das Rad der Geschichte in eine komplett andere Richtung herumreißen zu wollen. Aber den Anspruch aufzugeben, Sand im Getriebe zu sein, das gleicht einer vorauseilenden Kapitulation.

Worum es ihr geht, ist eine kleine Prise mehr besonnene Gesellschaftkritik in der Medienkultur, dabei sieht sie nicht, dass die Kritik der „Jüngeren“ vorrangig gegen und deswegen nicht in der „medialen Öffentlichkeit“ stattfindet. Zudem wird Gesellschaftstheorie im medialen Diskurs und der Gesellschaft selbst ja nicht umsonst immer weiter marginalisiert. Schließlich ist keine noch so schlaue Analyse mehr wert als ihr Mehrwert. Im „öffentlichen Medien“ findet sich kritisches Potential vor allem im popkulturellen Bereich und vielleicht in News&Stories, aber sicher nicht im philosphischen Quartett, oder im zwei Augen-Gepräch zwischen Beckmann und Helmut Karasek. Aber für diese Einsicht unterliegt die distinktionssichere Thea Dorn wahrscheinlich zu sehr der Spaemann-Fest-Walserschen Verblendung.